Burnham vor dem Sprung an die Regierungsspitze
Schon an seinem ersten Tag als Abgeordneter inszenierte sich Andy Burnham als Politiker zum Anfassen. Der 56-Jährige reiste per Zug von Manchester nach London, begleitet von Kamerateams und zahlreichen Neugierigen. Nach seiner Vereidigung in Westminster machte er ein Selfie mit der Labour-Fraktion – für viele ein erstes Symbol der Hoffnung auf frischen Schwung in der Partei.
Dass Burnham bald Keir Starmer als Premierminister ablösen könnte, gilt derzeit als sehr wahrscheinlich. Starmer hatte am Montag seinen Rücktritt angekündigt, kurz darauf erklärte Burnham seine Bewerbung für den Labour-Vorsitz. Sollte kein weiterer Kandidat antreten, könnte König Charles III. ihn noch vor Ende Juli mit der Regierungsbildung beauftragen.
Der populäre Mann aus dem Norden
Burnham pflegt seit Jahren das Image des bodenständigen Nachbarn von nebenan. Auf die einst gestellte Frage nach seiner Lieblingskeksform antwortete er mit „Bier, Pommes und Bratensoße“ – eine schräge, aber einprägsame Antwort, die gut zu seinem volksnahen Auftreten passt. Dieses Image machte ihn in Manchester und weit darüber hinaus beliebt.
Nach zwei gescheiterten Anläufen auf den Labour-Vorsitz hatte sich Burnham lange aus der ersten Reihe der nationalen Politik zurückgezogen. Inzwischen gilt der frühere Bürgermeister von Greater Manchester jedoch als einer der populärsten Labour-Politiker des Landes.
In Manchester konnte er Erfolge vorweisen, von denen viele Kommunalpolitiker im strukturschwachen Norden Englands nur träumen. Es gelang ihm, Investitionen in die Stadt zu lenken. Sichtbares Zeichen dafür ist die wachsende Skyline mit neuen Bürotürmen im Zentrum. Zudem baute er ein leistungsfähiges Nahverkehrsnetz mit Bussen und Straßenbahnen auf, das zwar privat betrieben wird, aber unter klaren Vorgaben der Stadt steht.

Wegen dieser Bilanz und seiner Distanz zu Westminster wird Burnham, angelehnt an „Game of Thrones“, oft als „König des Nordens“ bezeichnet. Innerhalb von Labour ist er besonders im gemäßigt linken Lager beliebt. Anders als Starmer grenzte er sich stärker von neoliberalen Konzepten ab und sprach sich für mehr staatlichen Einfluss bei Bahn, Wasserversorgung und sozialem Wohnungsbau aus. Das zentrale Problem dabei liegt auf der Hand: Für all das braucht es erhebliche finanzielle Mittel.
Schwieriger Weg nach Downing Street
Ob sich Burnhams kommunale Erfolge auf die nationale Ebene übertragen lassen, ist offen. Der Spielraum im Staatshaushalt ist begrenzt, und Burnham hat bereits signalisiert, weder die Steuern erhöhen noch zusätzliche Schulden aufnehmen zu wollen. Es bleibt daher unklar, ob er – anders als Starmer – in der Lage wäre, seiner sozialdemokratischen Partei harte Einschnitte im Sozialstaat zu vermitteln.
Hinzu kommt der Druck von rechts. Unter Starmer verlor Labour in Umfragen immer stärker an Boden gegenüber der rechtspopulistischen Reform UK von Nigel Farage. Farage forderte nach Starmers Rücktritt umgehend Neuwahlen, ebenso wie die konservative Parteichefin Kemi Badenoch. Für Burnham spricht allerdings, dass er bei der Nachwahl in Makerfield den Reform-Kandidaten klar hinter sich ließ.
Ob daraus ein landesweiter Trend werden kann, bleibt jedoch zweifelhaft. Der bekannte britische Politikwissenschaftler und Umfrageexperte John Curtice sagte der BBC, er rechne zunächst nicht mit einem umfassenden Stimmungswechsel.
Außenpolitik noch ohne klare Konturen
Welche außenpolitische Linie Burnham einschlagen würde, ist bislang schwer abzusehen. Zwar gilt er grundsätzlich als europafreundlicher als Starmer, doch in letzter Zeit hat er sich in dieser Frage zurückhaltender gezeigt. Eine frühere Aussage, er wolle eine Rückkehr Großbritanniens in die EU noch zu seinen Lebzeiten erleben, scheint ihm inzwischen eher unangenehm zu sein.
Auch höhere Militärausgaben dürften für ihn problematisch werden. Forderungen in diese Richtung hatte zuletzt der inzwischen zurückgetretene Verteidigungsminister John Healey erhoben. Angesichts der angespannten Haushaltslage wäre eine solche Aufrüstung auch unter Burnham schwer zu finanzieren.
Offen ist außerdem, wie er sich gegenüber den USA unter Donald Trump positionieren würde. Starmer hatte zunächst versucht, mit einer Strategie der Annäherung und Diplomatie im Umgang mit Trump zu punkten – am Ende jedoch ohne Erfolg. Trump verspottete ihn sogar öffentlich und sagte dessen Rücktritt schon tags zuvor in sozialen Netzwerken voraus.
Droht ein Mangel an Legitimation?
Dass Burnham womöglich ohne Gegenkandidaten zum neuen Labour-Chef aufsteigen könnte, wird nicht nur positiv gesehen. Experten verweisen darauf, dass ein fehlender innerparteilicher Wettbewerb auch Nachteile hat. Der Politikwissenschaftler Anand Menon vom King’s College London äußerte Zweifel, ob Burnham ohne eine offene Debatte über Ideen und Kurs der Partei dauerhaft erfolgreich sein kann.
Die Nachfolge Starmers hätte zudem eine bemerkenswerte historische Dimension: Innerhalb von nur zehn Jahren wäre Burnham bereits die siebte Person im Amt des britischen Premierministers. Nach Angaben Starmers beginnt die Nominierungsphase für den Labour-Vorsitz am 9. Juli und soll bis zur Parlaments-Sommerpause am 16. Juli abgeschlossen sein. Der gesamte Prozess soll spätestens mit dem Ende der Sommerpause am 1. September beendet werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber