Andy Burnham hat den Einzug ins britische Parlament geschafft und damit den Druck auf Premierminister Keir Starmer weiter erhöht. Der 56-Jährige gewann die Nachwahl im Wahlkreis Makerfield und kann nun formell den Weg für eine parteiinterne Abstimmung über die Labour-Führung ebnen. Mit seiner Frau und seiner Tochter im Arm verließ Burnham am frühen Morgen den Ort seines Wahlsiegs – für viele Beobachter der Auftakt zu einem erneut historischen Tag in der britischen Politik.
Nach dem amtlichen Ergebnis erhielt Burnham 24.927 Stimmen und damit knapp 10.000 Stimmen mehr als Robert Kenyon von der rechtspopulistischen Partei Reform UK, der auf 15.696 Stimmen kam. Die Wahlbeteiligung lag bei 58,8 Prozent beziehungsweise 45.476 abgegebenen Stimmen. Auf dem Weg zum Auto sagte Burnham laut der Nachrichtenagentur PA zunächst, er wolle erst einmal ein Bier trinken.
Mit dem Mandat als Abgeordneter im Unterhaus ist für Burnham nun die entscheidende Voraussetzung erfüllt, um Starmer offiziell herauszufordern. Ein Sitz in Westminster ist nötig, um den Labour-Vorsitzenden angreifen zu können. Gelingt es Burnham, genügend Rückhalt in der Fraktion zu organisieren, könnte er Starmer in eine Führungswahl zwingen.
Burnham sprach nach seinem Sieg von einem möglichen „Wendepunkt“. In seiner Rede am frühen Morgen sagte er, jeder spüre, dass das Land nicht dort sei, wo es sein sollte. Er werde alles geben, damit der Name Makerfield dauerhaft mit dem Wandel verbunden werde, den Großbritannien brauche. Außerdem wolle er etwas zurückbringen, das verloren gegangen sei: Hoffnung auf die Zukunft. Im Ton eines möglichen Regierungschefs versprach er zudem, für bessere Lebensbedingungen der Menschen im Norden des Landes zu kämpfen.
Für seine Rückkehr nach Westminster gibt Burnham seinen Posten als Bürgermeister von Greater Manchester auf. Er gilt im moderat-linken Labour-Lager als mit Abstand aussichtsreichster Kandidat für einen Sturz Starmers. Vor knapp zehn Jahren hatte er Westminster nach einem gescheiterten Versuch, Labour-Chef zu werden, den Rücken gekehrt. Schon in den kommenden Stunden oder Tagen könnte er seine Herausforderung offiziell ankündigen.
Starmer reagiert nun offensiver
Anders als zunächst erwartet ließ Starmer den Sieg Burnhams nicht unkommentiert. Am frühen Morgen gratulierte er ihm in sozialen Medien knapp zum Wahlerfolg. Die Wählerinnen und Wähler hätten sich für „Hoffnung und Optimismus“ und nicht für „Spaltung und Hass“ entschieden, schrieb der Premier bei X.
Wenig später machte Starmer zugleich deutlicher als zuvor, dass er derzeit nicht an einen Rückzug denkt. Sollte es zu einer Abstimmung über den Parteivorsitz kommen, wolle er sich dieser stellen. Es sei wichtig, dass Labour „an einem Strang zieht“. Zudem verwies er darauf, im Sommer 2024 ein Mandat erhalten zu haben, „um Veränderungen herbeizuführen“. Mit Burnham selbst habe er zunächst noch nicht direkt gesprochen, dies aber bald vor.
Damit deutet nun vieles auf Wochen eines internen Machtkampfs hin. Gegner Starmers hatten auf einen schnellen Rücktritt gehofft, doch stattdessen läuft es nach britischen Medienberichten eher auf eine Führungswahl mit mindestens zwei Kontrahenten hinaus. Nach den Regeln der ungeschriebenen britischen Verfassung ist der oder die Vorsitzende der Regierungspartei zugleich auch Premierminister oder Premierministerin.
Britische Medien stellten sich derweil bereits auf einen politischen Showdown ein. Schlagzeilen warnten vor einem Machtkampf bei Labour und einem heißen politischen Sommer. Andere Blätter sahen Burnham schon auf dem Weg nach Westminster – und womöglich weiter zur Downing Street.
Starmer seit Monaten tief in der Krise
Starmer steht seit Monaten massiv unter Druck. Besonders zugespitzt hatte sich die Lage nach den schweren Verlusten Labours bei den Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales Anfang Mai. Davon profitierte vor allem Reform UK um Nigel Farage.
Bislang hielt Starmer dennoch an seinem Amt fest – auch deshalb, weil es zwar scharfe parteiinterne Kritik gab, aber niemand mit ausreichend Rückhalt die offene Rebellion wagte. Genau das könnte sich nun ändern. Burnhams Auftritt nach dem Sieg ließ kaum Zweifel daran, dass er bereit ist, diesen Schritt zu gehen.
Ein Regierungssprecher betonte am Vormittag, der Premier konzentriere sich weiterhin darauf, die Agenda seiner Regierung umzusetzen. Spekulationen über weitere Rücktritte im Kabinett wurden heruntergespielt. Zuletzt war der einflussreiche Verteidigungsminister John Healey zurückgetreten. Zu Burnham äußerte sich aus der obersten Ministerebene zunächst niemand.
Wie könnte Burnham Starmer herausfordern?
Für eine offizielle Herausforderung um den Labour-Vorsitz braucht Burnham – ebenso wie andere mögliche Bewerberinnen und Bewerber – die Unterstützung von 20 Prozent der Labour-Abgeordneten. Das entspricht derzeit 81 Stimmen. Kommt diese Hürde zustande, würde anschließend eine Urabstimmung unter den Mitgliedern und weiteren Wahlberechtigten folgen. Starmer wäre als amtierender Parteichef automatisch Kandidat, müsste aber nicht zwingend antreten.
Als weiterer möglicher Bewerber gilt der als Gesundheitsminister zurückgetretene Wes Streeting. Britischen Berichten zufolge hoffen Burnham und Streeting, dass Starmer das Wochenende nutzt, um einzusehen, dass eine Herausforderung seiner Führung kaum noch abzuwenden ist und seine Zeit in der Downing Street abläuft.
Eine solche Führungswahl wäre allerdings kein schneller Vorgang, sondern könnte sich über Wochen oder sogar Monate ziehen. Ein längerer interner Machtkampf würde vor allem der Opposition im Parlament helfen – insbesondere Reform UK.
Verhindert werden könnte ein langer parteiinterner Wahlkampf nur in einem engeren Szenario: wenn Starmer zurücktritt und allein Burnham die Nachfolge anstrebt – oder wenn mögliche Herausforderer kurzfristig auf eine Kandidatur verzichten.
Wie könnte der Premier reagieren?
Starmer hatte bereits am Mittwoch – also einen Tag vor der Wahl – angedeutet, Burnham im Fall eines Sieges einen Platz in seinem Kabinett anbieten zu wollen. Das wurde in London als möglicher letzter Beschwichtigungsversuch gewertet.
Für den Premier bleiben damit im Kern zwei Wege: Entweder er klammert sich weiter an sein Amt und stellt sich einer Herausforderung – oder er räumt den Parteivorsitz und damit faktisch auch das Amt des Regierungschefs freiwillig. Nach seinen jüngsten Äußerungen spricht derzeit jedoch wenig dafür, dass er von sich aus weichen will. Doch auch im Fall eines Rückzugs müsste Labour einen neuen Vorsitzenden wählen.
Warum Makerfield plötzlich so wichtig ist
Dass ausgerechnet der Wahlkreis Makerfield ins Zentrum der britischen Politik gerückt ist, hat vor allem mit dem Rücktritt des bisherigen Labour-Abgeordneten Josh Simons zu tun. Er legte nach den desaströsen Kommunal- und Regionalwahlen sein Mandat nieder, um Burnham die Rückkehr ins Unterhaus zu ermöglichen und so einen Führungswechsel bei Labour anzustoßen.
Das war riskant, weil ein Sieg von Reform UK möglich schien. Am Ende ging der Plan der Starmer-Kritiker jedoch auf. Beobachtern zufolge gewann Burnham nicht in erster Linie wegen des Labour-Labels, sondern wegen seiner persönlichen Popularität. In Ashton-in-Makerfield, der größten Stadt des Wahlkreises, lief die Entscheidung für viele Wählerinnen und Wähler eher auf Burnham oder Reform hinaus als auf Labour oder Reform.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion