Politik

So will die Nato im Ernstfall den Angriff stoppen

Neuer Nato-Geheimplan? In drei Schritten soll ein Angreifer gestoppt werden – ohne Namen ist trotzdem klar, wer gemeint ist.

12.10.2026, 14:35 Uhr

Nato-Oberbefehlshaber Alexus Grynkewich hat auf dem Sicherheitsforum in Warschau ein neues Verteidigungskonzept für den Fall eines möglichen Angriffs auf Bündnisstaaten vorgestellt. Einen Krieg halte er weder für unmittelbar bevorstehend noch für unausweichlich, sagte der US-General. Abschreckung und Einsatzfähigkeit verlangten jedoch, nicht nur das Wahrscheinliche, sondern auch das Mögliche militärisch vorzubereiten.

Drei Stufen der Abwehr

Das von Grynkewich als „Theory of Victory“ bezeichnete Konzept beschreibt drei Phasen, mit denen ein Angreifer militärisch gestoppt und besiegt werden soll. Zunächst geht es darum, einen Vorstoß aufzuhalten („Block“). Setzt der Gegner seinen Angriff fort, soll seine Angriffskraft gebrochen und weiteres Vorrücken verhindert werden („Blunt“). Falls auch das nicht genügt, sieht der Plan vor, die angreifenden Truppen sowie die dahinterstehende militärische Führungs- und Unterstützungsstruktur zu zerschlagen („Break“).

Russland wird nicht direkt erwähnt

Nach Angaben des Nato-Oberbefehlshabers arbeitet das Bündnis bereits seit mehreren Jahren an diesem Ansatz. Wegen der jüngsten sicherheitspolitischen Entwicklungen habe man sich nun entschieden, ihn öffentlich vorzustellen.

Russland nannte Grynkewich bei der Präsentation zwar nicht ausdrücklich. Dennoch gilt Moskaus Kurs mehr als vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine unter westlichen Sicherheitsexperten als hochproblematisch. Geheimdienste westlicher Staaten gehen demnach davon aus, dass Russland spätestens bis 2030 militärisch in der Lage sein könnte, einen weiteren Krieg zu beginnen.

Besonders aufmerksam verfolgt Polen die Lage an seiner Ostgrenze. Mit Unterstützung der Bundeswehr baut das Nato-Land derzeit seine Befestigungen an der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad aus. Sorge bereiten Warschau zudem wiederholte russische Drohnenangriffe auf ukrainisches Gebiet in unmittelbarer Nähe zur polnischen Grenze.

Verteidigung soll schon vor dem ersten Schuss beginnen

Grynkewich betonte, dass die Verteidigung des Bündnisgebiets nicht erst mit einem feindlichen Angriff beginnen dürfe. Mithilfe von Geheimdienstinformationen, verschiedenen Aufklärungssystemen und deren Auswertung solle die Nato Bedrohungen frühzeitig erkennen. So gewinne das Bündnis Zeit, die Absichten eines Gegners einzuschätzen und eigene Kräfte rechtzeitig zu verlegen.

Nach Einschätzung des Generals dürfte die Nato daher kaum von einem Angriff überrascht werden. Zugleich solle jedem möglichen Aggressor klar sein, dass ein schneller Überraschungsschlag gegen das Bündnis keine Aussicht auf Erfolg habe.

Im Ernstfall würden zunächst vor allem die an der Front stationierten Bodentruppen der Nato den Angriff abfangen, gegnerische Verbände binden und bekämpfen. Parallel dazu sollen Luftwaffe und Marine — unterstützt durch Fähigkeiten im Weltraum und im Cyberraum — rasch die Kontrolle in der Luft und auf See sichern. Bei andauernden Gefechten sollen moderne Sensorik, autonome Waffensysteme und eng abgestimmte Operationen in mehreren militärischen Bereichen verhindern, dass der Gegner weiter vorrückt oder die Initiative zurückerlangt.

Fokus auf Präzisionswaffen und digitale Vernetzung

Sollte der Angreifer dennoch nicht nachlassen oder zusätzliche Kräfte in den Kampf werfen, plant Grynkewich gezielte Schläge gegen dessen militärischen Apparat. Nachschub- und Versorgungswege würden unterbrochen, Führungssysteme ausgeschaltet und angreifende Einheiten kampfunfähig gemacht. Vorgesehen ist dabei ein Zusammenspiel aus hochpräzisen, leistungsstarken Waffensystemen und einer großen Zahl günstigerer, massenhaft einsetzbarer Mittel.

Deshalb müssten die Nato-Staaten nach seinen Worten verstärkt in weitreichende Präzisionswaffen, Sensornetzwerke und digitale Infrastruktur für vernetzte Kriegsführung investieren. Zugleich zog Grynkewich eine klare Grenze: Es gehe nicht um die strategische Vernichtung des Gegners, sondern ausschließlich um die militärische Niederlage jener Kräfte, die das Bündnis angreifen.

Zum Abschluss zeigte sich der General demonstrativ entschlossen. Die Nato wisse, wie sie im Ernstfall kämpfen werde — und sie sei überzeugt, einen solchen Kampf zu gewinnen. Sollte das Bündnis angegriffen werden, sei es nach seinen Worten bereit, notfalls noch in derselben Nacht zu reagieren.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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