In nur wenigen Tagen hat die Huthi-Miliz zuletzt die gesamte jemenitische Küste am Roten Meer unter ihre Kontrolle gebracht. Damit verfügt sie nun auch über Einfluss auf die strategisch wichtige Meerenge Bab al-Mandab. Die Sorge, dass die Gruppe diese zentrale Route des Welthandels sofort sperren könnte, bestätigte sich zunächst zwar nicht. Dennoch ist klar geworden: Die Huthi sind zu einem Machtfaktor geworden, an dem in der Region niemand mehr vorbeikommt.
Ursprung der Bewegung
Die Gruppe nennt sich selbst Ansar Allah – also „Helfer Gottes“. Der Name Huthi geht auf ihren Gründer Hussein al-Huthi zurück, der 2004 getötet wurde. Heute steht dessen jüngerer Bruder Abd al-Malik an der Spitze der Bewegung. Die Familie al-Huthi beruft sich auf eine Abstammung vom Prophetenenkel Hasan ibn Ali und leitet daraus seit Langem einen besonderen gesellschaftlichen Rang ab.
Ideologische Ausrichtung
Die Ansar Allah sind eine islamistische Bewegung mit Wurzeln im zaiditischen Schiitentum. Diese Glaubensrichtung stellt im Jemen je nach Schätzung etwa 30 bis 45 Prozent der Bevölkerung. Ursprünglich galt der Zaidismus eher als vergleichsweise rational geprägte Richtung des Islams und weniger als dogmatisch-fundamentalistisch. Nach Einschätzung der Jemen-Expertin Marieke Brandt versucht die Huthi-Bewegung jedoch, dieses traditionelle Erbe zu verdrängen und allein die Deutung ihres Gründers durchzusetzen.
Zugleich versteht sich die Bewegung als Gegenkraft zum sunnitisch-fundamentalistischen Salafismus, der sich mit saudischer Unterstützung besonders im Nordwesten des Landes ausgebreitet hatte.

Politisch seien die Huthi stark vom iranischen Antiimperialismus beeinflusst, sagt Brandt. Hussein al-Huthi habe sich offen auf Ajatollah Chomeini und die iranische Revolution von 1979 bezogen. Entsprechend zeigt die Bewegung deutliche antiamerikanische, antiisraelische und antisemitische Tendenzen. Ausdruck davon ist auch ihr bekannter Slogan: „Gott ist groß, Tod Amerika, Tod Israel, Fluch über die Juden, Sieg dem Islam.“
Wie die Huthi militärisch so stark wurden
Nach Einschätzung von Brandt ist die heutige Schlagkraft der Huthi das Ergebnis eines langen Aufbaus, der seit etwa 2009 oder 2010 zusätzlich vom Iran gefördert wurde. Seit 2014 beherrschen sie große Teile des Nordens und auch die Hauptstadt Sanaa.
Dabei beschränkten sie sich nicht nur auf militärische Geländegewinne, sondern übernahmen auch zentrale staatliche Strukturen – von der Verwaltung bis zu Teilen des Militärs. Parallel dazu entwickelten sie Fähigkeiten, Waffen aus frei verfügbaren oder kommerziell beschafften Bauteilen selbst herzustellen.
Auch der Gaza-Krieg stärkte ihre Stellung. Während des Konflikts feuerten die Huthi aus Solidarität mit der Hamas Raketen in Richtung Israel. Das habe ihnen geholfen, sich als relevanter regionaler Akteur zu präsentieren.
Brandts Fazit: Die Huthi seien längst nicht mehr bloß eine Rebellengruppe, sondern ein hochgerüsteter, quasistaatlicher Akteur mit breiten Rekrutierungsnetzwerken, der Einfluss auf Energiemärkte nehmen und internationale Schifffahrtsrouten gefährden könne.
Der Machtapparat der Huthi
Ihre Herrschaft stützt sich laut Brandt auf eine intensive ideologische Beeinflussung der Bevölkerung sowie auf einen straff organisierten Militär- und Überwachungsapparat. Zusammengehalten werde das System vor allem durch den gemeinsamen Kampf gegen äußere Feinde.
Gerade darin liege jedoch auch eine Schwäche: Frieden könnte für die Huthi problematisch werden. Ohne äußeren Druck könnten innere Spannungen offen zutage treten, und die Führung müsste sich mit massiven innenpolitischen Problemen auseinandersetzen.
Hintergrund der jüngsten Offensive
Die jüngsten Kämpfe sind Teil einer Eskalation, die sich seit Monaten zuspitzt. Eine seit 2022 bestehende Waffenruhe wurde von den Huthi aufgekündigt, nachdem Saudi-Arabien einen Flug von Teheran nach Sanaa blockiert hatte. Daraufhin griffen die Huthi Saudi-Arabien mit Raketen an und attackierten zudem dessen Verbündete im Jemen.
Zuletzt nahmen sie die Hafenstadt Mokka ein und brachten die gesamte Küste sowie mehrere Inseln bis hinunter zur Meerenge Bab al-Mandab unter ihre Kontrolle. Diese Passage verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und zählt zu den wichtigsten Seerouten zwischen Europa und Asien.
Brandt sieht darin auch einen Bezug zum Konflikt zwischen den USA und Iran. Weil die Straße von Hormus immer wieder als unsichere Route gilt, ist Bab al-Mandab für Saudi-Arabien als alternative Öltransportroute deutlich wichtiger geworden. Damit wächst auch der strategische Wert, den die Huthi mit ihrer Kontrolle über dieses Gebiet gewonnen haben.
Hinzu kommt nach Einschätzung der Expertin, dass die Gegner der Huthi tief gespalten sind. Die international anerkannte Regierung sei schwach, von Machtkämpfen geprägt und nicht in der Lage, eine überzeugende Alternative zur Herrschaft der Huthi anzubieten.
Verhältnis zum Iran
Obwohl sich der Zaidismus in vielen theologischen Punkten von der iranischen Zwölferschia unterscheidet, betrachten sich die Huthi und die Islamische Republik Iran als schiitische Partner. Die Bewegung ist Teil der sogenannten „Achse des Widerstands“, mit der Teheran seinen Einfluss in der Region ausbauen will.
Brandt beschreibt das Verhältnis als gegenseitigen Nutzen: Die Huthi profitieren von iranischen Waffen und technischem Know-how, während Iran aus den Aktionen der Miliz im Roten Meer politischen und strategischen Vorteil zieht. Dennoch, so die Expertin, würden die Huthi ihre eigenen Interessen niemals vollständig den Zielen Teherans unterordnen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber