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Was im Klassenchat wirklich passiert – und Ärger bringt

Pornos, Dickpics, KI-Fakes: Was in Schulchats kursiert, ist heikler als viele denken – warum Jugendliche es trotzdem teilen.

18.09.2026, 04:00 Uhr

Pornos, Gewaltdarstellungen und manipulierte Fotos sind in vielen Klassenchats längst keine Ausnahme mehr. Besonders problematisch sind sexualisierte Inhalte, die ohne Zustimmung der Betroffenen verbreitet, verändert oder mithilfe von Künstlicher Intelligenz neu erstellt werden. Fachleute warnen, dass viele Kinder und Jugendliche die Tragweite ihres Handelns nicht überblicken. Schon das Weiterleiten solcher Inhalte kann strafrechtliche Folgen haben. Für Betroffene können die Auswirkungen von Bloßstellung und Mobbing über Jahre spürbar bleiben.

Die EU-Kommission will Minderjährige deshalb stärker im Netz schützen. Nach den Plänen aus Brüssel sollen soziale Netzwerke, bestimmte Gaming-Plattformen und auch Anbieter von KI-Anwendungen für junge Nutzer künftig belegen müssen, dass ihre Angebote sicher sind. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte in Straßburg, ohne einen solchen Nachweis solle es keinen Zugang zu Minderjährigen geben. Bis neue Vorgaben tatsächlich gelten, müssen allerdings noch das Europäische Parlament und die 27 Mitgliedstaaten zustimmen. Das Verfahren könnte sich über Monate oder sogar Jahre hinziehen.

Sexualisierte Übergriffe beginnen oft sehr früh

Saskia Nakari vom Landesmedienzentrum in Stuttgart berichtet aus ihrer Arbeit mit sechsten Klassen, dass Kinder schon früh mit solchen Grenzverletzungen konfrontiert werden. Ihrer Erfahrung nach haben sechs von zehn Mädchen bereits ungefragt sogenannte Dickpics erhalten, also Fotos von erigierten Penissen. Für viele Heranwachsende seien solche Übergriffe in digitalen Räumen bereits erschreckend normal geworden.

Smartphones
Pornos, Dickpics und KI-manipulierte Bilder zirkulieren längst auch in Schulchats. (Symbolfoto) Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Neben problematischen Inhalten in Messenger-Gruppen verschärft inzwischen vor allem KI die Lage. Bilder können mit wenigen Mitteln verfälscht oder komplett neu erzeugt werden. Das zeigt sich auch bei der Beratungsplattform Juuuport aus Hannover, die Jugendliche bundesweit online unterstützt.

Dort ist Ann-Kristin Gaumann für die medienpädagogische Projektarbeit sowie für Beratung und Schulung der Scouts verantwortlich. Diese Scouts sind ehrenamtlich engagierte Jugendliche und junge Erwachsene, die Gleichaltrigen etwa bei Cybermobbing vertraulich helfen. Laut Gaumann suchen jeden Monat etwa 250 bis 300 junge Menschen Rat. Betreut werden die Anfragen von 35 Scouts. Besonders häufig betroffen sind Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren sowie Kinder im Alter von 10 bis 13 Jahren.

Eine 15-Jährige schilderte laut Juuuport, Bekannte hätten aus ihren Fotos offenbar mithilfe von KI Nacktbilder erstellt. Sie selbst sei darauf nicht wirklich zu sehen, doch für andere wirke es so, als habe sie die Aufnahmen gemacht und verschickt. Ein 13-Jähriger berichtete, Mitschüler hätten mit KI einen Sticker von ihm erzeugt, auf dem es so aussehe, als würde er ein Mädchen küssen, und dieser werde weiterverbreitet.

Viele Betroffene machen sich selbst Vorwürfe

Beraterinnen und Berater erleben häufig, dass betroffene Kinder und Jugendliche große Angst haben und die Schuld zunächst bei sich suchen. In der Beratung gehe es deshalb oft zuerst darum, diese Schuldgefühle einzuordnen und das Gefühl des Alleinseins zu durchbrechen. Tomas, Scout bei Juuuport, betont, wie wichtig es sei, mit jemandem darüber zu sprechen.

Nach Beobachtung von Saskia Nakari entstehen problematische Inhalte heute nicht mehr nur durch klassisches Verschicken. Auch in Livestreams oder auf Plattformen würden Minderjährige zu sexualisierten oder erniedrigenden Handlungen gedrängt. Dabei entstünden Aufnahmen, die gespeichert und anschließend verbreitet werden könnten.

Warum Jugendliche solche Inhalte teilen

Die Stuttgarter Medienpädagogin Petra Grimm von der Hochschule der Medien sieht hinter dem Weiterleiten solcher Inhalte häufig weniger Neugier an der Technik als sozialen Druck in der Gruppe. Wer etwas teilt, wolle oft Zugehörigkeit zeigen und Anerkennung erhalten.

Wer sich verweigere, müsse damit rechnen, in der Clique ausgeschlossen zu werden. Gerade für 12- bis 16-Jährige sei dieses Risiko oft groß. Grimm erklärt, dass Jugendliche durch das Weiterleiten auch Beziehungen absichern und Freundschaften bestätigen wollten.

Unwissenheit über strafrechtliche Folgen

Nach Einschätzung von Saskia Nakari verschärft mangelnde Aufklärung das Problem zusätzlich. In ihrer täglichen Arbeit erlebe sie immer wieder, dass Kinder und Jugendliche mit dem Smartphone Straftaten begehen, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Dabei sei nicht nur die Herstellung pornografischer Inhalte strafbar. Auch das Weiterleiten könne rechtliche Konsequenzen haben. Darauf macht Nakari unter anderem in ihrer Podcast-Reihe „Schoolcrime“ aufmerksam.

Welche Aufgaben Schule und Eltern haben

Andrea Zeisberg, ebenfalls Medienpädagogin am Landesmedienzentrum, erklärt, dass solche Fälle im schulischen Alltag meist auf zwei Ebenen behandelt werden müssen: Zum einen gehe es um den Schutz der betroffenen Person, zum anderen um den Umgang mit der Gruppe und der Verbreitung der Inhalte. An erster Stelle müsse immer das Kind stehen, dessen Bild oder Darstellung verbreitet worden ist.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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