Wenn in einer Region die Bäckerei dichtmacht oder eine Arztpraxis verschwindet, wächst bei vielen Menschen der Ärger – oft verbunden mit grundsätzlichen Zweifeln daran, ob der Staat vor Ort noch gut funktioniert. Die Bundesregierung will solche Probleme künftig genauer erfassen und zugleich das Zugehörigkeitsgefühl stärken. Bei der Vorstellung einer neuen "Heimat-Agenda" im brandenburgischen Chorin sagte Minister Alois Rainer: "Heimat gehört den Menschen, die sich für das Miteinander einsetzen – nicht jenen, die Spaltung betreiben."
Das von dem CSU-Politiker geführte Agrarministerium ist in der schwarz-roten Koalition auch für Heimatpolitik zuständig. Dieser Bereich soll künftig sichtbarer werden. Unter dem Motto "Miteinander ist es Heimat" kündigte Rainer mehr Präsenz in den Regionen und einen engeren Austausch mit den Menschen an. Sein Ziel: dorthin gehen, wo Unterstützung gebraucht wird, feste Gesprächsformate schaffen und Anliegen schneller umsetzen. Heimat, so Rainer, entstehe dort besonders stark, wo Menschen konkret erfahren, dass sie ihr Umfeld mitgestalten können.
Regelmäßige Gespräche und neue Formate
Im Mittelpunkt der Agenda stehen geplante "Heimat-Dialoge", die das Ministerium gemeinsam mit Ländern, Kommunen, Verbänden und weiteren Partnern organisieren will. Zusätzlich soll ein "Heimatreport" in Form einer repräsentativen Umfrage erheben, wie die Menschen ihre Lage einschätzen und wo Handlungsbedarf besteht. Außerdem ist ein "Bundespreis Heimat" geplant, der Initiativen und Personen auszeichnen soll, die sich in besonderer Weise für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen. Auch die Förderung regionaler Wirtschaftskraft spielt in den Plänen eine Rolle.

Neue finanzielle Spielräume stellte Rainer mit Blick auf die angespannte Haushaltslage allerdings nicht in Aussicht. Stattdessen gehe es darum, Fördermittel breiter wirksam zu machen, damit nicht für jedes einzelne Vorhaben gesondert gekämpft werden müsse. Lösungen für Alltagsprobleme vor Ort sollten zudem Aufgabe der gesamten Bundesregierung sein.
Signal für Zusammenhalt und Zuversicht
Nach Rainers Worten soll die Agenda auch ein Zeichen in einer Zeit zahlreicher Krisen und Veränderungen setzen. Deutschland brauche wieder gemeinsame Ziele, mehr Anerkennung füreinander und neuen Optimismus. Der Minister versprach, genauer hinzuhören, die Lebensrealität vor Ort ernst zu nehmen und jene zu stärken, die Verantwortung übernehmen. Zugleich wolle man den gesellschaftlichen Zusammenhalt gegen Kräfte verteidigen, die vor allem spalten und schlechtreden.
Auf die Frage nach den hohen AfD-Zustimmungswerten, gerade in ländlichen Regionen, sagte Rainer, der Begriff Heimat sei nicht exklusiv besetzt. Zugleich machte er deutlich, dass er der AfD nicht mit Angst begegne. Entscheidend sei, den Blick stärker auf das zu richten, was im Land gut funktioniere.
Dorfgemeinschaftshaus als Beispiel
Vor der Präsentation seiner Agenda hatte Rainer im nur rund 300 Einwohner zählenden Ortsteil Serwest ein Dorfgemeinschaftshaus besucht. In dem früheren Schulgebäude wurden ihm zahlreiche Angebote vorgestellt: eine Seniorengruppe, die Freiwillige Feuerwehr, Yoga, Tischtennis und ein Café. Für das noch sanierungsbedürftige Obergeschoss werden derzeit Nutzungsideen gesammelt. Ein besonders häufig genannter Wunsch: dort künftig eine Arztpraxis unterzubringen.
Petra Bentkämper, Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbands, hob bei dem Termin hervor, dass sich immer mehr Menschen freiwillig engagierten. Mit großem Einsatz, Verantwortungsgefühl und oft auch viel Pragmatismus würden sie Zukunft in den Regionen gestalten. Vereine und Verbände seien dabei zugleich wichtige Orte, an denen Demokratie im Alltag gelernt und gelebt werde. Allerdings könne nicht alles allein vom Ehrenamt getragen werden. Bentkämper sprach zwar von einer neuen Attraktivität des Landlebens, wies aber zugleich darauf hin, dass vor allem junge Frauen ländliche Regionen weiterhin verlassen – unter anderem wegen fehlender Bildungsangebote.
Nicht nur der ländliche Raum im Fokus
Rainer stellte seine Pläne in ländlicher Kulisse an einem Dorfteich vor. Nach Angaben des Ministeriums leben 57 Prozent der Menschen in Deutschland in ländlichen Regionen. Dort wird mit vielen mittelständischen Betrieben zudem fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung erbracht – rund 47 Prozent. Dennoch, so der Minister, solle sich die Heimatpolitik nicht nur auf Dörfer und kleinere Orte beschränken. Auch Städte und urbane Quartiere müssten genauso berücksichtigt werden. So wie sein Heimatort in Bayern für ihn Heimat sei, könnten es für andere ebenso Berliner Stadtteile wie Neukölln oder Kreuzberg sein.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber