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Brückendrama in Italien: 12 Jahre Haft

Urteil nach Genua-Katastrophe: Ex-Autobahnchef muss 12 Jahre in Haft – doch der Brückeneinsturz wirft weiter Fragen auf.

16.07.2026, 14:16 Uhr

Acht Jahre nach dem folgenschweren Einsturz der Morandi-Brücke in Genua mit 43 Toten ist der Hauptangeklagte zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ein Gericht in der norditalienischen Hafenstadt sprach den früheren Chef der Autobahngesellschaft Autostrade per l’Italia, Giovanni Castellucci, schuldig.

Der 66-Jährige war bei der Urteilsverkündung nicht im Gerichtssaal. Er sitzt bereits wegen eines anderen tödlichen Unglücks auf einer ASPI-Autobahn im Gefängnis. In diesem Fall wurde er wegen eines Busunglücks in Süditalien zu sechs Jahren Haft verurteilt, bei dem 2013 insgesamt 40 Menschen starben.

Gegen weitere Verantwortliche verhängte das Gericht ebenfalls mehrjährige Haftstrafen. Insgesamt summieren sich die Strafen auf fast 200 Jahre Gefängnis.

Katastrophe mitten in der Stadt

Die Ponte Morandi war am 14. August 2018 um 11.36 Uhr plötzlich eingestürzt. Auf rund 200 Metern brach die Fahrbahn weg, weil ein Pfeiler nicht mehr hielt. Autos und Lastwagen wurden 45 Meter in die Tiefe gerissen. Die seit 1967 bestehende Schrägseilbrücke führte seit mehr als einem halben Jahrhundert mitten durch die Stadt.

Nach einem Expertenbericht waren schwere Schäden infolge mangelhafter Wartung die Ursache für das Unglück. Der Prozess gegen insgesamt 57 Beschuldigte zog sich über vier Jahre.

Bei der Katastrophe starben nicht nur Menschen auf der Brücke. Auch mehrere Personen am Boden wurden von herabstürzenden Betonteilen erschlagen. Zudem gab es 16 Verletzte. Rund 600 Anwohner verloren ihr Zuhause, mehrere Häuser mussten wegen akuter Einsturzgefahr abgerissen werden. Die verbliebenen Teile der nach ihrem Erbauer Riccardo Morandi benannten Brücke wurden später kontrolliert gesprengt.

Neue Brücke seit 2020

Weil die Brücke die wichtigste Verbindung zwischen Hafen, Flughafen und Stadtzentrum war, wurde Genua mit seinen fast 600.000 Einwohnern für zwei Jahre praktisch in zwei Teile geteilt. Seit August 2020 steht an derselben Stelle eine neue Brücke, entworfen vom aus Genua stammenden Architekten Renzo Piano und in Rekordzeit gebaut. Sie trägt 43 Lichtmasten – einen für jedes Todesopfer.

Schwere Vorwürfe gegen Castellucci

Die Staatsanwaltschaft hatte für Castellucci 18 Jahre und sechs Monate Haft gefordert. Nach ihrer Darstellung wusste er bereits seit 2009 von Mängeln. Die Anklage zeichnete das Bild eines Managers, der das Unternehmen wie sein eigenes „Königreich“ geführt habe. Wichtiger als die Sicherheit der Infrastruktur sei ihm der Profit gewesen.

Die Verteidigung hielt dagegen, dass ein Konstruktionsfehler an einem Pfeiler nicht erkennbar gewesen sei. Castellucci selbst sagte im Verfahren: „Ich fühle mich verantwortlich, aber nicht schuldig.“

Trotz des massiven öffentlichen Drucks trat er als Chef von Autostrade per l’Italia erst ein Jahr nach dem Einsturz zurück – und erhielt dabei eine Abfindung von 13 Millionen Euro.

Weitere Haftstrafen gegen Verantwortliche

Auch gegen andere Verantwortliche verhängte das Gericht mehrjährige Haftstrafen. Die damalige Nummer drei von ASPI wurde zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Zwei weitere frühere Manager erhielten jeweils fünfeinhalb Jahre Haft.

Unter den mehr als 50 Angeklagten waren neben Beschäftigten der Autobahngesellschaft und Ingenieuren auch Vertreter des Verkehrsministeriums. Die Vorwürfe lauteten unter anderem auf fahrlässige Tötung, Dokumentenfälschung und unterlassene Wartung.

Insgesamt verhängte das Gericht 32 Haftstrafen. In 25 Fällen gab es Freisprüche oder die Richter kamen zu dem Schluss, dass die Taten verjährt seien.

Auch Benetton verlor an Einfluss

Der Einsturz der Morandi-Brücke hatte auch weitreichende Folgen für die Unternehmerfamilie Benetton, die über Jahre maßgeblichen Einfluss auf Italiens Autobahnnetz hatte. Nach der Katastrophe erzwang der Staat die Rückverstaatlichung der Betreibergesellschaft. Für die Familie bedeutete das zudem einen erheblichen Imageschaden.

Späte Entschuldigung der Betreibergesellschaft

Kurz vor Prozessende hatte der heutige Chef der Betreibergesellschaft, Arrigo Giana, die Hinterbliebenen öffentlich um Entschuldigung gebeten. In einem von der Zeitung Corriere della Sera veröffentlichten Brief schrieb er: „Lasst uns das Schweigen brechen.“

Er erklärte zudem, er habe sich seit dem Unglück immer wieder gefragt, wie es möglich gewesen sei, nicht sofort um Entschuldigung zu bitten. Das sei eine weitere unverständliche Wunde gewesen.

Angehörige begrüßten diese Entschuldigung, auch wenn sie sehr spät kam. Die Sprecherin der Hinterbliebenen, Egle Possetti, nannte das Urteil gegen Castellucci nachvollziehbar.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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