Umfrage: Viele Ärztinnen und Ärzte in Bayern berichten von Machtmissbrauch und Belästigung
Für zahlreiche Medizinerinnen und Mediziner in Bayern gehören Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung laut einer aktuellen Umfrage zum Berufsalltag. Wie der Marburger Bund in München mitteilte, berichteten 49 Prozent der Befragten, innerhalb der vergangenen zwölf Monate Machtmissbrauch durch anderes ärztliches Personal erlebt zu haben. 15 Prozent waren davon sogar mehrmals pro Woche betroffen. In 88 Prozent der Fälle sollen die Vorfälle überwiegend von Vorgesetzten ausgegangen sein.
Besonders oft nannten die Teilnehmenden einen respektlosen oder herabwürdigenden Tonfall (84 Prozent), unbegründete Zweifel an der eigenen fachlichen Kompetenz (67 Prozent) sowie öffentliche Demütigungen und Mobbing (52 Prozent). Als Folgen wurden vor allem emotionale Erschöpfung und dauerhafte Anspannung (79 Prozent), sinkende Motivation bei der Arbeit (73 Prozent) und der Wunsch nach einem Wechsel der Abteilung oder Klinik (63 Prozent) genannt.
Nahezu jede zweite betroffene Person denkt den Angaben zufolge sogar darüber nach, die stationäre Versorgung ganz zu verlassen. An der Mitgliederbefragung des Marburger Bundes beteiligten sich 1.695 Ärztinnen und Ärzte aus Bayern. Das entspricht etwa zehn Prozent der ordentlichen Mitglieder im Freistaat.
Sexuelle Belästigung durch Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzte
Darüber hinaus gaben 14 Prozent der Befragten an, sexuelle Belästigung durch ärztliche Beschäftigte erlebt zu haben. In 63 Prozent der Fälle wurden Vorgesetzte als Verursacher genannt, meist Männer. Am häufigsten ging es dabei um sexualisierte Kommentare und abwertende Bemerkungen (76 Prozent), unerwünschte Gespräche mit sexuellem Bezug (58 Prozent) sowie ungewollte körperliche Nähe oder Berührungen (46 Prozent).
Sonja Mathes aus dem Landesvorstand des Marburger Bundes erklärte, viele Betroffene hätten Angst vor Nachteilen, wenn sie Missstände melden. Zudem entstehe häufig der Eindruck, dass Hinweise ohne Folgen blieben. Laut Umfrage verzichteten fast vier von fünf Betroffenen darauf, erlebten Machtmissbrauch offiziell anzuzeigen.
Die Ärztegewerkschaft fordert daher unter anderem unabhängige und anonyme Meldestellen sowie konsequente Sanktionen bei Fehlverhalten. Mathes betonte, Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung seien keine Einzelfälle oder bloß persönliche Konflikte, sondern Ausdruck struktureller Probleme, die verändert werden müssten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber