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Literaturnobelpreis: Wer schnappt sich jetzt den Sieg?

Nur Männer bei den Science-Nobels – bricht der Literaturnobelpreis heute die Serie? Jetzt fällt die Entscheidung in Stockholm.

08.10.2026, 04:30 Uhr

Die kanadische Dichterin und Autorin Anne Carson wird in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Das teilte die Schwedische Akademie in Stockholm mit. Die 76-Jährige werde für ihr „kühnes und erfinderisches Werk“ geehrt, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die Gegenwartsliteratur geschaffen habe.

Nach Angaben der Ständigen Sekretärin der Akademie, Ingrid Carlberg, konnte sie kurz mit Carson telefonieren. Die Schriftstellerin sei dabei „sehr überrascht“ gewesen und habe erzählt, dass sie sich gerade in Island aufhalte, „um dem Wind zuzuhören“.

Später sagte Carson im isländischen Fernsehen, man könne dort gar nicht anders, als auf den Wind zu hören. Dem Sender RUV zufolge besitzt die Autorin seit 2022 auch die isländische Staatsbürgerschaft. Das Gespräch mit der Akademie beschrieb sie als eher stockend, die Entscheidung für sie als „verrückt“.

Liebe zur griechischen Sprache schon in der Schule

Carson gilt nach Einschätzung ihres Verlags S. Fischer in Kanada und den USA als eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Gegenwart. Sie wurde 1950 in Toronto geboren. Ihre Begeisterung für die griechische Sprache sei schon in der Schulzeit geweckt worden, sagte Literaturkritiker Denis Scheck. Eine Lehrerin habe ihr in der Mittagspause privat Griechisch beigebracht.

Carson studierte später Griechisch. Der Vorsitzende des Nobelkomitees für Literatur, Anders Olsson, sagte, sie habe während ihrer gesamten Laufbahn das Schreiben von Gedichten mit Übersetzungsarbeit und Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten verbunden. Ihre Übertragungen aus dem Altgriechischen könnten dabei als eigenständige Werke gelten.

Mehr als ein Dutzend Bücher hat Carson veröffentlicht. Als wichtige Grundlage ihres literarischen Schaffens gilt der lange Essay „Eros the Bittersweet“ aus dem Jahr 1986 – eine Mischung aus Roman, Poesie und altphilologischer Abhandlung.

Antike und Gegenwart als zentrales Motiv

Von vielen Leserinnen und Lesern wird „Autobiography of Red“ als Carsons Meisterwerk angesehen. Auf Deutsch erschien das Buch 2019 zusammen mit dem Nachfolger „Red Doc“ unter dem Titel „Rot. Zwei Romane in Versen“ bei S. Fischer.

Darin versetzt Carson den antiken Mythos um Geryon in die Gegenwart. Scheck sprach von einer tieftraurigen schwulen Liebesgeschichte. Überhaupt ziehe sich die Verbindung von Antike und Gegenwart durch ihr gesamtes Werk. Carson habe antike griechische Literatur in die Gegenwart übersetzt und in eindrucksvollen Büchern neu belebt, sagte Scheck.

Zu ihrem Werk äußerte sich Carson selbst zurückhaltend. Sie verstehe nicht genau, wie Menschen ihre Texte läsen, hoffe aber, dass sie ihnen gefielen. Über ihre Lyrik sagte sie, diese sei derzeit womöglich nützlicher als Prosa, weil sie schneller zu lesen sei und alle in Eile seien – mit einer Ausnahme: Homer sei nicht kurz.

Verlage, Kritiker und Kanadas Premier würdigen die Preisträgerin

Hans Jürgen Balmes vom Verlag S. Fischer sagte auf der Frankfurter Buchmesse, es gebe keine lebende Lyrikerin, die durch ihre Arbeit als Altphilologin so viel über Poesie wisse wie Carson. Wenn sie schreibe, trage jedes Wort „zwei Koffer“ mit sich: einen voller antiker Bezüge und einen voller gelebter Erfahrung.

S. Fischer erklärte, Carsons Gedichte leisteten, was große Literatur ausmache: Sie brächten Gewissheiten über Selbst, Form, Identität und Geschlecht ins Wanken.

Auch Andreas Rötzer vom Verlag Matthes & Seitz Berlin, bei dem vier Lyrikbände Carsons erschienen sind, reagierte erfreut. Die Ehrung komme trotz jahrelanger Favoritenrollen noch überraschend. Weil Carson immer wieder hoch auf den Listen gestanden habe, habe man zwischendurch fast aufgehört, daran zu glauben.

Glückwünsche kamen auch aus Ottawa: Kanadas Premierminister Mark Carney sprach bei X von einem „stolzen Moment für Kanada“. Carson habe mit Scharfsinn, Fantasie und einem unverwechselbaren Stil die Klassiker neu gedacht, antike Stoffe einem neuen Publikum erschlossen und den Blick auf Literatur verändert, schrieb er.

Preis gilt als wichtigste Auszeichnung der Literaturwelt

Der Literaturnobelpreis gilt als bedeutendste literarische Auszeichnung der Welt. Im Jahr 2025 war der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai geehrt worden. Nach dieser Entscheidung für einen europäischen Mann hatten viele Beobachter diesmal mit einer Frau von einem anderen Kontinent gerechnet.

Literaturkritiker Scheck nannte die Ehrung „absolut verdient“. Einen kleinen Wermutstropfen sehe er lediglich darin, dass Carson den Preis nicht gemeinsam mit der ebenfalls seit Jahren gehandelten kanadischen Autorin Margaret Atwood erhalten habe.

In den vergangenen Jahren war der Preis häufig abwechselnd an männliche und weibliche Literaturschaffende gegangen. Zuletzt erhielt 2013 mit der inzwischen 2024 verstorbenen Alice Munro eine Autorin aus Kanada den Literaturnobelpreis.

Der letzte deutschsprachige Literaturnobelpreisträger war der Österreicher Peter Handke, der die Auszeichnung 2019 bekam. Die letzten deutschen Preisträger waren Herta Müller (2009), Günter Grass (1999) und Heinrich Böll (1972).

Preisgeld erhöht

Das Preisgeld beträgt in diesem Jahr zwölf Millionen schwedische Kronen. Das sind eine Million Kronen mehr als in den Vorjahren. Umgerechnet entspricht das mehr als einer Million Euro.

Überreicht werden die Nobelpreise traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel. Der Friedensnobelpreis wird in Oslo verliehen, die übrigen Auszeichnungen in Stockholm.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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