Schwimmkurse im Gazastreifen schenken Kindern kurze Momente der Normalität
Für den elfjährigen Mohammed al-Nadschi ist der Strand in Gaza zu einem Rückzugsort geworden. Wenn er ins Wasser gehe, könne er für einen Augenblick alles um sich herum vergessen, sagt der Junge. Im Krieg hat er sein Zuhause verloren und musste mehrfach fliehen.
Damit Kinder wie Mohammed ihrem belastenden Alltag wenigstens zeitweise entkommen können, geben Amdschad Tantisch und sein Team kostenlosen Schwimmunterricht. Tantisch arbeitet seit vielen Jahren als Schwimmtrainer im Gazastreifen. Wegen der Kämpfe ruhte der Betrieb seiner „Swimming Academy“ jedoch lange. Seit dem Sommer läuft das Training wieder. Nach seinen Angaben haben seitdem bereits Hunderte Kinder schwimmen gelernt.
Dafür wurden im Meer mit Sandsäcken und Trümmerteilen provisorische Becken angelegt. Sport könne die Folgen des Krieges zwar nicht ungeschehen machen, sagt Tantisch, aber er könne Kindern Augenblicke vermitteln, in denen sie sich sicher und glücklich fühlen.
Humanitäre Krise bleibt dramatisch
Obwohl seit Oktober 2025 eine Waffenruhe im Gaza-Krieg gilt, kommt es weiterhin zu tödlichen Zwischenfällen und Angriffen. Beide Konfliktparteien beschuldigen sich gegenseitig, die Vereinbarung zu verletzen. Israel kontrolliert nach wie vor mehr als die Hälfte des Gazastreifens, während die islamistische Terrororganisation Hamas ihren Einfluss im übrigen Gebiet erneut gefestigt hat.
Ausgelöst wurde der Krieg durch das Massaker der Hamas und anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober 2023. Dabei wurden in Israel rund 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde kamen seither mehr als 73.400 Palästinenser ums Leben. Eine Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kämpfern wird dabei nicht vorgenommen.

Die Vereinten Nationen sprechen von mehr als 21.000 getöteten Kindern und Jugendlichen. Seit Beginn der Waffenruhe seien zudem mindestens 300 Minderjährige durch israelische Angriffe oder nicht detonierte Munition ums Leben gekommen.
Auch die Versorgungslage bleibt katastrophal. Viele Menschen leben weiterhin in überfüllten Zeltlagern, große Teile des Küstengebiets sind zerstört. Das Welternährungsprogramm WFP warnte im Juni vor anhaltend schwerer Ernährungsunsicherheit. Nach Angaben von Unicef leidet ein großer Teil der Bevölkerung außerdem unter Wassermangel. Israel betont hingegen, die Lage habe sich deutlich verbessert, und wirft der Hamas vor, Hilfslieferungen zu behindern sowie Waren zu stehlen oder zu besteuern.
Schwimmen als Stück Kindheit
Viele Kinder in Gaza haben Angehörige verloren und über lange Zeit keine Schule besuchen können. Für Tantisch ist der Unterricht deshalb mehr als Sport: Er solle den Mädchen und Jungen ein Stück Alltag und Normalität zurückgeben. Kinder in Gaza hätten ein Recht darauf, Kindheit zu erleben.
Mohammed sagt, am schönsten sei für ihn, mit anderen Kindern zusammen zu sein. Während des Krieges habe es kaum Zeit für Freunde oder Spiele gegeben. Stattdessen musste er oft stundenlang für Lebensmittel anstehen, um seine Familie zu unterstützen. Die Bombardierungen hätten ihm große Angst gemacht. Beim Schwimmtraining fühle er sich endlich wieder wie ein normaler Junge.
Mohammed stammt ursprünglich aus Gaza-Stadt im Norden des Gebiets. Heute lebt er mit seiner Familie in Deir al-Balah im Zentrum des Küstenstreifens. Wenn er am Strand sei, denke er nicht daran, wo seine Familie am nächsten Tag leben werde. Dann zähle nur das Schwimmen.
„Wir lernen, spielen und reden miteinander“
Auch die elfjährige Samiha Abu Saliha nimmt an den Kursen teil. Sie lebt mit ihrer Familie in einem Zelt in Chan Junis. Anfangs habe sie sich kaum ins Wasser gewagt, erzählt sie. Mit der Zeit sei ihr Sicherheitsgefühl gewachsen, inzwischen freue sie sich jedes Mal auf das Training. Dort könne sie den schwierigen Alltag für eine Weile vergessen. Sie lerne, spiele und spreche mit anderen Kindern – und genau das gebe ihr das Gefühl, dass das Leben wenigstens kurzzeitig wieder normal sei.
Nach dem Unterricht komme sie entspannter nach Hause, sagt Samiha. Ihre Mutter bestätigt das. Die Tochter berichte voller Begeisterung, was sie neu gelernt habe, und wirke glücklicher und energiegeladener. Besonders wichtig sei für die Mutter, dass Samiha endlich einmal über etwas anderes spreche als über Krieg.
Die vergangenen fast drei Jahre seien für das Mädchen von Unsicherheit, Flucht und Angst vor Angriffen geprägt gewesen, sagt die Mutter. Nun denke ihre Tochter stattdessen darüber nach, was sie noch lernen möchte, wie sie sich im Wasser verbessern kann und wann sie ihre Freunde wiedersehen wird.
Psychologin: Schwimmen hilft gegen Angst und Stress
Die Psychologin Rawan Ghijada unterstreicht die Bedeutung solcher Angebote. Schwimmen könne Kindern helfen, Angst und innere Anspannung abzubauen. Fast alle Kinder hätten während des Krieges Todesangst erlebt und unter Albträumen gelitten, viele hätten aggressives Verhalten gezeigt. Der Sport unterstütze sie dabei, ein Stück Alltag zurückzugewinnen und neues Selbstvertrauen zu entwickeln.
Abkühlung im Meer – aber auch Risiken
Nach den Worten von Tantisch soll der Unterricht auch Badeunfälle verhindern. Gerade in der Sommerhitze ist das Meer für viele Menschen in Gaza oft die einzige Möglichkeit, sich abzukühlen.
Vor allem in den Zelten der Binnenvertriebenen steigen die Temperaturen teils auf extreme Werte. Gleichzeitig kommt es beim Baden immer wieder zu tödlichen Unglücken, besonders für Menschen, die nicht schwimmen können.
Kinder hoffen auf Frieden und eine bessere Zukunft
Mohammed und Samiha haben zuletzt auch an der Aktionswoche „Swim for Gaza“ teilgenommen, die noch bis zum 30. August läuft. Mit der Initiative werden weltweit Spenden für den kostenlosen Schwimmunterricht im Gazastreifen gesammelt. Die Kinder schwimmen dabei im offenen Meer ohne abgetrennte Becken und zeigen, was sie bereits gelernt haben. Menschen in vielen Ländern sind aufgerufen, aus Solidarität mitzuschwimmen und zu spenden.
Samiha möchte so lange weitermachen, bis sie noch besser schwimmen kann. Auch Mohammed will unbedingt weiter trainieren. Für die Zukunft hat er vor allem einen Wunsch: Der Krieg solle enden, damit jedes Kind wieder nach Hause zurückkehren könne.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber