Wirtschaft

Letzte Betriebsversammlung? So kritisch steht VW da

Bei VW wächst die Angst vor Job-Kahlschlag und Werk-Aus: Kommen schon diese Woche die entscheidenden Antworten vom Aufsichtsrat?

31.08.2026, 06:00 Uhr

VW ringt um Sparpläne und Standorte

Bei Volkswagen spitzt sich die Debatte über die künftige Ausrichtung des Konzerns weiter zu. Nach mehreren außerordentlichen Betriebsversammlungen steht in Hannover nun vorerst das letzte große Treffen von Konzernspitze und Beschäftigten an. Im Zentrum steht die Frage, wie Europas größter Autohersteller auf den wirtschaftlichen Druck reagieren will — und was das für Jobs und Werke bedeutet.

VW, zu dem auch Audi und Porsche gehören, will seine Kosten deutlich senken und wettbewerbsfähiger werden. Beschäftigte, Gewerkschaften und Politiker fürchten dagegen einen massiven Abbau von Stellen sowie Einschnitte bei Standorten. Schon in den kommenden Tagen könnten die Sparüberlegungen im Aufsichtsrat konkreter werden.

Was bislang bekannt ist

Der bereits laufende Stellenabbau mit 50.000 Jobs bis 2030 reicht dem Vorstand um Konzernchef Oliver Blume nach eigener Einschätzung nicht aus. Das Management arbeitet an einem sogenannten „Zielbild 2030“. Seitdem wächst die Sorge vor weiteren zehntausenden wegfallenden Arbeitsplätzen sowie einer unsicheren Zukunft für mehrere Werke. Besonders im Fokus stehen Emden, Zwickau, das Audi-Werk in Neckarsulm und Hannover, wo Nutzfahrzeuge produziert werden.

Finanzvorstand Arno Antlitz will den Beschäftigten in Hannover erneut die Notwendigkeit zusätzlicher Einsparungen erläutern. Blume hatte zuvor betont, der Konzern müsse Strukturen vereinfachen, Bürokratie abbauen und Ausgaben verringern. Als Belastungen nannte er unter anderem Zölle, neue Wettbewerber und geopolitische Risiken. Zwar gewinne VW Marktanteile zurück, doch aus Sicht der Konzernführung reicht das noch nicht.

VW-Werk in Zwickau
VW-Werk in Zwickau: Der Konzern steht vor richtungsweisenden Zeiten. (Archivbild) Quelle: Jan Woitas/dpa

Besonders ins Visier geraten sollen nach Angaben des Managements Bereiche außerhalb der direkten Fahrzeugfertigung. Gemeint sind etwa zentrale Konzernfunktionen, Verwaltung, Entwicklung und Vertrieb. Auch im Management selbst soll es tiefe Einschnitte geben: Dort soll laut Blume etwa ein Viertel der Stellen wegfallen.

Was noch offen ist

Vieles ist weiterhin ungeklärt. Medienberichten zufolge hatte der Aufsichtsrat Blumes Pläne im Juli zunächst nicht gebilligt. Der Konzernchef betont, die Zahl von 50.000 weiteren möglichen Stellen sei keine feste Zielmarke, sondern lediglich eine rechnerische Größe auf Basis der Kostenstruktur.

Blume verweist dabei auf hohe Arbeits- und Fabrikkosten in Deutschland. Nach seinen Worten liegen die Personalkosten hier deutlich über denen vergleichbarer europäischer Standorte. Rund die Hälfte des Anpassungsbedarfs sieht er in Deutschland.

Auch die Zukunft einzelner Werke ist weiter offen. Blume bezeichnet mögliche Schließungen zwar als letztes Mittel, das möglichst vermieden werden solle. Für Emden, Zwickau, Neckarsulm und Hannover gebe es aber bislang noch keine ausreichend tragfähige Auslastung für die Zeit in den 2030er Jahren. Innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate will der Konzern nach eigenen Angaben belastbare Perspektiven für alle Standorte entwickeln. Diskutiert werden dabei auch alternative Nutzungen, etwa eine vorübergehende Fertigung im Rüstungsbereich oder der Bau chinesischer VW-Modelle in Deutschland.

Wie es weitergeht

Nun richtet sich der Blick auf den Aufsichtsrat, der laut Berichten an diesem Freitag zusammenkommen soll. Es gilt allerdings als eher unwahrscheinlich, dass dort schon endgültige Entscheidungen fallen. Blume hatte angekündigt, sein Sparprogramm bis zum Jahresende festzuzurren. Neben den Vorschlägen des Vorstands dürfte dem Kontrollgremium auch ein Konzept der Arbeitnehmerseite vorliegen.

Widerstand kommt zudem vom Land Niedersachsen, das als Großaktionär erheblichen Einfluss besitzt. Ministerpräsident Olaf Lies fordert ein tragfähiges Zukunftskonzept und stellt klar, dass Werksschließungen und Entlassungen in großem Stil aus seiner Sicht keine Lösung sein können. Das Land prüft darüber hinaus einen Einstieg beim Werk Osnabrück, wo die Pkw-Produktion im kommenden Jahr endet.

Blume beschreibt die Lage als äußerst ernst. Zwar schreibt VW weiterhin Gewinne, doch nach seiner Einschätzung reichen diese nicht aus, um die künftigen Investitionen zu stemmen. Die bisherigen Sparmaßnahmen genügten nicht. Der Konzern sei insgesamt zu groß, zu langsam und zu komplex geworden.

Warum der Druck so hoch ist

Nach Darstellung des Konzernchefs handelt es sich nicht nur um ein Problem von VW, sondern um eine Krise der gesamten Autoindustrie. Auch andere Hersteller haben bereits Stellenabbau angekündigt: Mercedes-Benz hat tausende Jobs gestrichen, BMW will weltweit rund 8.000 Stellen abbauen.

Als Belastungsfaktoren nennt Blume unter anderem US-Zölle, die Schwäche des chinesischen Marktes mit stark fallenden Preisen, geopolitische Konflikte etwa im Persischen Golf, schärferen Wettbewerb in Europa und hohe regulatorische Anforderungen.

Die Folgen zeigen sich branchenweit. In der deutschen Autoindustrie sinkt die Zahl der Beschäftigten schneller als in jeder anderen Industrie. Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 arbeiteten dort noch 691.500 Menschen — 42.300 weniger als ein Jahr zuvor und so wenige wie seit Beginn der vergleichbaren Statistik im Jahr 2005 nicht mehr.

Besonders hart trifft es die Zulieferer. Bosch plant weltweit den Abbau von bis zu 22.000 Stellen im Zuliefergeschäft, ZF will in Deutschland 14.000 Jobs streichen.

Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller, sieht hohe Arbeits- und Energiekosten, langwierige Genehmigungsverfahren, Bürokratie und eine marode Infrastruktur als zentrale Investitionshemmnisse am Standort Deutschland. Die IG Metall wiederum macht vor allem Managementfehler vergangener Jahre für die Misere verantwortlich und hat für den 21. September einen bundesweiten Aktionstag an Automobilstandorten angekündigt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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