VW verschärft Sparkurs-Debatte: Hannover-Werk ohne Nachfolgebelegung, Aufsichtsrat im Fokus
Bei Volkswagen spitzt sich der Streit über die künftige Ausrichtung des Konzerns weiter zu. Nach mehreren außerordentlichen Betriebsversammlungen stand nun in Hannover vorerst das letzte große Treffen zwischen Vorstand und Belegschaft vor möglichen neuen Beschlüssen an. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Europas größter Autohersteller auf den wirtschaftlichen Druck reagieren will – und was das für Jobs und Werke bedeutet.
VW, zu dem auch Audi und Porsche gehören, zählt zu den größten Arbeitgebern in Deutschland. Der Konzern will seine Kosten deutlich senken und seine Wettbewerbsfähigkeit steigern. Beschäftigte, Gewerkschaften und Politiker fürchten dagegen einen massiven Stellenabbau und Einschnitte bei Standorten. Schon in dieser Woche könnte der Sparkurs bei einer Sitzung des Aufsichtsrats konkreter werden.
Was bislang bekannt ist
Der bereits laufende Stellenabbau mit 50.000 Jobs bis 2030 reicht dem Vorstand um Konzernchef Oliver Blume nach eigener Einschätzung nicht aus. Das Management arbeitet an einem sogenannten „Zielbild 2030“. Seitdem wächst die Sorge vor weiteren zehntausenden gefährdeten Arbeitsplätzen und um vier Werke besonders stark: Emden, Zwickau, das Audi-Werk in Neckarsulm und Hannover, wo Nutzfahrzeuge gebaut werden.
Finanzvorstand Arno Antlitz stellte sich den Beschäftigten in Hannover und bekräftigte, warum aus Sicht des Managements zusätzliche Einsparungen nötig sind. Neu ist dabei eine besonders brisante Aussage für den Standort: Nach dem Auslaufen der aktuellen Produkte zu Beginn der 2030er Jahre sieht Volkswagen für das Werk in Hannover bislang keine wirtschaftliche Nachfolgebelegung.
Blume hatte zuvor betont, VW müsse Komplexität abbauen, Strukturen verschlanken und die Kosten senken. Als Belastungen nannte er Zölle, neue Wettbewerber und geopolitische Risiken. Zwar gewinne der Konzern Marktanteile zurück, aus Sicht der Führung reicht das aber noch nicht aus.
Besonders im Fokus stehen dabei Bereiche außerhalb der direkten Fahrzeugproduktion. Gemeint sind zentrale Konzernfunktionen, Verwaltung, Entwicklung und Vertrieb. Auch im Management selbst soll kräftig gespart werden: Nach Blumes Angaben soll dort rund ein Viertel der Stellen wegfallen. Der Konzernchef betont, dass alle Bereiche einen Beitrag leisten müssten.
Was noch offen ist
Vieles bleibt ungeklärt. Medienberichten zufolge hatte der Aufsichtsrat Blumes Pläne im Juli zunächst nicht gebilligt. Der Konzernchef stellt zugleich klar, dass die im „Zielbild 2030“ genannte Zahl von 50.000 weiteren möglichen Stellen keine feste Zielmarke sei, sondern lediglich eine theoretische Rechengröße auf Basis der Kostenstruktur.
Blume verweist auf die im internationalen Vergleich hohen Kosten in Deutschland. Nach seinen Angaben liegen die Arbeitskosten hier bei mehr als dem Doppelten vergleichbarer europäischer Standorte, auch andere Werke seien bei den Fabrikkosten deutlich günstiger. Rund die Hälfte des Anpassungsbedarfs sieht er in Deutschland.
Unklar ist auch, ob und wie viele Werke am Ende tatsächlich schließen könnten. Blume bezeichnet Schließungen weiterhin als letztes Mittel, das er möglichst vermeiden wolle. Für Emden, Zwickau, Neckarsulm und Hannover gebe es bislang noch keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er Jahre. Innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate will der Konzern nach eigenen Angaben belastbare Perspektiven für alle Standorte entwickeln. Diskutiert werden dabei unter anderem zeitweise Nutzungen im Rüstungsbereich sowie die Fertigung chinesischer VW-Modelle in Deutschland.
Wie es weitergeht
Der Blick richtet sich nun auf den Aufsichtsrat, der laut Berichten an diesem Freitag zusammentreten soll. Dass dort bereits endgültige Entscheidungen fallen, gilt als eher unwahrscheinlich. Blume hatte angekündigt, sein Sparpaket bis zum Jahresende festzuzurren. Neben den Vorschlägen des Vorstands dürfte dem Kontrollgremium auch mindestens ein Konzept der Arbeitnehmerseite vorliegen.
Widerstand kommt zudem aus Niedersachsen, das als Großaktionär erheblichen Einfluss hat. Ministerpräsident Olaf Lies fordert ein tragfähiges Zukunftskonzept und macht deutlich, dass Werksschließungen und massenhafte Entlassungen aus seiner Sicht keine Lösung sein können. Das Land prüft darüber hinaus einen Einstieg beim Werk Osnabrück, wo die Pkw-Produktion im kommenden Jahr ausläuft.
Blume beschreibt die Lage inzwischen als „mehr als kritisch“. VW schreibe zwar weiterhin Gewinne, verdiene aber aus seiner Sicht zu wenig, um die Zukunft aus eigener Kraft ausreichend zu finanzieren. Die bisherigen Sparmaßnahmen reichten nicht aus. Der Konzern sei überdimensioniert und dadurch oft zu langsam und zu kompliziert.
Warum der Druck so hoch ist
Nach Darstellung des Konzernchefs handelt es sich nicht nur um ein Problem von VW, sondern um eine Krise der gesamten Automobilindustrie. Auch andere Hersteller haben bereits Stellenabbau angekündigt: Mercedes-Benz hat tausende Jobs gestrichen, BMW will weltweit rund 8.000 Stellen abbauen.
Als Belastungsfaktoren nennt Blume unter anderem US-Zölle, den Einbruch des chinesischen Marktes mit starkem Preisverfall, geopolitische Konflikte etwa im Persischen Golf, schärferen Wettbewerb in Europa und hohe regulatorische Anforderungen.
Die Folgen zeigen sich branchenweit. In der deutschen Autoindustrie sinkt die Zahl der Beschäftigten schneller als in jeder anderen Industriebranche. Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 arbeiteten dort noch 691.500 Menschen – 42.300 weniger als ein Jahr zuvor und so wenige wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistik im Jahr 2005.
Besonders hart trifft es die Zulieferer. Bosch plant weltweit den Abbau von bis zu 22.000 Stellen im Zuliefergeschäft, ZF will in Deutschland 14.000 Jobs streichen.
Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller, sieht hohe Arbeits- und Energiekosten, langwierige Verfahren, Bürokratie und eine marode Infrastruktur als zentrale Investitionshemmnisse am Standort Deutschland. Die IG Metall wiederum macht vor allem Fehler des Managements für die Misere verantwortlich und plant für den 21. September einen bundesweiten Aktionstag an Automobilstandorten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber