Israel

Diese Gaza-Doku sorgt in Venedig für Aufsehen

Nach «No Other Land» kommt der nächste Paukenschlag: In «NAZA» packen israelische Geheimdienstler über Gaza-Angriffe aus.

10.09.2026, 17:15 Uhr

Mit Spannung erwartete Gaza-Doku feiert Premiere in Venedig

Bei den Filmfestspielen in Venedig haben Yuval Abraham und Rachel Szor ihren neuen Dokumentarfilm „NAZA“ vorgestellt. Das Werk der Regisseure von „No Other Land“, das international große Aufmerksamkeit erregte, war im Vorfeld mit besonderer Spannung erwartet worden.

Im Zentrum des Films stehen die israelischen Luftangriffe im Gazastreifen und die Strukturen, die diesen Einsätzen zugrunde liegen sollen. Für die Dokumentation führten die Filmemacher anonymisierte Gespräche mit 24 Angehörigen des israelischen Geheimdienstes. Die Interviews wurden nachts auf Hausdächern in Tel Aviv aufgezeichnet und geben nach Darstellung des Films detaillierte Einblicke in operative Abläufe.

Geheimdienstmitarbeiter schildern Tötungen in sachlichem Ton

Laut Film handelt es sich bei „NAZA“ um einen internen Geheimdienst-Code. Das Kürzel soll demnach die Zahl der Zivilisten bezeichnen, die bei einem Angriff getötet werden.

Besonders brisant sind die Aussagen der befragten Offiziere. Sie beschreiben technische und organisatorische Verfahren der Zielauswahl in Gaza in einer auffallend nüchternen, beinahe bürokratischen Sprache. Dabei fallen Formulierungen wie, man sei lediglich „ein kleines Rädchen“ oder könne nur sagen, dass die jeweilige Mission ausgeführt werde.

Vereinzelt kommen auch Zweifel und Selbstkritik zur Sprache. Einer der Offiziere erklärt gleich zu Beginn, er müsse anonym bleiben, weil ihm in Israel andernfalls eine Haftstrafe drohen könnte.

Film von zwei israelisch-jüdischen Regisseuren

Abraham und Szor sind beide jüdische Israelis. Der Journalist und Produzent Paul Lewis vom Guardian sagte, es wirke wie ein Film, den nur israelische Regisseure in dieser Form hätten machen können.

Yuval Abraham erklärte, man setze sich mit einem System auseinander, innerhalb dessen man selbst privilegiert sei und über eine gewisse Macht verfüge. Gerade diese Position wolle man nutzen, um gegen ein System zu arbeiten, das man als ungerecht ablehne.

Israel betont seit Beginn des Krieges immer wieder, Angriffe im Gazastreifen richteten sich gegen Mitglieder von Terrororganisationen und man bemühe sich, zivile Opfer zu vermeiden. Die im Film auftretenden Offiziere schildern dagegen, zivile Tote seien bei den Einsätzen stets mit einkalkuliert worden.

Verweis auf Claude Lanzmanns „Shoah“

An einer Stelle knüpft der Film an den Dokumentarfilmer Claude Lanzmann und dessen Holocaust-Dokumentation „Shoah“ an. Abraham sagte, wer den Satz „Nie wieder“ ernst nehme und aus dem Holocaust lernen wolle, müsse auch über Muster nachdenken, die sich übertragen ließen und in der Gegenwart beobachtbar seien.

Zugleich betonte er, daraus dürfe kein direkter Vergleich zwischen dem Holocaust und dem Vorgehen des israelischen Militärs in Gaza abgeleitet werden. Es gehe vielmehr darum, ähnliche Mechanismen der Entmenschlichung zu erkennen.

Auch der 7. Oktober ist Teil des Films

Zu Beginn von „NAZA“ wird auch der 7. Oktober 2023 thematisiert. Bei dem Hamas-Massaker wurden in Israel rund 1.200 Menschen getötet, mehr als 250 weitere wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Der Angriff der islamistischen Terrororganisation war Auslöser des folgenden Gaza-Kriegs.

Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seitdem im Gazastreifen mehr als 73.600 Palästinenser getötet. Menschenrechtsorganisationen und Gremien der Vereinten Nationen werfen Israel wegen seines Vorgehens unter anderem Kriegsverbrechen vor.

Völkerrechtlich gilt allerdings: Der Tod von Zivilisten bei einem Angriff stellt nicht automatisch einen Rechtsbruch dar. Unzulässig sind Angriffe dann, wenn der zu erwartende zivile Schaden im Verhältnis zum konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil unverhältnismäßig ist.

Unterstützung durch „The Guardian“ und Jonathan Glazer

Zu den Unterstützern des Projekts zählt auch der britische Regisseur Jonathan Glazer („The Zone of Interest“), der als Produzent beteiligt ist. Außerdem wirkte die britische Zeitung „The Guardian“ an dem Film mit. In Venedig tritt „NAZA“ gemeinsam mit 20 weiteren Filmen im Wettbewerb um den Goldenen Löwen an.

Bereits mit „No Other Land“ hatten Abraham und Szor zusammen mit weiteren Filmemachern bei der Berlinale 2024 den Dokumentarfilmpreis gewonnen. Der Film beschäftigt sich mit der Vertreibung palästinensischer Dorfgemeinschaften im Westjordanland. Nach der Preisverleihung in Berlin hatte es heftige Debatten und Antisemitismusvorwürfe gegeben. 2025 erhielt „No Other Land“ schließlich den Oscar für den besten Dokumentarfilm.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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