Die digitale Seekarte rund um die Straße von Hormus ist voller kleiner Markierungen, die jeweils ein Schiff darstellen. Doch immer wieder erscheinen Öltanker und Frachter plötzlich an Orten, an denen sie unmöglich sein können – etwa mitten auf dem Festland, bei Flughäfen oder sogar nahe eines Atomkraftwerks. Solche Fehldarstellungen sind Ausdruck eines kaum sichtbaren Schauplatzes im Krieg mit Iran: Navigationssignale werden laufend gestört oder bewusst verfälscht.
Satellitennavigation ist längst nicht nur für Alltags-Apps wichtig, mit denen Menschen Fahrten buchen oder Essen bestellen. Sie spielt auch in der Luftfahrt, auf See und im Militär eine zentrale Rolle. Gerade in Kriegszeiten wird GPS jedoch gezielt blockiert oder manipuliert, um Drohnen, Raketen und gegnerische Bewegungen zu behindern oder Routen zu verschleiern. Für die ohnehin sensible Lage im Schiffs- und Flugverkehr bedeutet das zusätzliche Gefahren.
Was bedeuten GPS-Jamming und GPS-Spoofing?
Beim Jamming werden Satellitensignale gezielt gestört oder überlagert, sodass sie nicht mehr zuverlässig empfangen werden können. Streitkräfte wollen damit erreichen, dass feindliche Drohnen oder einfach gesteuerte Waffen ihr Ziel verfehlen. Der Zweck ist Verwirrung und ein taktischer Vorteil.
Beim Spoofing geht es einen Schritt weiter: Dabei werden gefälschte Signale ausgesendet, die einem Schiff oder Flugzeug eine falsche Position vorgaukeln. So kann auf Karten ein völlig falscher Standort erscheinen. Tanker, die trotz Sanktionen iranisches Öl transportieren, können auf diese Weise ihre Wege verschleiern und Häfen unauffällig anlaufen. Solche Methoden kommen außerdem bei illegaler Fischerei oder Waffenschmuggel infrage. Teilweise schalten Besatzungen auch bewusst ihre AIS-Sender ab, also die Systeme zur Übermittlung der Schiffsposition.

Der Datenanbieter Windward registrierte seit Kriegsbeginn Ende Februar weltweit mehr als eine Million solcher Vorfälle. Bis Mitte Juni entfielen demnach 98 Prozent davon auf die Golfregion. Das Unternehmen spricht vom stärksten Anstieg, den die Schifffahrt je erlebt habe. Allein in den ersten beiden Kriegswochen seien mehr als 1.100 Schiffe betroffen gewesen. Dem Iran wird nachgesagt, diese Form der Manipulation besonders weit entwickelt zu haben. Zugleich sollen aber auch Israel, die USA und Golfstaaten solche Mittel einsetzen, etwa zum Schutz von Militärstandorten, Flughäfen oder Energieanlagen.
Ist diese Form der Kriegsführung neu?
Neu ist das Phänomen nicht. Bereits in den Kriegen in der Ukraine, im Gazastreifen und bei US-Operationen in Venezuela wurden GPS-Störungen beobachtet. Auch im Baltikum, im Schwarzen Meer und bei russischen Ölexporten im Osten des Landes nahmen sie zu. Nach Einschätzung von Windward ist die Technik im aktuellen Konflikt mit Iran jedoch zu einem regelrechten Standardwerkzeug geworden. Kleine GPS-Störsender, die in vielen Ländern verboten sind, lassen sich im Internet schon für wenige hundert Euro kaufen.
Versuche, die Navigation des Gegners zu behindern oder technische Systeme zu täuschen, gibt es schon seit dem Ersten Weltkrieg. Im Zweiten Weltkrieg attackierten sowohl die Alliierten als auch die Achsenmächte Radar, Kommunikation und Navigation des Gegners. 1940 gelang es den Briten in der sogenannten Strahlen-Schlacht, ein neues deutsches Funksystem zu entschlüsseln und zu stören. In der Folge warf die Luftwaffe Bomben teils über falschen Zielen ab, und Piloten verloren die Orientierung.
Elektronische Kriegsführung bleibt damit ein permanenter Wettlauf um technologische Überlegenheit. Mit jeder neuen Technik entstehen auch neue Möglichkeiten, sie zu behindern oder auszutricksen. Spätestens seit dem Zweiten Golfkrieg 1991 sei klar, dass Dominanz im elektromagnetischen Spektrum für militärische Einsätze entscheidend sein kann, heißt es in einem Bericht des Nato-Kompetenzzentrums für Luft- und Weltraum von 2018. Seitdem haben sich die Möglichkeiten noch erweitert.
Welche Gefahren entstehen dadurch?
Für die Schifffahrt ist diese Entwicklung nach Einschätzung des Royal Institute of Navigation in London eine sehr ernste und wachsende Bedrohung. Frachter und Containerschiffe sind wegen manipulierten Navigationsdaten bereits auf Grund gelaufen. Nahe der Straße von Hormus kam es dadurch auch zu einer Kollision zweier Öltanker. Wenn Positionsdaten falsch übertragen werden, steigt das Unfallrisiko deutlich – besonders bei Nacht, schlechter Sicht und in engen Seewegen.
Auch im Luftverkehr wächst die Sorge. Nach Angaben des Weltluftfahrtverbands IATA stieg die Zahl der Fälle mit GPS-Signalverlust zwischen 2021 und 2024 um 220 Prozent. Die Branche müsse widerstandsfähiger gegen solche Ausfälle werden, warnte der Verband. Etwa zur gleichen Zeit wurde auch ein Flugzeug mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an Bord mutmaßlich Ziel einer solchen Störung; im Raum stand damals ein möglicher Zusammenhang mit Russland. Fachleute schließen zudem nicht aus, dass elektromagnetische Angriffe einzelne Flugzeuge oder Hubschrauber bereits in Absturzgefahr gebracht haben könnten.
Kann GPS irgendwann ersetzt werden?
Ja, an Alternativen wird gearbeitet. Forscher testen etwa Navigationsmethoden, die sich an den Magnetfeldern der Erde orientieren – ähnlich wie Zugvögel oder Wale. Andere Ansätze nutzen Mobilfunknetze zur Positionsbestimmung. Zudem entstehen verschlüsselte und robustere GPS-Varianten. Das US-Militär setzt bereits ein moderneres System mit dem Namen M-Code ein, das weniger anfällig für Störungen sein soll.
Derzeit dominieren vier große Satellitennavigationssysteme: GPS aus den USA, Beidou aus China, Galileo aus der EU und Glonass aus Russland. Moderne Empfänger können Signale aus allen vier Netzen verarbeiten. Dabei geht es nicht nur um den Standort: GPS liefert auch hochpräzise Zeitsignale, die für Finanzsysteme, Telekommunikation und Stromnetze wichtig sind.
Wenn die Satellitennavigation ausfällt, greifen Seeleute oft wieder auf klassische Verfahren zurück – also auf Seekarten, Radar oder sogar die Orientierung an Sternen.
Wie zeigt sich das im Alltag?
Im Iran gehören GPS-Störungen seit Jahren zum Alltag. Besonders Autofahrer in der Millionenstadt Teheran berichten immer wieder davon, dass ihr Standort plötzlich an völlig falschen Orten angezeigt wird – irgendwo anders in der Stadt oder sogar mehrere Kilometer außerhalb. Während des Kriegs führte das teils dazu, dass Taxifahrer Fahrgäste oder Adressen nicht fanden. Auch in Beirut meldeten Bewohner, ihr Standort werde plötzlich in Ägypten oder Jordanien angezeigt.
Teheran liegt am Fuß des Albors-Gebirges. In Tälern und auf bekannten Wanderwegen treten ähnliche Störungen regelmäßig auf. Viele Iraner bezweifeln allerdings, dass diese militärischen Maßnahmen wirklich wirksam sind. Ihrer Ansicht nach verfügen Israel oder die USA ohnehin über modernere Systeme zur Zielerfassung. Leidtragende seien deshalb vor allem die Menschen im Alltag.
Auch in Israel und im Libanon, zwei verfeindeten Nachbarstaaten, kommt es zu GPS-Störungen. Die israelische Armee soll Jamming einsetzen, um sich gegen Angriffe der Hisbollah zu schützen. Die Folgen reichen bis in den Alltag hinein: Nutzer von Dating-Apps wunderten sich in beiden Ländern darüber, dass ihnen plötzlich Profile von Menschen jenseits der Grenze angezeigt wurden. Für die meisten wäre ein Treffen mit jemandem aus dem jeweils anderen Land jedoch kaum vorstellbar – und praktisch nur schwer umzusetzen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber