Politik

DDR vor dem Kollaps? Oskar Brüsewitz‘ Flammentod

Ein Dorfpfarrer setzt 1976 mit einer schockierenden Tat die DDR unter Strom – war das der erste Riss im SED-Regime?

17.08.2026, 09:36 Uhr

Am Morgen des 18. August 1976 soll Oskar Brüsewitz in Rippicha noch Rosen aus dem Garten seines Pfarrhauses geschnitten und ins Treppenhaus gestellt haben. Später hieß es, er habe sich von seiner Frau ein besonders gutes Frühstück gewünscht und seine Tochter gebeten, sein Lieblingslied auf dem Klavier zu spielen. Kurz darauf fuhr der 47 Jahre alte Pfarrer mit Protestplakaten gegen den SED-Staat zur Michaeliskirche nach Zeitz, übergoss seine Amtstracht mit Benzin und zündete sich an.

Fast ein halbes Jahrhundert später sehen manche in dieser verzweifelten Aktion ein frühes Signal für den späteren Zusammenbruch der DDR. Der frühere DDR-Kirchenfunktionär und spätere brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe bezeichnete Brüsewitz Jahre später als einen Vorboten des politischen Umbruchs. Während Brüsewitz 1976 als Einzelner mit der drastischsten Form des öffentlichen Protests gehandelt habe, seien 1989 Millionen Menschen auf die Straße gegangen, um Freiheit einzufordern.

Keine Verklärung der Tat

Unstrittig ist, dass Brüsewitz ein politisches Zeichen setzen wollte. Dennoch gibt sein Handeln bis heute Rätsel auf. Die mit ihm befreundete Pfarrerin Ursula Meckel schrieb rückblickend, niemand könne mit Sicherheit sagen, was ihn letztlich zu diesem Flammentod bewogen habe. Zugleich warnte sie davor, die Selbstverbrennung zu verklären: Es bleibe eine furchtbare und tragische Tat. Dennoch wollte sie ihn nicht vorschnell verurteilen, denn Brüsewitz habe sich von Gott dazu berufen gefühlt, nicht zu schweigen.

Oskar Brüsewitz
Oskar Brüsewitz war nach Erinnerung von Bekannten ein charismatischer Seelsorger, der Konflikten nicht aus dem Weg ging. (Archivbild) Quelle: —/dpa

Brüsewitz, Jahrgang 1929, arbeitete zunächst als Schuhmacher in Chemnitz und zeitweise auch in Westdeutschland. Nach dem Scheitern seiner ersten Ehe heiratete er 1955 in der DDR erneut, die Diakonisse Christa Roland. In einem Staat, der Religion an den Rand drängen wollte, ließ er sich taufen. Die Autorin Kathrin Mileta beschreibt ihn als einen Menschen, der Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg ging. Schon 1956 geriet er wegen regimekritischer Äußerungen ins Visier der Staatssicherheit.

Der unbequeme Pfarrer

Von 1964 bis 1969 ließ sich der frühere Schuhmacher an der Predigerschule in Erfurt zum Pfarrer ausbilden und wurde anschließend Seelsorger in Rippicha. Meckel schildert ihn als charismatisch, hilfsbereit und geradlinig. Gleichzeitig galt er als unbequem. Der Regisseur Thomas Frickel griff dieses Bild später mit dem Filmtitel „Der Störenfried“ auf.

Brüsewitz suchte bewusst die öffentliche Konfrontation. Auf seine Kirche setzte er ein Kreuz aus Neonröhren. Auf DDR-Parolen wie „25 Jahre DDR“ antwortete er mit dem Satz „2000 Jahre unbesiegbare Kirche Jesu Christi“. Und auf die Losung „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“ dichtete er: „Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott.“ Für Meckel hatte manches fast etwas von Don Camillo und Peppone — nur dass der Gegenseite meist der Humor fehlte.

Zunehmender Druck

Die SED erhöhte den Druck auf Brüsewitz und seine Gemeinde. Laut Mileta bewunderten viele Menschen zwar seinen Mut, fürchteten sich aber immer stärker vor den Folgen. Immer weniger Besucher kamen in seine Gottesdienste. Auch die evangelische Kirchenleitung mahnte den unangepassten Pfarrer. Dem Spiegel zufolge sagte Brüsewitz kurz vor seiner Tat in Zeitz, sein Vorgesetzter sei bereits mehrfach bei ihm gewesen und habe ihm schließlich angekündigt, ihn aus der Gemeinde Rippicha abzuziehen. Ob dies der unmittelbare Auslöser war, bleibt offen.

Bevor er sich selbst anzündete, befestigte Brüsewitz auf dem Dach seines Wartburg 311 Camping zwei Transparente. Darauf stand unter anderem: „Funkspruch an alle, Funkspruch an alle: Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an!“ In den späteren Akten hielt die Staatssicherheit fest, die Parolen hätten keine breite Wirkung entfaltet. Die rund 150 Augenzeugen hätten die Tat abgelehnt, und auch Vertreter der Kirche hätten sich distanziert — so vermerkte es die Stasi mit offensichtlicher Genugtuung.

Sicht der Staatssicherheit

Nach Auffassung der Staatssicherheit lagen die Ursachen vor allem in Konflikten mit der Kirchenleitung. In ihren Unterlagen hieß es, Brüsewitz habe aus einem fanatischen Glauben heraus gehandelt und versucht, einen Keil zwischen Kirche und Staat zu treiben. Zynisch wurde sogar festgehalten, seine Tat habe unnötige Kosten und Belastungen für das DDR-Gesundheitswesen verursacht. Tatsächlich überlebte Brüsewitz die Selbstverbrennung zunächst trotz schwerster Verletzungen, starb jedoch vier Tage später in einer Klinik.

Eigentlich hätte der Fall für die Staatsführung mit einem persönlichen Motiv, wenigen Augenzeugen und wenig offener Unterstützung schnell erledigt sein können. Doch das Gegenteil geschah. Zur Beerdigung am 26. August 1976 kamen etwa 400 Menschen, darunter 70 Pfarrer im Talar. Westdeutsche Medien machten den Fall in beiden Teilen Deutschlands bekannt. Am 31. August sah sich das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ zu einem scharfen Kommentar veranlasst. Darin wurde Brüsewitz als psychisch krank und sogar mit pädophilen Neigungen diffamiert. Gerade diese Verleumdung löste jedoch neue Empörung aus.

Proteste und Nachwirkungen

Wie das Bundesarchiv zu den Stasi-Unterlagen festhält, reagierten zahlreiche Menschen mit Leserbriefen, Eingaben und vereinzelt sogar Strafanzeigen auf die Diffamierung des toten Pfarrers. Auch Kirchenvertreter protestierten und griffen seine Anliegen in einem „Brief an die Gemeinden“ auf.

Wenige Tage später trat der mit Berufsverbot belegte Liedermacher Wolf Biermann in einer Kirche in Prenzlau auf. Es war sein erster Auftritt seit elf Jahren, wie er damals in einem vom Spiegel veröffentlichten Brief schrieb. Dort sprach Biermann über das Weggehen und deutete Brüsewitz’ Tod als eine „Republikflucht in den Tod“. Nur einige Wochen später, im November 1976, sorgte Biermanns eigene Ausbürgerung aus der DDR für noch weit größere Erschütterungen.

Der Zeitzeuge Matthias Storck, damals Theologiestudent, erinnert sich an Brüsewitz und Biermann als eng miteinander verknüpfte Erfahrungen. Diese beiden Ereignisse hätten ihn zu der Frage gebracht, ob dieser Sozialismus überhaupt noch möglich oder reformierbar sei. Rückblickend sagt er, beides zusammen habe ihn aufgerüttelt und hellwach gemacht.

Heute erinnert in Zeitz eine Stele an Oskar Brüsewitz. Für die einen bleibt er ein tragischer Einzelgänger, für die anderen ein früher Warner vor den Widersprüchen des DDR-Systems.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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