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Jelineks «Unter Tieren»: Wenn KI plötzlich Regie führt

Tiere lästern, Milliardäre werden vorgeführt – und am Ende übernimmt die KI. Warum Jelineks neues Stück alle herausfordert.

17.08.2026, 08:02 Uhr

KI übernimmt am Ende: Jelineks „Unter Tieren“ bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt

Bei der Uraufführung von Elfriede Jelineks neuem Stück „Unter Tieren“ in Salzburg stellt sich gegen Ende eine radikale Frage: Braucht es Schauspieler und Regie überhaupt noch? Auf der Bühne öffnen sich große Löcher, in denen das Ensemble innerhalb weniger Augenblicke verschwindet. Danach übernimmt live die Künstliche Intelligenz: Modelle diskutieren das Inszenierungskonzept und erzeugen Bild- und Klangwelten, die ohne menschliche Darsteller auskommen. Ab September ist die Koproduktion auch am Wiener Burgtheater zu sehen.

Dass der Mensch in diesem Text kaum noch eine Rolle spielt, ist Teil des Konzepts. In einer kurzen Mitteilung der 79-jährigen Literaturnobelpreisträgerin, die Regisseur Nicolas Stemann auf der Bühne verliest, heißt es, in ihrem jüngsten Werk kämen nur noch Tiere zu Wort. Mit dem KI-Finale treibt Stemann diesen Gedanken konsequent weiter.

Tiere reden über Kapital, Banken und Gewalt

Tauben, Hasen, Füchse, Schweine, Kühe und andere Tiere sprechen in dem Stück vor allem über Geld: über seine Entstehung, seine ungleiche Verteilung, über Banken und über die Verbindung von Finanzsystem und Krieg. An einer Stelle singt der Chor sinngemäß, Tod und Geld seien Geschwister mit hässlichem Gesicht.

Jelinek greift dabei auch reale Wirtschaftsskandale der vergangenen Jahre auf. Gleich zu Beginn tauschen sich drei Tauben über den österreichischen Investor René Benko und den Zusammenbruch seines Signa-Konzerns aus. Währenddessen räumen zwei Darsteller mit Benko-Masken die Bühne leer, als müssten Requisiten vor Gläubigern in Sicherheit gebracht werden.

Salzburger Festspiele - «Unter Tieren»
Ex-Kanzler Kurz und Technologie-Investor Thiel bekommen ihr Fett weg. Quelle: Barbara Gindl/APA/dpa

Prominente werden zur Zielscheibe der Satire

Auch andere bekannte Namen bekommen in Stemanns Inszenierung ihr Fett weg. Der umstrittene Tech-Investor Peter Thiel und der frühere österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, der nach seinem Rückzug aus der Politik zunächst für Thiel arbeitete, werden als skurriles Bühnenpaar gezeigt. Kurz kniet vor Thiel, später fallen sie sich zärtlich in die Arme. Thiel selbst wird anschließend mit offenbar KI-erzeugten Sätzen auf die Bühne geholt.

Auch Wolfgang Porsche, Aufsichtsratschef des Sportwagenherstellers und regelmäßiger Festspielgast, bleibt von der Satire nicht verschont. Stemann nimmt dabei den Streit um den geplanten Privattunnel aufs Korn, den sich der Milliardär als Zufahrt zu seiner Salzburger Villa bauen lassen wollte.

Ein anspruchsvoller Text, der nach Form sucht

Die plakativen Regieeinfälle kommen nicht von ungefähr. Jelinek formt aktuelle Themen nicht zu einem klassischen Drama mit klarer Handlung und festen Figuren. Stattdessen arbeitet sie mit ausgedehnten, dichten Textflächen, aus denen eine Bühnenfassung erst entwickelt werden muss.

Schauspielerin Mavie Hörbiger berichtete vor der Premiere offen von ihren Schwierigkeiten bei der ersten Lektüre. Sie habe zunächst keinen Satz verstanden und nicht gewusst, worüber die Tiere eigentlich sprächen.

Stemann begegnet dieser Hürde, indem er auf eine traditionelle Erzählweise verzichtet und das Stück als Revue anlegt. Es gibt keine Pause, das Saallicht bleibt an, das Publikum darf jederzeit den Saal verlassen und mit Getränken zurückkommen. Gerade in Passagen über Wirtschaftstheorie oder griechische Philosophie machen viele davon Gebrauch. Auf der Bühne wird zudem fortlaufend heruntergezählt, wie viele der 110 Textseiten noch bevorstehen.

Schon 2009 hatte Stemann Jelineks Wirtschaftsstück „Die Kontrakte des Kaufmanns“ in Köln mit ähnlichen Mitteln inszeniert: ohne Pause, mit offenem Kommen und Gehen und sichtbarem Countdown. In Salzburg zeigt sich erneut ein Nebeneffekt dieser Methode: An den sich leerenden und wieder füllenden Reihen lässt sich ziemlich genau ablesen, welche Szenen das Publikum fesseln und welche weniger.

Starke Momente jenseits der Gelddebatte

Besonders überzeugend ist der Abend dort, wo das hektische Bühnengeschehen kurz zur Ruhe kommt und die Schauspielerinnen und Schauspieler wirklich spielen dürfen. Das gilt etwa für Caroline Peters, bekannt vom Burgtheater und aus dem Fernsehen, die im Hasenkostüm einen nervösen Kleinanleger verkörpert.

Seine größte emotionale Wucht entfaltet das Stück allerdings erst dann, wenn der Fokus sich vom Geld löst. Vor allem in den Momenten, in denen Schweine und Kühe den Menschen ihre letzten Augenblicke im Schlachthof vorhalten, gewinnt der Abend eine eindringliche, anklagende Kraft.

Trotz mancher Länge und des wechselnden thematischen Schwerpunkts reagierte das Premierenpublikum begeistert. Regie und Ensemble wurden mit stehenden Ovationen gefeiert. Als Stemann am Schluss anstelle der abwesenden Autorin Jelineks Buch „Unter Tieren“ an die Bühnenrampe stellte, brandete noch einmal besonderer Applaus auf.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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