Binnen weniger Stunden gelangten Zehntausende Menschen in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika. Viele Einwohner zogen sich aus Angst in ihre Wohnungen zurück, während andere die oft sehr jungen Ankommenden beschimpften oder angriffen. Zahlreiche Migranten liefen zunächst orientierungslos und teils nur spärlich bekleidet durch die Straßen, bevor viele von ihnen kurz darauf wieder nach Marokko zurückkehrten.
Inzwischen hat sich die Situation in Ceuta deutlich beruhigt. Die Bilder des Ausnahmezustands dürften die europäische Debatte über Migration aber noch lange prägen. Wie es zu dem Massenandrang kommen konnte, ist weiterhin nicht abschließend geklärt. Fest steht bislang nur, dass es zahlreiche Erklärungsansätze gibt.
Ein Punkt wird in Spanien jedoch ungewöhnlich einhellig gesehen: Ohne das zumindest zeitweise Nichthandeln marokkanischer Behörden wäre ein solcher Grenzdurchbruch nach Meinung fast aller Beobachter kaum möglich gewesen. Die Grenze gilt normalerweise als streng überwacht. Nach Einschätzung spanischer Medien hätten Zehntausende Menschen sie nicht ohne Duldung oder Mitwirkung von Verantwortlichen in Rabat überwinden können. Videos, die marokkanische Sicherheitskräfte bei Untätigkeit zeigen sollen, nähren diesen Verdacht zusätzlich.
Die Spur führt nach Rabat
Auch in Marokko verweisen einige Beobachter darauf, dass ein Vorfall wie in Ceuta nur denkbar sei, wenn die Behörden ihn zumindest zuließen. König Mohammed VI. führt das Land autoritär, der Sicherheitsapparat ist stark ausgebaut, ebenso die digitale Überwachung. Mehrere Migranten berichteten spanischen Medien unabhängig voneinander, man habe sie nicht aufgehalten, sondern sogar zum Grenzübertritt ermuntert.

Warum aber sollte Rabat an diesen chaotischen Szenen ein Interesse haben? Als möglicher Hintergrund gilt die angespannte Beziehung zu Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez. Zwar sind beide Länder wirtschaftlich eng miteinander verflochten, doch Sánchez hatte zuletzt bei einem Besuch in Algerien die Beziehungen zu Marokkos regionalem Rivalen vertieft. Hinzu kommt der Dauerkonflikt um die Westsahara sowie Marokkos Anspruch auf Ceuta und Melilla, die in Rabat als besetzte marokkanische Städte betrachtet werden.
Für Verärgerung könnte in Marokko auch ein jüngster Beschluss des Justizausschusses des spanischen Parlaments gesorgt haben. Dabei geht es um einen Gesetzentwurf, der vielen Sahrauis und ihren Nachkommen den Zugang zur spanischen Staatsbürgerschaft erleichtern soll. In spanischen Medien wird vermutet, dass Rabat darin auch deshalb eine Provokation sieht, weil Angehörige der von Algerien unterstützten Polisario-Bewegung mit einem EU-Pass schwerer zu verfolgen wären. Die Polisario besteht zu großen Teilen aus Sahrauis.
Denkbar ist daher, dass Rabat mit gelockerten Grenzkontrollen ein politisches Signal an Madrid senden wollte. Beweise dafür gibt es bislang nicht. Ganz neu wäre ein solcher Verdacht allerdings nicht: Schon 2021 hatte Spanien Marokko vorgeworfen, Migration als Druckmittel im Streit um die Westsahara einzusetzen. Damals nahm Madrid den Polisario-Chef zur Behandlung in ein Krankenhaus auf. Kurz darauf erreichten mehr als 8.000 Menschen Ceuta. Spanien sprach damals von Erpressung, Rabat entgegnete sinngemäß, dass politisches Handeln Folgen habe.
Eine weitere Vermutung lautet, Marokko habe in der aktuellen Krise zeigen wollen, dass seine Rolle als Grenzschützer Europas nicht selbstverständlich ist. Für Maßnahmen zur Begrenzung irregulärer Migration erhält das Land von der EU Millionenbeträge.
Der Blick nach Washington und Jerusalem
Diskutiert wird außerdem, ob Signale aus der spanischen Migrationspolitik eine Rolle gespielt haben könnten. Dazu zählen die Legalisierung bereits im Land lebender Migranten ohne regulären Aufenthaltsstatus sowie ein Gerichtsurteil, das Zurückweisungen nach einer Einreise über das Meer erschwert. Zwar gelten solche Maßnahmen nicht für Neuankömmlinge, doch sie könnten falsche Erwartungen geweckt haben.
Andere Spekulationen reichen noch weiter. Spanien hatte sowohl das israelische Vorgehen im Gazastreifen als auch die US-Angriffe auf den Iran scharf kritisiert. Zudem widersetzte sich Madrid dem Druck von US-Präsident Donald Trump, die Verteidigungsausgaben schneller zu steigern. Manche Beobachter leiten daraus die These ab, Marokko könne im Sinne seiner engen Partner USA und Israel gehandelt haben, um die linke Regierung in Spanien unter Druck zu setzen und zugleich Debatten über Migration und Sicherheit in Europa weiter anzuheizen.
Ein israelnaher Analyst hatte vor einigen Monaten sogar offen gefordert, Israel solle Marokko dabei helfen, Ceuta und Melilla zurückzuerlangen, um Spanien zu bestrafen. Belastbare Hinweise auf eine Beteiligung der USA oder Israels an den Ereignissen in Ceuta gibt es jedoch nicht.
Die marokkanische Regierung äußerte sich auch am Samstag nicht zu den Vorfällen. Aus dem Umfeld einer politisch königsnahen Partei hieß es lediglich, es brauche einen nationalen Dialog über die Probleme der Jugend. Kritiker werfen der Regierung vor, junge Menschen vernachlässigt zu haben. Der Autor Abdelhamid Bajouki formulierte es zugespitzt: Für viele Betroffene sei das Meer weniger beängstigend als ihr Zuhause.
Jugend ohne Perspektive in Marokko
Trotz eines starken Wirtschaftswachstums leidet Marokko weiter unter hoher Arbeitslosigkeit, besonders bei jungen Menschen. Nach einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation hat rund ein Drittel der 15- bis 29-Jährigen weder Arbeit noch Ausbildung oder Studium. Frauen sind davon besonders stark betroffen.
Sowohl in Großstädten wie Casablanca, Rabat und Fès als auch auf dem Land fehlt vielen Menschen eine reale Perspektive. Für zahlreiche junge Marokkaner erscheint ein Leben in Europa deshalb attraktiver. Besonders Spanien und Frankreich stehen im Fokus, nicht zuletzt wegen der geografischen Nähe und historischer Verbindungen. In beiden Ländern leben zudem große marokkanische Gemeinschaften.
Von dieser Lage profitieren auch Schleusernetzwerke. Zwar versucht der marokkanische Staat seit Jahren, Menschenhandel einzudämmen, doch die kriminellen Strukturen bestehen weiter. Über sie werden nicht nur Marokkaner, sondern auch Migranten aus Ländern südlich der Sahara Richtung Europa geschleust. Für 2025 meldeten die marokkanischen Behörden 73.000 irreguläre Einreisen ins Land, vor allem aus der Sub-Sahara.
Die Rolle von Handys und sozialen Netzwerken
Offenbar trugen auch soziale Medien erheblich zur Ceuta-Krise bei. Viele Migranten berichten, über Videos und Nachrichten auf Plattformen wie TikTok von einer angeblich offenen Grenze erfahren zu haben. Schnell verbreitete sich dort die Hoffnung, in Ceuta würden Unterkünfte bereitstehen und eine Weiterreise auf das spanische Festland möglich sein.
Vor Ort wich diese Hoffnung allerdings rasch der Ernüchterung. Ein 18-jähriger Migrant sagte gegenüber El País, man habe ihnen versprochen, sie würden eine Unterkunft und ein Visum für Algeciras bekommen, doch das sei alles gelogen gewesen. Eine junge Mutter beklagte, sie habe nicht einmal Milch für ihr Baby erhalten. Dass die meisten der schätzungsweise 50.000 bis 60.000 Ankommenden – auch unter dem Druck spanischer Sicherheitskräfte – bald wieder freiwillig oder unfreiwillig nach Marokko zurückkehrten, überrascht daher kaum.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber