Ein Charterflug der Bundespolizei hat erneut ausreisepflichtige Afghanen von Deutschland nach Afghanistan gebracht. Die Maschine hob in den frühen Morgenstunden am Flughafen Leipzig/Halle in Richtung Kabul ab. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums wurden 23 Männer abgeschoben.
Dem Ministerium zufolge handelt es sich diesmal ausnahmslos um Männer, die in Deutschland strafrechtlich in Erscheinung getreten sind. Aus Sicherheitskreisen hieß es, dass es unter anderem um Raub, sexuellen Missbrauch von Kindern und Misshandlung von Schutzbefohlenen ging. An der Maßnahme waren nach Angaben des Innenministeriums sechs Bundesländer beteiligt: Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.
Dobrindt will Kurs fortsetzen
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte bereits nach der Abschiebung Ende Juli angekündigt, Rückführungen nach Afghanistan künftig nicht mehr nur auf Straftäter und sogenannte Gefährder zu beschränken. Wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, sollen nun auch weitere ausreisepflichtige Menschen dorthin abgeschoben werden.
Auf X erklärte Dobrindt, die Gesellschaft habe ein eindeutiges Interesse daran, dass Straftäter Deutschland verlassen müssten. Wer kein Aufenthaltsrecht habe, müsse zudem damit rechnen, das Land verlassen zu müssen. Diesen Kurs werde man konsequent fortsetzen.
Seit Beginn der aktuellen Legislaturperiode wurden laut Bundesinnenministerium einschließlich der jüngsten Sammelabschiebung insgesamt 228 Männer nach Afghanistan zurückgebracht.
Kritik an Kontakten zu den Taliban
Kritik gibt es weiter an den Absprachen der Bundesregierung mit den islamistischen Taliban, die in Kabul herrschen. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Schahina Gambir warf der Regierung vor, statt sich für Menschenrechte einzusetzen, vor allem ihre eigene Abschiebepolitik voranzutreiben.
Die Bundesregierung erkennt die Taliban, die vor fünf Jahren die Macht in Kabul übernommen haben, weiterhin nicht als legitime Regierung an. Die erste Sammelabschiebung afghanischer Straftäter war bereits vor zwei Jahren mit Unterstützung Katars organisiert worden. Damals stand Nancy Faeser (SPD) an der Spitze des Bundesinnenministeriums.
Afghanistan in humanitärer Krise
Einer der 31 Männer, die Ende Juli aus Deutschland nach Afghanistan abgeschoben worden waren, schilderte der dpa später telefonisch seine Lage. Er sei mit 14 Jahren nach Deutschland gekommen und habe Teile seiner Muttersprache Dari verlernt. Durch die Abschiebung sei er nun von seiner Frau und seinem Kind getrennt. In Kabul gebe es für ihn keine Arbeit; ohne seinen älteren Bruder müsste er nach eigenen Angaben auf der Straße leben. Sein Ziel sei es, nach Deutschland zurückzukehren.
Afghanistan mit mehr als 48 Millionen Einwohnern steckt weiterhin in einer schweren humanitären Krise. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnte zuletzt vor einem bislang nicht dagewesenen Ausmaß an Unterernährung. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO haben nur rund 33 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung überhaupt einen Job.
Brutale Strafen
Menschenrechtler berichten zudem von zunehmenden Auspeitschungen in Afghanistan. Nach Angaben der Afghanistan Human Rights and Democracy Organization (AHRDO) wurden 2024 insgesamt 593 solcher Fälle dokumentiert, 2025 bereits 1.074. Im laufenden Jahr registrierte die Organisation bis April 553 Auspeitschungen.
In vielen der zwischen Februar 2022 und April 2026 erfassten Fälle wurden die Strafen demnach mit außerehelichen Beziehungen, angeblichen Sexualdelikten oder Homosexualität begründet.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber