Politik

Alarmruf: Gefahr für Kinder größer denn je

Alarmbericht: Kinder sind online so gefährdet wie nie – trotz Fortschritten bleiben beim Schutz dramatische Lücken.

13.10.2026, 12:59 Uhr

Claus fordert mehr Schutz für Kinder vor sexualisierter Gewalt – vor allem im Netz

Die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, sieht Fortschritte im Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Nach jahrelanger Aufarbeitung, Forschung und politischen Maßnahmen sei einiges erreicht worden, sagte sie in Berlin. Zugleich betonte sie aber, dass weiterhin großer Handlungsbedarf bestehe – insbesondere wegen neuer Gefahren durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.

Es gehe vor allem um wirksame Gefahren- und Risikoabwehr. Claus verwies darauf, dass in Deutschland aktuell rund zehn Millionen Menschen in Kindheit oder Jugend sexuelle Gewalt erlebt hätten.

Risiken im digitalen Raum nehmen stark zu

Nach Einschätzung von Claus ist die Gefahr für Kinder und Jugendliche heute besonders groß. Noch nie sei das Risiko, sexualisierte Gewalt zu erleben, so hoch gewesen wie heute. Vor allem im Internet hätten die Risiken massiv zugenommen. Digitale Kommunikations- und Interaktionsräume seien inzwischen zu zentralen Tatorten sexualisierter Gewalt geworden.

Anlass ihrer Aussagen war die Vorstellung eines Berichts zum Ausmaß sexueller Gewalt gegen Minderjährige sowie zum Stand von Prävention, Hilfe und Aufarbeitung. Der Bericht enthält keine neuen Daten, sondern fasst den aktuellen Erkenntnisstand zusammen und leitet daraus politische Forderungen ab.

Dem Bericht zufolge bleibt die Zahl betroffener Kinder und Jugendlicher weiterhin hoch. Verwiesen wird auf bereits veröffentlichte Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik: Für 2025 wurden 17.126 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch registriert. Das sind rund 1.600 Fälle mehr als vor fünf Jahren und 772 mehr als im Jahr zuvor.

Fortschritte seit dem Missbrauchsskandal von 2010

Claus legte mit dem Bericht viereinhalb Jahre nach ihrem Amtsantritt eine umfassende Bestandsaufnahme vor. Positiv hob sie hervor, dass in den vergangenen 16 Jahren Kompetenzen und Ressourcen im Bereich Prävention deutlich ausgebaut worden seien. Auch die Hilfe- und Unterstützungsangebote für Betroffene seien grundlegend definiert und verbessert worden.

Als Wendepunkt gilt der Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg, bei dem 2010 zahlreiche Fälle aus den 1970er- und 1980er-Jahren öffentlich wurden. Danach kamen bundesweit viele weitere Fälle ans Licht.

Internet und KI als zentrale Problembereiche

Ein Schwerpunkt des Berichts liegt auf digitalen Risiken und dem Einsatz Künstlicher Intelligenz. Nach Einschätzung von Claus eröffnen digitale Plattformen Tätern neue Möglichkeiten, mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu treten.

Besonders problematisch seien neue technische Entwicklungen. So könnten etwa harmlose Profilbilder mithilfe von KI in Nacktdarstellungen umgewandelt werden. Das erleichtere Formen sexueller Erpressung, auch bekannt als „Sextorsion“.

Claus fordert die Schließung von Schutzlücken

Trotz erkennbarer Fortschritte kritisiert Claus weiterhin bestehende Schutzlücken. Sie fordert unter anderem:

  • das konsequente Aufspüren und schnelle Löschen von Missbrauchsdarstellungen im Internet, weil das Leid der Betroffenen andauert, solange solche Inhalte online verfügbar sind
  • eine Ausweitung des Strafrechts, damit nicht nur Kinder unter 14, sondern auch Jugendliche besser vor Cyberkriminellen geschützt werden
  • ein Schulfach wie „Digitale Welt“ oder „Digitalität“, das digitale Kompetenzen vermittelt und über Risiken im Netz aufklärt
  • verbindliche Schutzkonzepte in Schulen, Kitas und Freizeitangeboten, die ausdrücklich auch digitale Gewaltformen einschließen
  • mehr Fortbildungen für Lehrkräfte im Umgang mit digitaler sexualisierter Gewalt
  • klare Vorgaben für Länder und Kommunen, damit Einrichtungen wie Schulen, Kitas oder Kirchen Missbrauchsfälle an die gesetzliche Unfallversicherung melden
  • einen weiteren Ausbau von Fachberatungsstellen sowie einen Rechtsanspruch auf Fachberatung für Betroffene
  • die Aufbewahrung von Schülerakten über 70 Jahre
  • verpflichtende Ausbildungsinhalte zu Kinderschutz und Prävention sexualisierter Gewalt für Sozialarbeit, Lehrkräfte, Justiz, Polizei, Gesundheitswesen und Verwaltung

Claus betonte, dass besserer Schutz möglich sei. Aus ihrer Sicht ist mehr Prävention, mehr Aufklärung und ein entschlosseneres Vorgehen gegen digitale Tatorte dringend notwendig.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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