Politik

Merkels Appell: Darum traf sie Biermann

50 Jahre nach Biermanns Ausbürgerung enthüllt Merkel, wie sie sein West-Konzert erlebte – und warum sie heute eindringlich warnt.

07.11.2026, 01:52 Uhr

Merkel würdigt Biermann und mahnt zum Einsatz für die Demokratie

Bei einer Gedenkveranstaltung in Berlin zum 50. Jahrestag der Ausbürgerung von Wolf Biermann hat Altkanzlerin Angela Merkel zu mehr bürgerschaftlichem Engagement für den demokratischen Rechtsstaat aufgerufen. Die frühere CDU-Regierungschefin sagte im Kino International, die Bürger müssten sich heute wieder hörbar und entschlossen für den Staat und seine Werte einsetzen. Wer verhindern wolle, dass Freiheit und Rechte eines Tages bedroht seien, müsse sich schon jetzt für Menschenwürde, Meinungsfreiheit und den Schutz von Minderheiten starkmachen.

Die Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur stand unter dem Motto eines „Festivals des kritischen Geistes“. Biermann, der am 15. November 90 Jahre alt wird, verfolgte Merkels Rede aus der ersten Reihe. Die Ex-Kanzlerin, selbst in der DDR aufgewachsen und 1976 22 Jahre alt, verband ihre persönlichen Erinnerungen an den Liedermacher mit einem Appell an die Gegenwart.

Merkel: Demokratie ist verletzlicher als gedacht

Merkel zeichnete ein Bild eines geeinten, zugleich aber angespannten Landes. Die Demokratie sei verletzlicher, als viele lange geglaubt hätten, sagte sie. Freie Wahlen allein reichten nicht aus; eine Demokratie lebe auch davon, dass ihre Bürger sie aktiv tragen und verteidigen.

Mit Blick auf Biermann erklärte sie, dessen Lieder hätten immer auch Mut gemacht. Gerade deshalb bleibe er bis heute vielen Menschen nah. Vor Merkels Rede hatte der Liedermacher mehrere Stücke mit der Gitarre vorgetragen. Sie beschrieb seine Kunst als leidenschaftlich, anklagend und ermutigend.

50 Jahre Ausbürgerung Biermann
Die Altkanzlerin würdigte Biermann zum 50. Jahrestag seiner Ausbürgerung aus der DDR. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Erinnerung an die Ausbürgerung 1976

In ihrer Würdigung blickte Merkel auf Biermanns Lebensweg zurück. Der gebürtige Hamburger war als Jugendlicher in die DDR gegangen, weil er am Aufbau des Sozialismus mitwirken wollte. Wegen seiner kritischen Texte geriet er jedoch früh in Konflikt mit der SED und erhielt ein langjähriges Auftrittsverbot. Nach seinem Konzert in Köln am 13. November 1976 durfte er nicht mehr in die DDR zurückkehren; die Staatsführung entzog ihm die Staatsbürgerschaft. Die Entscheidung führte damals zu Protesten und Solidaritätsbekundungen unter Künstlern in der DDR.

Merkel erinnerte sich auch daran, wie sie Biermann damals erstmals im Fernsehen singen sah. Die Übertragung des Kölner Konzerts in der ARD habe sie sich wenige Tage später angesehen. Dafür sei sie eigens von ihrem Studienort Leipzig nach Templin zu ihren Eltern gefahren, weil es im Studentenwohnheim kein Westfernsehen gegeben habe. Zuvor habe sie seine Lieder nur von Tonbandaufnahmen gekannt, die ihr Vater besorgt habe.

Ausbürgerung als Einschnitt für Biermann und die DDR

Nach Merkels Worten bedeutete die Ausbürgerung für Biermann nicht nur den schmerzhaften Verlust seiner „Lebensheimat“, sondern auch einen weiteren Schritt in der Abkehr vom Kommunismus. Zugleich sei der Vorgang für die DDR selbst ein Zeichen ihres Niedergangs gewesen, zumal später viele weitere Künstler das Land verließen.

Zum Ende ihrer Rede wandte sich Merkel direkt an den Liedermacher. Seine Stimme werde nicht nur heute, sondern auch künftig gebraucht, sagte sie und gratulierte dem bald 90-Jährigen.

Biermann nennt Merkel eine Freundin

Im anschließenden Bühnengespräch wurde Biermann gefragt, wie sein Verhältnis zu Merkel sei. Er antwortete, dass er sie verteidige, wenn andere über sie schimpften. Beide seien befreundet. Mit der Zeit habe er gelernt, dass Freundschaft auch unterschiedliche politische Ansichten aushalten könne. Voraussetzung sei allerdings, dem eigenen Freund gegenüber nicht auszuweichen oder aus Bequemlichkeit zu schweigen. Toleranz, sagte Biermann, habe er nicht in der Diktatur gelernt, sondern erst im Westen.

Bewegender Abend im Kino International

Zum Schluss wurde Biermann gefragt, wie er es empfinde, dass ihm heute in einem voll besetzten Saal so viele Menschen zuhören. Dabei erinnerte er an die Premiere des Films Spur der Steine in eben diesem Kino, die einst von der Staatssicherheit gestört worden sei. Dass man die damaligen Machthaber überdauert habe, bewege ihn tief, sagte er.

Solche Erfahrungen müsse man sich bewusst machen, fügte Biermann hinzu, auch um kommende Niederlagen besser aushalten zu können und nicht aufzugeben. Der Abend selbst sei für ihn eine große Ermutigung: nicht nur, weil er noch lebe, sondern weil auch so viele andere noch da seien. Gerade an diesem Ort, in einem Kino mit unverkennbarer DDR-Anmutung, sei das etwas Besonderes.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen