Die geplante strengere Steuerung bei Facharztterminen sollte nach Ansicht der Ärzteschaft mit klaren Anreizen für Patientinnen und Patienten verbunden werden. Ärztepräsident Klaus Reinhardt sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe, Menschen müssten spüren, dass der Weg über die Hausarztpraxis für sie die beste und schnellste Lösung ist. Auch der Hausärzteverband sprach sich für spürbare Vorteile aus und verlangte zugleich angemessene Folgen, wenn dieser Weg bewusst umgangen wird.
Die schwarz-rote Koalition plant ein verbindliches Primärversorgungssystem. Danach sollen Patientinnen und Patienten in der Regel zunächst eine Hausarztpraxis aufsuchen. Von dort aus soll bei Bedarf eine Überweisung an Fachärzte erfolgen, verbunden mit einem Termin innerhalb eines festgelegten Zeitraums. Zusätzlich ist eine digitale, einheitliche Ersteinschätzung von Beschwerden vor dem Praxisbesuch vorgesehen. Die Einführung des Systems wird für 2028 erwartet.
Regeln mit Konsequenzen
Reinhardt betonte, wer sich nicht an sinnvolle Vorgaben halte, müsse möglicherweise länger auf einen Termin warten als jemand mit vergleichbarer Erkrankung, der sich an die Regeln halte. Denkbar seien am Ende auch finanzielle Steuerungsinstrumente. Ziel der Reform sei unter anderem, Wartezeiten zu verkürzen. Deutschland liege mit durchschnittlich 9,7 Arzt-Patienten-Kontakten pro Jahr im europäischen Vergleich sehr weit vorne. Auch die Zahl der Krankenhausbehandlungen sei international besonders hoch. Reinhardt sieht darin eine Folge des bislang kaum gesteuerten Zugangs zum Gesundheitssystem.
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz widersprach jedoch der Stoßrichtung. Zwar sei das deutsche Gesundheitswesen tatsächlich ineffizient, sagte Vorstand Eugen Brysch. Die Verantwortung dafür liege aber nicht allein bei den Patientinnen und Patienten. Auch Ärztinnen und Ärzte trügen erheblich zum Problem bei. Noch immer werde vor allem die Menge der Kontakte vergütet, nicht die Qualität der Behandlung. Brysch warnte davor, Menschen zusätzlich finanziell zu belasten, wenn sie direkt Fachärzte aufsuchen. Das könne viele verunsichern.
Hausärzteverband fordert klare Zuständigkeiten
Der Hausärzteverband verlangte eindeutige Regeln. Patientinnen und Patienten sollten sich bewusst für oder gegen die Teilnahme an einem solchen Versorgungsmodell entscheiden können. Wer die Vorteile dieses Systems nutzen wolle, müsse sich dann aber auch an die vorgegebenen Abläufe halten, erklärte der Vorsitzende Markus Blumenthal-Beier. Dafür brauche es nachvollziehbare Konsequenzen, wenn Wege der Versorgung absichtlich umgangen werden, etwa durch einen direkten Gang in eine Facharztpraxis.
Nach Vorstellung des Verbandes sollen Patientinnen und Patienten während der üblichen Sprechzeiten grundsätzlich zuerst ihre Hausarztpraxis kontaktieren — telefonisch, digital oder persönlich. Eine erste Einschätzung über andere Stellen hinweg lehnt der Verband ab. Weder Apotheken noch Facharztpraxen sollten nach seiner Auffassung die Rolle zentraler Anlauf- oder Steuerungsstellen übernehmen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber