65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen: Wie Migration Deutschland geprägt hat
"Unsere Eltern kamen damals mit zwei Taschen aus der Türkei" – diese Zeile aus Pashanims Song „Sommergewitter“ bringt auf den Punkt, was viele Familiengeschichten verbindet. Einige der Dinge, die Menschen bei ihrer Ankunft nach Deutschland mitbrachten, werden heute im Bezirksrathaus Köln-Ehrenfeld aufbewahrt. Dort präsentiert Bengü Kocatürk-Schuster vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) unter anderem eine kunstvoll verzierte blaue Trinkflasche. Sie begleitete einst ihre Besitzerin oder ihren Besitzer auf dem Weg nach Deutschland und wurde danach als Erinnerungsstück aufgehoben. Eher wirkt sie wie ein Objekt aus einem Märchen als wie ein gewöhnlicher Alltagsgegenstand.
Zu den stillen, aber besonders berührenden Exponaten gehört auch eine Kassettenbox. Ein türkisches Ehepaar bewahrte darin sogenannte Hörbriefe auf, die ihre zunächst in der Türkei bei Verwandten gebliebene Tochter aufgenommen hatte. Diese Tonbotschaften waren damals ein weit verbreitetes Kommunikationsmittel, erklärt Kocatürk-Schuster. Sie funktionierten wie Briefe – nur gesprochen. Darauf wurden Grüße übermittelt, Gedichte vorgetragen oder Lieder gesungen. Nicht selten dauerte es Monate, bis eine solche Kassette endlich ankam.
Am 30. Oktober 1961 wurde unter Bundeskanzler Konrad Adenauer das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet. Kaum ein anderer Vertrag hat die Bundesrepublik so nachhaltig verändert. Zwar hatte Deutschland zuvor bereits ähnliche Vereinbarungen mit Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Jugoslawien geschlossen, doch der Bedarf an Arbeitskräften blieb hoch.

Als "Gäste" geholt, nicht als Einwanderer verstanden
Die junge Bundesrepublik litt Anfang der 1960er Jahre unter Arbeitskräftemangel. Ursachen waren unter anderem die geburtenschwachen Kriegsjahrgänge sowie der Aufbau der Bundeswehr, der viele junge Männer dem Arbeitsmarkt entzog. Die angeworbenen Menschen galten aus Sicht der Bundesregierung nicht als Einwanderer, sondern als Gastarbeiter.
Auch die türkische Regierung dachte zunächst nicht in dauerhafter Migration. Sie hoffte auf Devisen und darauf, dass die Arbeitskräfte in Deutschland Qualifikationen erwerben würden, um später in die Türkei zurückzukehren. Doch das Bild vom unqualifizierten Arbeiter greift zu kurz, sagt Haci-Halil Uslucan, Professor für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen. Studien hätten gezeigt, dass 20 bis 50 Prozent der Zugewanderten bereits eine Ausbildung oder berufliche Qualifikation mitgebracht hätten. Unter ihnen seien nicht nur Landarbeiter gewesen, sondern etwa auch Lehrkräfte – die in Deutschland allerdings meist nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten konnten.
Ernüchterung nach der Ankunft
Die Reise von Istanbul nach Deutschland dauerte in Sonderzügen anfangs 50 bis 55 Stunden. Viele Reisende verbanden mit Deutschland große Hoffnungen. Manche stellten sich vor, sie würden in einem festlichen Saal mit Musik empfangen – schließlich galt Deutschland als Land der klassischen Kultur.
Die Realität sah anders aus. Für viele begann das neue Leben in einem Keller: im ehemaligen Luftschutzbunker unter Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs. Dort hatte die Bundesanstalt für Arbeit eine Weiterleitungsstelle eingerichtet.
Für die Unterbringung waren die Unternehmen zuständig. Sie brachten die neu angekommenen Arbeitskräfte häufig in Baracken, Werkshallen oder Bunkern unter, teils sogar hinter Stacheldraht. Der Alltag dort war streng geregelt – von Aufstehzeiten über die Nutzung gemeinsamer Küchen und Waschräume bis hin zu Besuchszeiten und Nachtruhe.
Vom Anwerbestopp zur "Rückkehrhilfe"
Nach der Ölkrise beendete Westdeutschland 1973 die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Bald wurde offen darüber gesprochen, dass die einstigen "Gäste" das Land wieder verlassen sollten. Uslucan erinnert daran, dass selbst führende Politiker harte Töne anschlugen. Unter Kanzler Helmut Kohl führte die Bundesregierung 1983 ein Rückkehrhilfegesetz ein, das Ausländern mehrere tausend D-Mark zahlte, wenn sie Deutschland verließen. Viele Betroffene nannten das zynisch die „Verpiss-dich-Prämie“.
Zwischen 1961 und 1973 kehrten zwar rund 500.000 Türken wieder in die Heimat zurück, doch knapp eine Million blieb in Deutschland. In den 1970er Jahren holten viele von ihnen ihre Familien nach. Entscheidend waren nicht nur die besseren Verdienstmöglichkeiten in Deutschland, sondern auch die Erfahrung, dass ihnen die frühere Heimat nach Jahren der Abwesenheit fremd geworden war. Uslucan beschreibt diesen Zustand als ein Leben zwischen zwei Welten: Man fühlte sich weder hier noch dort ganz zugehörig.
2,6 Millionen Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten 2025 in Deutschland rund 2,6 Millionen Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte. Davon waren etwa 1,5 Millionen selbst eingewandert, rund 1,2 Millionen in Deutschland geboren. Knapp die Hälfte besaß 2025 die deutsche Staatsangehörigkeit – entweder zusätzlich oder ausschließlich. Von den ursprünglichen Gastarbeitern, die zwischen 1961 und 1973 nach Deutschland kamen, lebten 2025 noch etwa 125.000 hier.
Zugehörigkeitsgefühl im Wandel
Umfragen zeigen laut Uslucan, dass sich die meisten Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland beiden Ländern verbunden fühlen. Gleichzeitig habe sich das Verhältnis seit etwa 2010 verändert: Die Bindung an Deutschland sei schwächer geworden, während die zur Türkei zugenommen habe.
Als Gründe nennt der Wissenschaftler zum einen den politischen und wirtschaftlichen Bedeutungszuwachs der Türkei. Zum anderen hätten Ereignisse in Deutschland Spuren hinterlassen – etwa die Mordserie des NSU und wiederkehrende Debatten, in denen Türken oft vor allem als Integrationsproblem dargestellt wurden. Auf der einen Seite habe es eine selbstbewusster auftretende Türkei gegeben, auf der anderen viele Erfahrungen von Ausgrenzung in Deutschland.
Das Grundgefühl vieler türkeistämmiger Menschen lasse sich so zusammenfassen: Sie leben seit Jahrzehnten hier, arbeiten, zahlen Steuern – und werden dennoch häufig weiterhin als Ausländer wahrgenommen.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein weiteres Ergebnis: Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) vor der Bundestagswahl 2025 konnten sich rund 20 Prozent der Deutschen mit türkischer Migrationsgeschichte vorstellen, die AfD zu wählen. Uslucan erklärt dies unter anderem mit dem Wunsch nach Abgrenzung. Viele hätten den Eindruck, sie oder ihre Eltern hätten sich alles hart erarbeiten müssen, während neuere Zuwanderer es leichter hätten. Dahinter stehe auch Frust darüber, mit späteren Einwanderungsgruppen pauschal gleichgesetzt zu werden.
Viel erreicht – und Deutschland nachhaltig verändert
Trotz aller Spannungen zieht Uslucan insgesamt eine positive Bilanz. Vor allem im Bildungsbereich habe es große Fortschritte gegeben. Ein sichtbares Zeichen dafür sei, dass mit Cem Özdemir (Grüne) in Baden-Württemberg in diesem Jahr erstmals ein Politiker mit türkischen Wurzeln Ministerpräsident wurde.
Der Einfluss der türkischen Migration zeigt sich längst im Alltag: in Sprache, Musik, Küche, Festkultur und in zahllosen deutsch-türkischen Partnerschaften. Deutschland ist durch diese Geschichte ein anderes Land geworden.
Uslucan formuliert es mit einem Augenzwinkern: 65 Jahre – das sei ungefähr das Rentenalter. Frei nach Udo Jürgens könne man sagen: Jetzt fängt das Leben an, jetzt kommen die guten Jahre. Für die Zukunft, so seine Hoffnung, sollte genau das das Motto sein.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber