Emmanuel Macron setzte schon zur Ankunft von Donald Trump ein demonstratives Zeichen: Auf Instagram unterlegte der französische Präsident die Szene mit Tom Pettys Song „Love Is a Long Road“ – eine kaum misszuverstehende Anspielung auf das schwierige Verhältnis zwischen dem US-Präsidenten und Europas Verbündeten.
Nach drei Tagen am Genfersee wirkte das transatlantische Verhältnis dann jedoch deutlich entspannter. Unter dem Eindruck des nahenden Endes des Iran-Kriegs rückten die westlichen Industriestaaten wieder enger zusammen. Ob diese Gipfelharmonie trägt, ist allerdings weiter offen.
1. Die G7 lebt weiter
Der Nutzen der G7 wird seit ihrer Gründung vor 51 Jahren immer wieder infrage gestellt – besonders in Trumps politischen Jahren. Er war der erste US-Präsident, der eine gemeinsame Gipfelerklärung im Nachhinein scheitern ließ. Im vergangenen Jahr reiste er sogar vorzeitig ab.
Diesmal blieb Trump bis zum Schluss. Das wurde bereits als Signal gewertet. Spekuliert wurde zwar auch darüber, ob ein gemeinsames Abendessen mit Macron in Versailles eine Rolle spielte. Vor allem aber zeigte der Verlauf des Treffens, dass die G7 als politisches Format weiter Wirkung entfalten kann.
Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einer „wirklich großen transatlantischen und europäischen Einigkeit“. Gastgeber Macron bezeichnete das Treffen als einen „Moment des strategischen Erwachens“.
2. Die Hoffnung auf Frieden im Iran schweißt zusammen
Ein zentraler Grund für die bessere Stimmung ist die Rahmenvereinbarung zur Beendigung des Iran-Kriegs, mit der Trump an den Genfersee gereist war. Das Papier ist bislang nicht vollständig öffentlich, und Kritik an möglichen Zugeständnissen an Teheran gibt es bereits.
Trotzdem überwiegt bei vielen die Erleichterung über das absehbare Ende der Kämpfe. Besonders wichtig ist die erwartete Öffnung der Straße von Hormus, der wichtigsten Öl-Handelsroute der Welt. Damit verbinden viele die Hoffnung auf ein Abklingen der Energiepreiskrise.
Allerdings bleibt einiges zu tun: Dazu gehören Verhandlungen über ein neues Atomabkommen, die Räumung von Minen sowie die Sicherung der Handelsschifffahrt in der Meerenge. Gerade dabei sollen nun die Europäer eine wichtige Rolle übernehmen und in den kommenden Tagen und Wochen eine Militärmission vorbereiten.
3. Europas Regierungen sehen wieder Chancen in der Ukraine
Die europäischen Teilnehmer hoffen nun auch im Ukraine-Krieg auf neuen Schwung. Erstmals seit längerer Zeit sehen sie sich wieder näher an Trumps Linie. Während des Iran-Kriegs hatte er den Fokus auf die Ukraine zeitweise verloren.
Beim G7-Gipfel einigten sich die Staats- und Regierungschefs nun gemeinsam – inklusive Trump – auf eine Erklärung. Darin kündigen sie schärfere Sanktionen gegen Russland an, ausdrücklich auch im Öl- und Gassektor. Zudem sollen Lieferungen weitreichender Waffen und zusätzliche Luftverteidigungskapazitäten ausgeweitet werden.
Trump selbst forderte Moskau auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Russland solle sich auf einen Deal einlassen, sagte er. Ob Europäer bei möglichen neuen Gesprächen tatsächlich mit am Tisch sitzen würden, blieb jedoch offen. Für die Ukraine und Präsident Wolodymyr Selenskyj ist das Gipfelergebnis dennoch ein positives Signal.
4. Der Nato-Gipfel dürfte etwas leichter werden
Nach Évian richtet sich der Blick bereits auf den Nato-Gipfel am 7. und 8. Juli in Ankara. Der Verlauf des G7-Treffens könnte dort helfen, Spannungen zu verringern.
Trump hatte in den vergangenen Monaten mehrfach seine Enttäuschung über die Reaktion europäischer Verbündeter auf die Operationen im Iran geäußert und mit Konsequenzen gedroht. US-Außenminister Marco Rubio machte bei einem Vorbereitungstreffen in Schweden deutlich, dass Trump überzeugt werden müsse, dass die Nato für die USA weiterhin einen klaren Mehrwert hat.
Eine von Europäern geführte Militärmission in der Straße von Hormus könnte genau dazu beitragen. In der Nato gibt es die Hoffnung, dass ein solcher Beitrag das Konfliktpotenzial beim kommenden Gipfel senkt. Auch Merz zeigte sich optimistisch und sagte zum Abschluss, es seien nun viele Voraussetzungen geschaffen worden, um das Nato-Treffen zum Erfolg zu machen.
5. Merz’ Trikot-Offensive zündet nicht
Zwischen Merz und Trump hatte es zu Beginn der Kanzlerschaft des CDU-Politikers noch vergleichsweise gute Kontakte gegeben. Dann belastete Merz’ Kritik am Iran-Krieg das Verhältnis. Trump reagierte verärgert und kündigte den Abzug von 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an. Seither gilt das Verhältnis als beschädigt.
In Évian versuchte Merz, die Stimmung mit einem symbolischen Geburtstagsgeschenk für Trump zu verbessern: einem Deutschlandtrikot mit der Nummer 47 – als Hinweis auf den 47. US-Präsidenten. Der erhoffte Effekt blieb jedoch aus. Trump nahm das Geschenk höflich entgegen, wirkte aber wenig begeistert und legte es rasch zur Seite.
Ein bilaterales klärendes Gespräch zwischen beiden kam ebenfalls nicht zustande. Merz gab sich dennoch gelassen und sagte, es gebe „überhaupt keine Einschränkungen auch des persönlichen Miteinanders“. Nach enger politischer Vertrautheit klang das allerdings nicht.
6. Mit Trump kann morgen schon wieder alles anders sein
Trotz der derzeit besseren Atmosphäre bleibt die Unsicherheit groß. Merz hatte sein Geschenk auf X mit den Worten begründet: „Schließlich spielen wir im selben Team.“ Ob Trump das ähnlich sieht, ist fraglich. Zu Beginn einer Arbeitssitzung begrüßte er die anderen Staats- und Regierungschefs mit dem Satz: „Ich bin der Boss.“
Unabhängig davon, wie solche Sprüche gemeint sind: Europas Regierungen wissen aus Erfahrung, wie schnell sich die Lage mit Trump wieder drehen kann. Der Gipfel in Évian mag daher als Erfolg gelten. Ob die neue Harmonie über den Moment hinaus trägt, werden erst die nächsten Tage und Wochen zeigen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber