Politik

5 Lehren aus dem G7-Chaos

Erst tiefer Riss wegen Iran, jetzt plötzlich Einigkeit: Warum die neue Hoffnung auf Frieden sogar im nächsten Konflikt alles ändern könnte.

17.06.2026, 02:55 Uhr

Emmanuel Macron setzte zur Ankunft von US-Präsident Donald Trump beim G7-Gipfel in Évian ein demonstratives Zeichen: Auf Instagram unterlegte der französische Präsident die Szene mit Tom Pettys Song „Love Is a Long Road“ – eine kaum überhörbare Anspielung auf das schwierige Verhältnis zwischen Trump und Europas Verbündeten.

Nach drei Tagen am Genfersee wirkte das transatlantische Verhältnis jedoch deutlich entspannter. Unter dem Eindruck des nahenden Endes des Iran-Kriegs rückten die G7-Staaten wieder zusammen und einigten sich in diesem Jahr sogar auf mehrere gemeinsame Erklärungen. Das galt vielen als wichtiges Signal – auch wenn offen bleibt, wie dauerhaft die neue Harmonie wirklich ist.

1. Die G7 erfüllt weiter einen Zweck

Seit ihrer Gründung vor 51 Jahren wird immer wieder bezweifelt, wie sinnvoll das Format der G7 noch ist. Gerade in Trumps Amtszeiten stand das Bündnis häufig unter Druck. Er war der erste US-Präsident, der eine gemeinsame Abschlusserklärung im Nachhinein platzen ließ, und im vergangenen Jahr reiste er sogar vorzeitig ab.

Diesmal blieb Trump bis zum Schluss. Das allein wurde bereits als Signal gewertet – auch wenn spekuliert wurde, dass dabei ein gemeinsames Abendessen mit Macron in Versailles eine Rolle gespielt haben könnte. Vor allem aber trug der Gipfel dazu bei, die zuletzt stark belasteten transatlantischen Beziehungen zumindest vorerst zu stabilisieren. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einer „wirklich großen transatlantischen und europäischen Einigkeit“. Gastgeber Macron nannte das Treffen einen „Moment des strategischen Erwachens“.

2. Die Hoffnung auf Frieden im Iran stärkt den Zusammenhalt

Ein zentraler Grund für die bessere Stimmung ist die Rahmenvereinbarung zur Beendigung des Iran-Kriegs, mit der Trump an den Genfersee gereist war. Das Abkommen ist bisher nicht vollständig öffentlich, und Kritik daran gibt es bereits – vor allem wegen möglicher Zugeständnisse an Teheran.

Trotzdem überwiegt bei vielen die Erleichterung über das Ende der Kämpfe. Besonders wichtig ist dabei die erwartete Öffnung der Straße von Hormus, der weltweit wichtigsten Handelsroute für Öl. Viele verbinden damit die Hoffnung, dass die Energiepreiskrise abklingt und sich die Lage auf den Märkten entspannt.

Allerdings bleibt viel zu tun: Dazu zählen die Aushandlung eines neuen Atomabkommens, die Räumung von Minen sowie der Schutz der Handelsschifffahrt in der Meerenge. Genau dort sollen nun die Europäer eine wichtige Rolle übernehmen. Sie wollen in den nächsten Tagen und Wochen eine Militärmission auf die Beine stellen.

3. Europas Regierungen sehen neue Chancen für Fortschritte in der Ukraine

Die europäischen Teilnehmer hoffen nun auch im Ukraine-Krieg auf Bewegung. Erstmals seit längerer Zeit sehen sie sich dabei wieder näher an Trumps Linie, nachdem dieser während des Iran-Kriegs den Fokus auf die Ukraine zeitweise verloren zu haben schien.

Beim G7-Treffen einigten sich die Staats- und Regierungschefs nun gemeinsam – auch mit Trump – auf eine Erklärung. Darin kündigen sie schärfere Sanktionen gegen Russland an, ausdrücklich auch im Öl- und Gassektor. Zudem sollen Lieferungen weitreichender Waffen und zusätzliche Luftverteidigungskapazitäten ausgeweitet werden.

Trump forderte Moskau zugleich auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Russland solle sich auf ein Abkommen einlassen, sagte er. Ob Europäer bei möglichen neuen Gesprächen direkt mit am Tisch sitzen würden, blieb allerdings offen.

4. Der G7-Gipfel könnte den Nato-Gipfel entlasten

Nach dem Treffen richtet sich der Blick bereits auf den Nato-Gipfel am 7. und 8. Juli in Ankara. Der Verlauf des G7-Gipfels könnte dort für weniger Spannungen sorgen.

Trump hatte in den vergangenen Monaten mehrfach seinen Ärger über die Haltung europäischer Verbündeter zu den Operationen im Iran geäußert und mit Konsequenzen gedroht. US-Außenminister Marco Rubio machte bei einem Vorbereitungstreffen in Schweden deutlich, dass Trump überzeugt werden müsse, dass die Nato für die USA weiterhin einen klaren Mehrwert hat.

Eine von Europäern geführte Militärmission in der Straße von Hormus könnte dabei helfen. Innerhalb der Nato gibt es die Hoffnung, dass ein solcher Beitrag das Konfliktpotenzial beim kommenden Gipfel deutlich senkt. Auch Merz zeigte sich optimistisch und sagte, damit seien wichtige Voraussetzungen geschaffen worden, um das Nato-Treffen zu einem Erfolg zu machen.

5. Merz‘ Geschenk an Trump verpufft weitgehend

Zwischen Merz und Trump hatte es zu Beginn der Kanzlerschaft des CDU-Politikers noch vergleichsweise gute Kontakte gegeben. Dann belastete Merz‘ Kritik am Iran-Krieg das Verhältnis. Trump reagierte verärgert und kündigte den Abzug von 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an. Seither gilt das Verhältnis als angekratzt.

In Évian versuchte Merz, die Stimmung mit einem symbolischen Geschenk zum 80. Geburtstag Trumps zu verbessern: einem Deutschlandtrikot mit der Nummer 47 – als Hinweis auf den 47. US-Präsidenten. Die Geste sorgte jedoch offenbar nicht für den erhofften Effekt. Trump nahm das Präsent höflich entgegen, wirkte aber wenig begeistert und legte es schnell zur Seite.

Ein bilaterales klärendes Gespräch zwischen beiden kam ebenfalls nicht zustande. Merz gab sich dennoch gelassen und betonte, es gebe „überhaupt keine Einschränkungen auch des persönlichen Miteinanders“. Nach enger politischer Vertrautheit klang das allerdings nicht.

6. Trotz guter Signale bleibt mit Trump alles offen

Trotz des bislang positiven Verlaufs bleibt die Unsicherheit groß. Merz begründete sein Geschenk an Trump auf X mit den Worten: „Schließlich spielen wir im selben Team.“ Ob Trump das ähnlich sieht, ist jedoch fraglich. Zu Beginn einer Arbeitssitzung begrüßte er die anderen Staats- und Regierungschefs mit den Worten: „Ich bin der Boss.“

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell sich die Lage mit Trump wieder ändern kann. Deshalb dürften sich die Europäer trotz der derzeitigen Einigkeit keinen Illusionen hingeben. Der Gipfel mag als Erfolg gewertet werden – doch ob die neue Harmonie trägt, wird sich erst in den kommenden Tagen und Wochen zeigen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen