Ein einzelner Satz kann eine politische Laufbahn beenden oder ein Land verändern. Oft ist demjenigen, der ihn ausspricht, die Tragweite in diesem Moment gar nicht bewusst.
Als der damals selbst in Berlin noch vergleichsweise wenig bekannte SPD-Politiker Klaus Wowereit am 10. Juni 2001 auf einem Parteitag ans Mikrofon tritt, ahnt er nicht, dass ihn der letzte Satz seiner Rede international bekannt machen wird. Ein Vierteljahrhundert später wirkt dieser Moment politisch und gesellschaftlich noch immer nach.
In seiner Bewerbungsrede um die Kandidatur für das Amt des Regierenden Bürgermeisters leitete Wowereit sein Coming-out mit den Worten ein, man solle Missverständnisse vermeiden. Dann sagte er den Satz, der in Deutschland Geschichte schrieb: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“
Eine Aussage, die nicht geplant war
Wowereit berichtet rückblickend, dass seine sexuelle Orientierung in Teilen der SPD, unter Journalisten und auch in der queeren Szene längst kein Geheimnis mehr gewesen sei. Seine Berater hätten ihm jedoch geraten, das Thema auf dem Parteitag nicht anzusprechen. Die Zeit sei damals eine andere gewesen, geprägt von der Haltung: Wenn schon, dann bitte nicht öffentlich.
Den Ausschlag gab für ihn offenbar die Sorge, dass gezielt nach belastenden Geschichten gesucht werde. Für ihn stand aber fest, dass er sich dafür nicht rechtfertigen müsse. Homosexualität sei nichts Negatives. Der berühmte Nachsatz sei spontan gefallen, nicht vorbereitet und auch nicht Teil des Manuskripts gewesen.

Erst im Nachhinein wurde deutlich, welche Wirkung dieser Moment entfalten würde. Das öffentliche Bekenntnis eines Spitzenpolitikers verschob die Grenzen dessen, was in Deutschland offen gesagt werden konnte. Plötzlich stand ein Regierender Bürgermeister im Mittelpunkt, der nicht trotz, sondern auch wegen seiner Offenheit als glaubwürdig wahrgenommen wurde.
Signalwirkung für viele Menschen
Für zahlreiche homosexuelle Menschen und deren Angehörige war Wowereits Satz ein starkes Zeichen. Er selbst erinnert sich an viele Briefe, die ihn danach erreichten. Der Berliner Queer-Beauftragte Alfonso Pantisano beschreibt diesen Augenblick als einen Moment der Selbstermächtigung. Für ihn habe Wowereit gezeigt, dass aus Verletzlichkeit Haltung, aus Sichtbarkeit politische Stärke und aus einem schwulen Leben öffentliche Verantwortung entstehen könne.
Es war das erste Mal in Deutschland, dass ein führender Politiker seine Homosexualität so offen, offensiv und ohne jede Entschuldigung benannte. Heute gilt dieser Satz als ein Wendepunkt in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Homosexualität.
Auch der LSVD bewertet Wowereits Coming-out als historischen Einschnitt. Zwar sei Homosexualität damals rechtlich nicht mehr verboten gewesen, gesellschaftlich aber weiterhin stark tabuisiert.
Der Weg für andere wurde leichter
Homosexuelle Politiker gab es zwar schon vor 2001, doch in der Spitzenpolitik wurde darüber meist geschwiegen. Erst in den Jahren danach traten auch Politiker aus konservativeren Parteien offener auf, darunter FDP-Chef Guido Westerwelle und Hamburgs damaliger CDU-Bürgermeister Ole von Beust.
In anderen Bereichen blieb die Hemmschwelle dagegen lange höher. In Wirtschaft und Spitzensport ist Offenheit bis heute seltener. Der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger machte seine Homosexualität 2014 öffentlich, der ehemalige Rennfahrer Ralf Schumacher 2024 – beide erst nach dem Ende ihrer aktiven Karrieren.
Vieles wirkt inzwischen selbstverständlich: Seit 2017 gibt es in Deutschland die Ehe für alle, offen queere Politikerinnen und Politiker gehören längst zum öffentlichen Leben, und Unternehmen präsentieren sich gern vielfältig und tolerant. Was vor 25 Jahren als mutig galt, erscheint heute vielen als normal.
Fortschritt – aber keine Entwarnung
Doch dieser Eindruck greift zu kurz. Trotz vieler rechtlicher Fortschritte bleibt die gesellschaftliche Akzeptanz verletzlich. Christopher-Street-Day-Paraden ziehen zwar zehntausende Menschen an, zugleich belegen Studien und Polizeidaten seit Jahren, dass Angriffe auf homosexuelle Menschen nicht verschwinden. In manchen Gegenden nehmen sie sogar zu.
Betroffene erleben Beleidigungen, Drohungen und körperliche Gewalt, oft im öffentlichen Raum. Auch im Internet hat sich der Ton weiter verschärft.
Die Berliner Beratungsstelle Maneo registrierte im vergangenen Jahr 723 Fälle und Hinweise auf Anfeindungen gegen schwule Männer, lesbische Frauen und andere sexuelle Minderheiten. 165 Vorfälle ereigneten sich auf Straßen sowie in Bussen, Bahnen und an Haltestellen. Weitere Fälle betrafen das Internet, Wohnungen, Arbeitsplätze oder Schulen.
Queere Menschen im Visier politischer Kampagnen
Die Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, verweist darauf, dass Homo- und Bisexualität heute deutlich breiter akzeptiert seien als früher. Gleichzeitig seien insbesondere nicht-binäre und trans Menschen weiterhin massiver Ablehnung ausgesetzt. Minderheiten würden zunehmend zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen und auch gezielter extremistischer Kampagnen.
Wowereit warnt ebenfalls davor, dass Unsicherheiten in Teilen der Bevölkerung von bestimmten politischen Kräften bewusst genutzt würden. Homophobe Beschimpfungen auf Schulhöfen und Sportplätzen seien weiterhin Alltag. Wenn ein solches Klima in Umkleiden und Vereinen herrsche, präge das Jugendliche – und zeige, dass gesellschaftlich noch viel im Argen liege.
Zudem spielten kulturelle und religiöse Prägungen in manchen Milieus eine Rolle, in denen Intoleranz noch fest verankert sei. Wer offen gegen Homosexualität predige, dürfe sich nicht wundern, wenn junge Menschen diese Haltung übernähmen, sagt Wowereit.
Ein Satz mit bleibender Bedeutung
Auch 25 Jahre später steht Wowereits berühmte Aussage für einen Moment, in dem Schwulsein in Deutschland sichtbar und politisch wurde. Für ihn ist aber ebenso klar: Der Einsatz gegen Homophobie bleibt dringend nötig. Nicht nur Politik und Institutionen, sondern die gesamte Gesellschaft seien gefragt, ein Umfeld zu schaffen, in dem Ausgrenzung und Diskriminierung keinen Platz haben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion