Schleswig-Holstein

Mega-Deal: Kanada kauft 12 U-Boote bei deutscher Werft

Mega-Deal für Deutschland: Kanada bestellt bis zu 12 U-Boote in Kiel – warum dieser Milliardenauftrag jetzt überrascht

06.07.2026, 22:18 Uhr

Kanada will seine alternde U-Boot-Flotte mit Hilfe Deutschlands und Norwegens erneuern und dafür auf den Kieler Marineschiffbauer TKMS setzen. Geplant ist die Lieferung von bis zu zwölf Booten für Nordamerika. Premierminister Mark Carney sprach in Halifax vor seiner Abreise zum Nato-Gipfel von einem Milliardenprojekt und vom größten Beschaffungsvorhaben in der kanadischen Geschichte.

Bundeskanzler Friedrich Merz begrüßte die Entscheidung als strategisches Vorhaben, das Kanada, Deutschland und Norwegen für Jahrzehnte verbinden könne. Auch aus Berlin wurde die Auswahl von TKMS als Signal enger transatlantischer Zusammenarbeit gewertet.

Vertrag noch nicht unterschrieben

Trotz der Entscheidung zugunsten von TKMS ist der Auftrag noch nicht rechtskräftig. Nach Angaben Carneys werden nun Vertragsverhandlungen erwartet, die sechs bis 18 Monate dauern könnten. TKMS-Chef Oliver Burkhard hofft nach Unternehmensangaben auf einen Abschluss noch bis Ende dieses Jahres.

Größter U-Boot-Auftrag in der Geschichte von TKMS

Für TKMS wäre der Deal der größte U-Boot-Auftrag der Unternehmensgeschichte. Im Auswahlverfahren setzte sich die Werft gegen den südkoreanischen Konkurrenten Hanwha Ocean durch. Das Unternehmen hatte in den vergangenen Monaten seine Werbung um den Auftrag verstärkt und mehrere Kooperationen mit kanadischen Firmen angekündigt.

Hanwha wertete die Entscheidung in einer ersten Reaktion auch als strategische Wahl zugunsten eines Nato-Partners. Man habe die Hürde des Bündnisses letztlich nicht überwinden können, hieß es.

Carney: Arktis und Seewege gewinnen an Bedeutung

Carney begründete die Beschaffung mit dem Ziel größerer strategischer Eigenständigkeit. Mittelgroße Staaten wie Kanada suchten über Partnerschaften mit gleichgesinnten Ländern mehr Autonomie. Zugleich verwies er auf die sicherheitspolitische Bedeutung der Arktis und der Seewege für Nordamerika und die Nato-Westflanke.

Projekt startet nicht bei null

Kanada steigt nicht in ein neues, sondern in ein bereits laufendes europäisches Rüstungsprojekt ein. Deutschland und Norwegen haben bereits je sechs U-Boote der neuen Klasse 212CD bestellt. In Kiel läuft der Bau von drei Booten schon seit längerem. Mit einem vierten will TKMS noch in diesem Jahr beginnen, möglicherweise bereits in Wismar. Das erste Boot der Klasse soll 2033 ausgeliefert werden.

Wo die Boote gebaut werden sollen

Die U-Boote für Kanada sollen vollständig in Deutschland gebaut werden. Vorgesehen sind der Stammsitz in Kiel und später auch die Werft in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern. Nach TKMS-Angaben erfolgen der Zusammenbau der einzelnen Sektionen, Tests und Auslieferung in Deutschland. Allerdings soll amagnetischer Stahl für den Bau in Kanada produziert werden.

Am Standort Kiel hatte TKMS vor wenigen Jahren für fast 200 Millionen Euro eine neue U-Boot-Halle errichtet. In Wismar ist inzwischen eine sogenannte Druckkörpertaktstraße aufgebaut, ein zentraler Engpass im U-Boot-Bau. Die Nutzung könnte dort im September anlaufen.

Wer das erste Boot bekommt, ist noch offen

Offen ist noch, welches Land zuerst ein U-Boot erhält. Ursprünglich war vorgesehen, dass Norwegen das erste Boot bekommt. Deutschland und Norwegen haben sich nach Unternehmensangaben aber bereit erklärt, Kanada bereits bei ihrem Los zu berücksichtigen. Carney sagte, TKMS habe angeboten, Boote aus den laufenden deutschen und norwegischen Aufträgen umzuwidmen. So könnten die ersten vier U-Boote schon bis 2034 an Kanada geliefert werden.

TKMS erwartet dabei offenbar nur begrenzte Sonderwünsche aus Ottawa. Burkhard sagte sinngemäß, Kanada kaufe weitgehend ein bestehendes Design von der Stange.

U-Boote des Typs 212CD

Geliefert werden sollen U-Boote des Typs 212CD. Die Klasse wurde von Deutschland und Norwegen gemeinsam entwickelt, das Kürzel steht für Common Design. Die einheitliche Bauweise soll Kosten verringern und die Zusammenarbeit der Partner erleichtern.

Mit der kanadischen Bestellung würde die Zahl der Aufträge für die neue Klasse auf insgesamt 24 steigen. Für Deutschland und Norwegen baut TKMS bereits jeweils sechs Boote.

Die 212CD-Boote verfügen wie die Vorgängerklasse 212A über einen Brennstoffzellen-Antrieb, fallen mit rund 72 Metern Länge aber deutlich größer aus. Die derzeit in Deutschland genutzte 212A-Klasse ist etwa 56 Meter lang. Laut Unternehmen sind die neuen Boote speziell für Einsätze in der Arktis und auch unter Eis ausgelegt. Hinzu kommen verbesserte Sensoren zur Erkennung möglicher Gegner unter und auf dem Wasser. Geplant ist eine Besatzung von jeweils rund 30 Menschen.

Kanada hat derzeit nur ein einsatzbereites U-Boot

Kanada verfügt aktuell über vier U-Boote, die nach Regierungsangaben noch bis Mitte der 2030er Jahre genutzt werden sollen. Derzeit ist jedoch nur eines davon einsatzbereit. Der Druck zur Modernisierung der Flotte ist daher hoch.

Partnerschaft auf Jahrzehnte angelegt

Die Kooperation ist nach Angaben von Politik und Unternehmen langfristig ausgelegt. U-Boote seien typischerweise jahrzehntelang im Einsatz, sagte Burkhard. Zum Gesamtpaket soll deshalb nicht nur der Bau gehören, sondern auch ein langjähriger Service. Sowohl an Kanadas West- als auch an der Ostküste sollen dafür sogenannte Hubs entstehen, in denen Experten die Boote künftig warten.

Durch die Einbindung Wismars will TKMS seine Kapazitäten deutlich ausweiten. Perspektivisch sollen dort bis zu 1.500 Arbeitsplätze entstehen. Nach Abschluss des Ausbaus rechnet die Werft damit, in Kiel und Wismar jeweils etwa 1,5 Boote pro Jahr bauen zu können.

Milliardenprojekt ohne offizielle Auftragssumme

Weder Kanada noch TKMS nannten zunächst ein offizielles Auftragsvolumen. Nach Informationen der dpa dürfte allein der Bau der U-Boote samt Service bei rund 20 Milliarden Euro liegen. Carney bezeichnete das Vorhaben als das größte Beschaffungsprojekt in der Geschichte seines Landes.

Burkhard erklärte zudem, dass das Projekt über seine gesamte Laufzeit in Kanada eine wirtschaftliche Gesamtaktivität von 167 Milliarden kanadischen Dollar auslösen solle. Das entspricht umgerechnet mehr als 100 Milliarden Euro. Nach Unternehmensangaben gibt es im Zusammenhang mit dem Projekt rund 40 Absichtserklärungen mit kanadischen Firmen.

Entscheidung auch geopolitisch bedeutsam

Für Kanada ist die Beschaffung auch außenpolitisch relevant. Das Land bezieht bislang rund 80 Prozent seiner Militärgüter aus den USA. Das Verhältnis zu Washington gilt seit Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump als belastet. Neben Zöllen sorgen auch dessen wiederholte Äußerungen für Spannungen, Kanada könne der 51. Bundesstaat der USA werden.

Deutschland hatte lange für den Auftrag geworben

Die Bundesregierung hatte sich mit Blick auf die Abschreckung Russlands sowie die Sicherheitslage im Atlantik und in der Arktis wiederholt für das Projekt starkgemacht. Verteidigungsminister Boris Pistorius war dafür mehrfach nach Kanada gereist, zuletzt im Mai.

Pistorius nannte die künftige Flotte der drei Länder einen wesentlichen Pfeiler der Nato-Strategie für den hohen Norden und sprach von einem Meilenstein. Außenminister Johann Wadephul wertete die Entscheidung ebenfalls als starkes Signal des Zusammenhalts im transatlantischen Bündnis.

Positive Erwartungen für Jobs und Industrie

Der Auftrag trifft auf ein Unternehmen mit bereits gut gefüllten Auftragsbüchern. In der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2025/26 lag der Auftragsbestand von TKMS bei 20,6 Milliarden Euro – ein Rekordwert. Schon damit war die Werft bis in die 2040er Jahre ausgelastet.

Branchenvertreter erwarten durch den kanadischen Einstieg zusätzliche Impulse für Werften, Zulieferer und Dienstleister. Der Verband für Schiffbau und Meerestechnik sprach von zukunftssicheren Hightech-Arbeitsplätzen. Auch die IG Metall zeigte sich optimistisch und erwartet zusätzliche Beschäftigung über die bisherigen Planungen hinaus. Entscheidend sei nun, dass möglichst viel Wertschöpfung an den norddeutschen Standorten bleibe.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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