Wirtschaft

Krankenkassen alarmiert: Diese Ausfälle kosten Milliarden

Krankschreibung ab Tag 1? Kassen-Daten entlarven den Plan als Irrweg – und selbst in der CDU regt sich heftiger Widerstand.

07.07.2026, 13:18 Uhr

Analyse: Lange Erkrankungen treiben Kosten der Krankenkassen

Nicht kurze Infekte, sondern langwierige und schwere Erkrankungen belasten die gesetzlichen Krankenkassen besonders stark. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung des BKK Dachverbandes. Nach Angaben von Vorständin Anne-Kathrin Klemm sind vor allem längere Ausfallzeiten aufgrund psychischer Leiden sowie Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems die entscheidenden Kostentreiber.

Die schwarz-rote Koalition hatte kürzlich angekündigt, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag verpflichtend machen zu wollen. Zudem soll die telefonische Krankschreibung wegfallen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begründete die Vorhaben mit dem Ziel, den Krankenstand zu senken. Aus der CDU selbst kommt jedoch Kritik: Der Arbeitnehmerflügel der Partei befürchtet unerwünschte Folgen.

Nach Zahlen des BKK gehört das Krankengeld inzwischen mit 21,6 Milliarden Euro zu den größten Ausgabenposten der gesetzlichen Krankenversicherung. Es wird ab dem 43. Krankheitstag gezahlt und betrifft damit vor allem Menschen mit länger andauernden Erkrankungen. Im Jahr 2025 entfiel demnach mehr als ein Viertel aller Fehltage auf Krankengeldbezug. Innerhalb von zehn Jahren nahm die Zahl dieser Tage um 24,4 Prozent zu.

Prävention soll stärker in den Fokus rücken

Als wichtigste Ursachen nennt der Verband psychische Erkrankungen und Beschwerden des Bewegungsapparats. Psychische Leiden machten zwar nur 5,4 Prozent aller Krankschreibungen aus, dauerten im Durchschnitt aber länger als fünf Wochen – Tendenz steigend. Klemm fordert deshalb eine ernsthafte Diskussion über wirksame Präventionsstrategien. Die psychischen Belastungen in der Arbeitswelt seien seit langem bekannt, und ohne Gegenmaßnahmen würden die Folgen noch viele Jahre zu spüren sein.

CDA-Bundesvorsitzender Dennis Radtke
Der CDU-Arbeitnehmerflügel regt an, die Pläne zu überdenken. Quelle: Florian Wiegand/dpa

Der allgemeine Krankenstand blieb 2025 mit 6,1 Prozent laut BKK unverändert. Am häufigsten führten Atemwegserkrankungen zu Fehlzeiten. Wegen ihrer meist kurzen Dauer schlagen sie finanziell jedoch weit weniger stark zu Buche.

CDA warnt vor falschem Signal

Dennis Radtke, Vorsitzender des CDU-Arbeitnehmerflügels und Chef der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, warnte im ZDF-"Morgenmagazin" davor, kranken Beschäftigten pauschal zu misstrauen. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, Menschen seien schlicht zu bequem zum Arbeiten. Einzelne Fälle von Missbrauch habe es zwar immer gegeben, das eigentliche Problem liege aber bei Langzeiterkrankungen.

Radtke sprach sich dafür aus, die geplanten Verschärfungen noch einmal zu überdenken. In Rückmeldungen werde immer wieder die Sorge geäußert, dass Beschäftigte bei stärkerem Druck statt eines einzelnen Fehltages womöglich gleich mehrere Tage ausfallen könnten.

Der Koalitionsausschuss von Union und SPD hatte vereinbart, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und die Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung grundsätzlich schon ab dem ersten Krankheitstag gesetzlich festzuschreiben. Bislang ist sie regulär erst am vierten Tag erforderlich. In Unternehmen sollen allerdings weiterhin abweichende Vereinbarungen möglich sein. Schon jetzt können Arbeitgeber eine Bescheinigung auch früher verlangen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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