In Deutschland sind im vergangenen Jahr 2.150 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben. Das teilte der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, in Berlin mit. Im Vorjahr hatte die Zahl bei 2.137 gelegen. Streeck sprach von einem Rekordniveau.
Besonders alarmierend sei, dass die Betroffenen immer jünger würden. Nach seinen Angaben war fast jede vierte drogenbedingte Todesperson jünger als 30 Jahre. Seit 2021 ist die Zahl der Drogentoten in dieser Altersgruppe um mehr als die Hälfte gestiegen, bei den unter 20-Jährigen hat sie sich nahezu verdoppelt.
Nach Zahlen des Bundeskriminalamts waren 1.777 der Verstorbenen männlich und 373 weiblich. Das Durchschnittsalter lag bei 40,6 Jahren. Im Detail waren 106 Tote jünger als 20 Jahre, 209 zwischen 20 und 24, 213 zwischen 25 und 29, 455 zwischen 30 und 39, 589 zwischen 40 und 49, 387 zwischen 50 und 59 sowie 191 mindestens 60 Jahre alt. Damit starben 422 Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren.
Als wesentliche Ursache für viele Todesfälle nannte Streeck vor allem den Mischkonsum von Medikamenten, Alkohol und weiteren Substanzen. Gerade diese Kombinationen seien oft lebensgefährlich. Viele junge Konsumierende könnten die Risiken noch nicht oder nicht vollständig einschätzen.
Streeck verwies zudem darauf, dass junge Drogentote besonders häufig Medikamente konsumiert hätten. Oft seien dabei Benzodiazepine, opioidhaltige Schmerzmittel und andere psychoaktive Arzneimittel beteiligt gewesen. Der in sehr vielen Fällen zugrunde liegende Konsum mehrerer Stoffe sei hochgefährlich.
Als mögliche Gründe für Drogenkonsum bei jungen Menschen nannte der Mediziner psychische Belastungen, Krisenerfahrungen, aber auch Neugier und Übermut. Sucht und Abhängigkeit entstünden nur selten aus einer einzigen Ursache und fast nie ausschließlich durch die Substanz selbst. Streeck verwies außerdem auf fehlende Bindung, mangelnde Sicherheit oder Perspektive, auf wachsende Einsamkeit sowie auf die hohe Verfügbarkeit von Drogen. Häufig kämen Hilfen und Interventionen zu spät.
Zugleich warnte er davor, Drogenkonsum zu verharmlosen. Die Folgen seien in den aktuellen Zahlen deutlich sichtbar. Für Streeck stellt sich deshalb die Frage, warum die Gesellschaft aus den hohen Opferzahlen nicht entschlossener lernt. Die Drogenproblematik werde oft vor allem als Problem des Stadtbilds oder von Bahnhöfen beschrieben. Das eigentliche Kernproblem sei jedoch, dass Hilfe vielerorts schwer erreichbar, zu langsam und chronisch unterfinanziert sei.
Die meisten Todesfälle standen laut Statistik mit Opiaten und Opioiden in Verbindung. Hier wurden 1.316 Fälle registriert. Danach folgten Vergiftungen im Zusammenhang mit Kokain/Crack (769), Heroin/Morphin (708), psychoaktiven Medikamenten (696), Opiat-Substituten wie Methadon (611) und Amphetaminen (602).
Als besonders auffällig bezeichnete Streeck die Ausbreitung synthetischer Opioide. So gab es 118 Todesfälle mit Beteiligung von Fentanyl, einem hochpotenten Schmerzmittel, das in den USA bereits eine schwere Drogenkrise mit ausgelöst hat. Zudem warnte er vor Tabletten, die wie bekannte Medikamente aussähen, tatsächlich aber mit hochpotenten synthetischen Opioiden wie Nitazenen versetzt seien. Diese Stoffe wirkten deutlich stärker als Morphin und könnten schon in kleinsten Mengen tödlich sein. Wer sie einnehme, wisse häufig gar nicht, was tatsächlich darin enthalten sei.
Streeck forderte als Konsequenz mehr Prävention, frühere Hilfen und ein Hilfesystem, das Menschen rechtzeitig erreicht. Gerade für Jugendliche brauche es ausreichend Entzugs- und Therapieplätze sowie mehr Unterstützung für Familien. Angebote müssten junge Menschen erreichen, bevor aus Risiko ein Todesfall wird. Zugleich warnte er davor, das Suchthilfesystem aus Spargründen zu schwächen: Deutschland habe zwar ein gutes Hilfenetz, dieses dürfe aber nicht kaputtgespart werden.
Bei der Vorstellung der Zahlen in einer Berliner Arztpraxis bekam Streeck Unterstützung vom Berliner Substitutionsarzt Thomas Peschel. Nach dessen Einschätzung erhält nur rund die Hälfte der Betroffenen die notwendige Hilfe. Zudem fehle es an ärztlichem Nachwuchs. Ein Grund sei, dass die Behandlung Abhängiger noch immer stigmatisiert werde.
Die Bundesregierung arbeite nach Streecks Angaben bereits ressortübergreifend an Maßnahmen gegen neue Drogenprobleme. Vorgesehen seien unter anderem ausgebaute Frühwarnsysteme für synthetische Opioide sowie mehr Präventions- und Hilfsangebote für junge Menschen.
Streeck betonte außerdem, dass die Entwicklung kein rein deutsches Problem sei. Weltweit nehme der Drogenkonsum weiter zu, besonders bei Kokain und synthetischen Drogen. Drogen, gefälschte Medikamente und hochriskante Mischungen seien heute oft nur wenige Klicks entfernt – der Dealer an der Straßenecke sei längst nicht mehr das einzige Problem.
Langfristig zeigt der Trend nach oben: 2016 waren in Deutschland noch 1.333 Drogentote registriert worden. Nach einem früheren Rückgang bis 2012 steigen die Opferzahlen seit Jahren mit wenigen Ausnahmen wieder an. Damals hatten Fachleute bereits vor neuen psychoaktiven Substanzen gewarnt; viele Todesfälle wurden dem Heroinkonsum zugeschrieben, bei zugleich älter werdenden Konsumierenden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber