Die jüngsten Entscheidungen des VW-Aufsichtsrats verschärfen nach Einschätzung des Autoexperten Werner Olle den Wettbewerb zwischen den gefährdeten Werken. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte er, nun habe der Konkurrenzkampf um den Erhalt der Standorte begonnen. Nicht nur der Konzernvorstand müsse tragfähige Lösungen entwickeln, auch Gewerkschaft und Betriebsrat stünden in der Pflicht. Für Zwickau könne eine eigene Zukunftsvereinbarung helfen, die Arbeitskosten zu senken und damit den Standort zu sichern. Einen ähnlichen Ansatz habe es bereits in den 1990er Jahren mit Erfolg gegeben.
Der in Zwickau entstehende Bereich Kreislaufwirtschaft sei zwar ein neuer Baustein, biete aber nur einem kleinen Teil der bisherigen Belegschaft eine Perspektive. Zudem seien die positiven Effekte für Zulieferer deutlich geringer als in der klassischen Fahrzeugproduktion. Auch eine Nutzung für Rüstungszwecke hält Olle wegen der auf Massenfertigung ausgelegten Struktur des Werks für wenig sinnvoll. Aus seiner Sicht bleibt der Autobau die einzige realistische Option.
Neue Modelle gemeinsam mit chinesischen Partnern
Als mögliches Vorbild nennt Olle den VW-Rivalen Stellantis mit Marken wie Opel, Peugeot, Fiat und Citroën. Auch dort werde wegen Überkapazitäten Personal abgebaut. Ein möglicher Weg für Volkswagen könne darin bestehen, nicht nur chinesische Modelle in deutschen Werken fertigen zu lassen, sondern neue Fahrzeuge gemeinsam mit chinesischen Partnern zu entwickeln. Bei Stellantis ist ein solches Modell bereits geplant: In Saragossa in Spanien soll künftig ein vollelektrisches SUV produziert werden, das Opel zusammen mit Leapmotor entwickelt hat.

Für VW und Audi wäre das laut Olle ein neuer Ansatz, für den bis 2030 noch genug Zeit bleibe. Solche Kooperationen könnten Entwicklungszeiten verkürzen und die Kosten für neue Produkte senken. Aus seiner Sicht wäre das sinnvoller, als lediglich Autos chinesischer Partner in den eigenen Fabriken zu montieren. Gerade das Werk in Zwickau sei für einen solchen Schritt gut geeignet. Es habe bereits bewiesen, dass es neue Aufgaben bewältigen könne — zunächst als Vorreiter bei der E-Mobilität und nun auch beim Aufbau der Circular Economy.
VW unter Druck durch schwache Nachfrage und China-Konkurrenz
Volkswagen kämpft derzeit mit einer sinkenden Autonachfrage und dem starken Wettbewerb chinesischer Hersteller. Deshalb hat der Aufsichtsrat vor Kurzem den Abbau von weiteren 50.000 Stellen weltweit gebilligt. Das kommt zu den bereits beschlossenen Einsparungen hinzu, nach denen bis 2030 konzernweit 50.000 Jobs in Deutschland wegfallen sollen. Ende 2025 beschäftigte VW weltweit knapp 663.000 Menschen, rund 284.000 davon in Deutschland.
Ungewisse Zukunft für mehrere Werke
Besonders groß ist die Verunsicherung an den Standorten Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm, die seit Längerem als mögliche Schließungskandidaten gelten. Nach Angaben aus dem Umfeld des Aufsichtsrats wurde dort zur Kenntnis genommen, dass in Europa eine Produktionsüberkapazität von rund 500.000 Fahrzeugen besteht. Für die vier Werke sei derzeit keine wettbewerbsfähige Anschlussproduktion gesichert — je nach Standort für die Zeit ab 2031 bis 2034.
Als Alternativen wurden zuletzt eine zeitweise Nutzung für die Rüstungsproduktion oder der Bau chinesischer VW-Modelle in Deutschland diskutiert.
Olle wirft dem Konzern vor, die Fertigungskapazitäten für Elektroautos zu stark ausgeweitet zu haben, ohne die tatsächliche Marktentwicklung abzuwarten. Neben Zwickau sei auch Emden zum E-Auto-Standort umgebaut worden, zudem entstehe in Wolfsburg zusätzliche entsprechende Produktion. Weil die Nachfrage deutlich hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückbleibe, konkurrierten nun mehrere Werke um zu wenige Aufträge.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber