Sachsen

Leipzig nach mutmaßlicher Amokfahrt voller Rätsel

Zwei Tote in Leipzig: Der Fahrer sitzt fest und kommt vor den Haftrichter. Warum Ermittler ein politisches Motiv ausschließen.

05.05.2026, 04:57 Uhr

Kerzen, Blumen und stille Anteilnahme prägen weiter das Bild in der Leipziger Innenstadt. Einen Tag nach der tödlichen Fahrt durch die Fußgängerzone haben mehrere Hundert Menschen in einer ökumenischen Andacht in der Nikolaikirche der Opfer gedacht. Während die Stadt trauert, laufen die Ermittlungen mit Hochdruck weiter.

Verdächtiger vorläufig in psychiatrischem Krankenhaus

Der 33 Jahre alte deutsche Tatverdächtige ist inzwischen einem Ermittlungsrichter vorgeführt worden. Das Amtsgericht ordnete seine einstweilige Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Leipzig gibt es dringende Anhaltspunkte dafür, dass der Mann die Tat in einem Zustand zumindest erheblich verminderter Schuldfähigkeit begangen haben könnte.

Die Unterbringung sei nach Auffassung des Gerichts für die öffentliche Sicherheit erforderlich. Nach bisherigem Ermittlungsstand sei wahrscheinlich, dass der Beschuldigte aufgrund seines Zustands weitere erhebliche rechtswidrige Taten vergleichbarer Schwere begehen könnte. Festgenommen worden war der Verdächtige bereits am Montagabend direkt nach der Tat.

Ermittlungen wegen zweifachen Mordes und vierfach versuchten Mordes

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 33-Jährigen wegen zweifachen Mordes sowie versuchten Mordes in vier Fällen. Die Tat wird nach aktuellem Stand als Amokfahrt eingestuft. Nach Einschätzung der Ermittler wollte der Fahrer möglichst viele Menschen töten und schwer verletzen.

Nach bisherigen Erkenntnissen war der Mann am Montag gegen 16.45 Uhr mit einem weißen Auto in die Grimmaische Straße gefahren, eine der zentralen Einkaufsstraßen Leipzigs. In der Fußgängerzone erfasste er mehrere Menschen. Anschließend brachte er das Fahrzeug selbst zum Stehen. Polizeikräfte nahmen ihn noch im Wagen fest, Widerstand leistete er dabei nicht.

Zwei Tote, sechs Verletzte

Inzwischen haben Staatsanwaltschaft und Polizei die Zahl der Verletzten konkret benannt. Demnach wurden sechs Menschen im Alter von 21 bis 87 Jahren verletzt. Zwei von ihnen erlitten schwere Verletzungen: eine 84 Jahre alte Frau und ein 75 Jahre alter Mann.

Zugleich mussten nach dem Geschehen mehr als 80 Menschen betreut werden. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sprach von einer angespannten, aber stabilen Lage. „Gottlob ist niemand in Lebensgefahr“, sagte er.

Bei der Tat kamen eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann ums Leben. Beide waren deutsche Staatsangehörige.

Täter war wenige Tage zuvor in psychiatrischer Behandlung

Neue Angaben der Ermittler betreffen auch die Vorgeschichte des Verdächtigen. Der 33-Jährige lebt in Leipzig und befand sich wenige Tage vor der Tat noch in stationärer Behandlung in einer psychiatrischen Einrichtung. Nach Angaben des Sozialministeriums in Dresden hielt er sich dort freiwillig auf eigenen Wunsch auf und wurde Ende April entlassen.

Bereits zuvor war der Mann in diesem Jahr polizeilich aufgefallen – unter anderem wegen Bedrohung sowie ehrverletzender Delikte im sozialen Umfeld. Dabei soll es sich um Vorfälle ohne körperliche Gewalt gehandelt haben, etwa Beleidigungen oder Herabwürdigungen.

Motiv weiter unklar

Zu den Hintergründen der Tat gibt es nach wie vor keine gesicherten Erkenntnisse. Hinweise auf ein politisches oder religiöses Motiv sehen die Ermittler derzeit nicht. Bereits zuvor hatten die Behörden von einem mutmaßlichen Einzeltäter gesprochen. Ob ein psychischer Ausnahmezustand oder andere persönliche Umstände eine Rolle gespielt haben, ist Gegenstand der weiteren Untersuchungen.

Hunderte Menschen gedenken in der Nikolaikirche

In Leipzig hat die Trauer inzwischen auch einen öffentlichen und gemeinsamen Ausdruck gefunden. Bei einer ökumenischen Andacht in der Nikolaikirche gedachten mehrere Hundert Menschen der Opfer. Oberbürgermeister Burkhard Jung sagte dort: „Leipzig trauert, aber Leipzig steht zusammen.“ Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) nahm an der Andacht teil.

Jung betonte in seiner Ansprache, dass es für ein solches Geschehen kaum passende Worte gebe: „Wir suchen Worte. Wir suchen Erklärungen. Ich glaube, die richtigen Worte gibt es nicht.“

Weitere Orte des Gedenkens in der Stadt

Vor dem Uni-Gebäude Paulinum, das sich zu einem zentralen Ort des Gedenkens entwickelt hat, legen Menschen weiterhin Blumen und Kerzen nieder. Bereits am Mittag hatte dort eine Andacht für Studierende und die Öffentlichkeit stattgefunden. Nach Angaben der Universität nahmen mehr als 1.000 Menschen teil, darunter Hunderte vor den geöffneten Türen der Kirche.

Auch die Thomaskirche ist für Trauernde geöffnet. Im Neuen Rathaus liegt zudem ein Kondolenzbuch aus, in das sich Bürgerinnen und Bürger eintragen können. Jung zeigte sich dankbar für die große Anteilnahme und die Hilfe vieler Menschen unmittelbar nach der Tat.

Zusätzlich ordnete die sächsische Staatsregierung Trauerbeflaggung an allen Gebäuden von Behörden und Dienststellen des Freistaats an. Ministerpräsident Kretschmer sagte: „Unser Mitgefühl gilt den Familien und Angehörigen der Opfer.“ In Gedanken sei man bei ihnen und bei allen, die von dem Geschehen betroffen seien.

Innenstadt wieder zugänglich – Debatte über Sicherheit

Die betroffene Einkaufsstraße in der Leipziger Innenstadt ist inzwischen wieder für Passanten freigegeben worden. Die meisten Geschäfte entlang der Straße blieben jedoch vorerst geschlossen.

Nach Angaben der Stadt sollen die Sicherheitsvorkehrungen in der Innenstadt überprüft werden. Nach bisherigen Erkenntnissen konnte der Täter offenbar über den Augustusplatz in die Fußgängerzone fahren, ohne auf Hindernisse wie Poller zu treffen.

Oberbürgermeister Jung warnte jedoch erneut vor vorschnellen Schlüssen. Innenstädte dürften nicht zu Festungen werden, sagte er. Es brauche eine Balance zwischen Sicherheit und Freiheit im öffentlichen Raum. Absolute Sicherheit könne es nicht geben, dennoch müsse alles Menschenmögliche zum Schutz der Bevölkerung getan werden.

Auch bundesweit hat eine Debatte über Konsequenzen begonnen. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund betonte, dass sich solche Taten trotz Sicherheitskonzepten nie vollständig verhindern ließen. Städte dürften deshalb nicht zu abgeschotteten Räumen werden.

Auch Sachsens Ministerpräsident Kretschmer mahnte, keine falschen Erwartungen an absolute Sicherheit zu haben. „Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz“, sagte er. Polizei und Kommunen täten bereits viel. „Es hätte jede andere Stelle sein können. Das ist eben auch eine bittere Erkenntnis.“

Der Sächsische Landtag will sich ebenfalls mit dem Fall befassen. Der Innenausschuss kommt am Freitag zu einer nicht öffentlichen Sondersitzung zusammen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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