Neues Technologiezentrum für Drohnensicherheit in Sachsen-Anhalt eröffnet
Deutschland sieht sich nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden zunehmend mit hybriden Bedrohungen wie Spionage, Sabotage und Angriffen auf kritische Infrastruktur konfrontiert. Eine immer größere Rolle spielen dabei Drohnen, die leistungsfähiger werden und sich zugleich schwerer abwehren lassen. In Sachsen-Anhalt soll nun an Lösungen gearbeitet werden, die den Behörden in diesem technologischen Wettlauf Vorteile verschaffen.
Am Standort des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Cochstedt im Salzlandkreis ist dafür ein neues Technologiezentrum für Drohnensicherheit eröffnet worden. In den kommenden Jahren sollen bis zu zehn Millionen Euro in den Ausbau investiert werden. Gemeinsam mit dem DLR-Standort Braunschweig sollen dort Technologien für die sichere Nutzung von Drohnen sowie für deren Erkennung und Abwehr entwickelt und unter möglichst realistischen Bedingungen getestet werden.
Dobrindt warnt vor verschärfter Bedrohungslage
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zeichnete bei der Eröffnung ein ernstes Bild der Sicherheitslage. Deutschland sei täglich Ziel hybrider Angriffe und stehe als wirtschaftlich, politisch und sicherheitspolitisch bedeutendes Land im Zentrum Europas besonders im Fokus. „Wer auf Deutschland zielt, trifft ganz Europa“, sagte der Minister.
Zu den Gefahren zählte Dobrindt Spionage, Sabotage, Destabilisierung, Einflussnahme und Manipulation. Er sprach von einem „Schattenkrieg des 21. Jahrhunderts“ und betonte, die Bedrohungslage habe sich weiter verschärft. In den vergangenen Monaten hätten sowohl Hinweise befreundeter Nachrichtendienste als auch konkrete Operationen und Einsätze zugenommen.
Wie real die Gefahr durch Drohnen ist, zeigte nach seinen Worten zuletzt der Fall am Flughafen Leipzig/Halle. Dort war vor zwei Wochen eine umgebaute und mit Sprengstoff bestückte Drohne zwischen ukrainischen Frachtflugzeugen entdeckt worden. Die Bundesanwaltschaft wertete den Vorfall als schwerwiegenden Angriff auf die deutsche Transport- und Logistikinfrastruktur. Dobrindt sagte dazu, Leipzig sei kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Bedrohungsbildes. Wer hinter dem Vorfall steckt, ist bislang offen.
Keine vorschnelle Festlegung auf Russland
Bei der Frage nach einer möglichen russischen Urheberschaft äußerte sich Dobrindt zurückhaltend. Zwar sei bei Cyberangriffen bereits eine Verantwortung Russlands nachgewiesen worden. Im Fall von Leipzig/Halle müssten die Sicherheitsbehörden aber zunächst Beweise sichern. Eine bloße Verdachtslage reiche für eine klare Zuordnung nicht aus.
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) verwies zugleich auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Dieser zeige, wie schnell Drohnentechnik an Leistungsfähigkeit gewinne und welche neuen Bedrohungsszenarien daraus entstehen könnten.
Schnelle Innovationszyklen bei Drohnentechnik
Dobrindt sprach von einem „Wettrüsten“ zwischen Drohnenabwehr und Technologien, die Schutzmaßnahmen überwinden sollen. Partner aus Israel und der Ukraine berichteten demnach von Innovationszyklen von nur acht bis zwölf Wochen. Entsprechend müsse auch die Abwehr Schritt halten.
Cochstedt soll dabei vor allem als Praxisstandort dienen. Unternehmen und Sicherheitsbehörden können dort neue Systeme unter realistischen Bedingungen erproben und weiterentwickeln. Nach Angaben der DLR-Vorstandsvorsitzenden Anke Kaysser-Pyzalla arbeiten in Cochstedt derzeit dauerhaft rund 40 Menschen, künftig soll die Zahl auf 65 steigen. Bei größeren Übungen seien bereits bis zu 250 Vertreterinnen und Vertreter von Bundeskriminalamt, Bundes- und Landespolizei, Bundeswehr und weiteren Stellen gleichzeitig vor Ort gewesen.
Dritte Säule der Bundesstrategie
Das neue Zentrum ist Teil einer Drei-Säulen-Strategie des Bundes. Ergänzt wird es durch eine mobile Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei, deren Stärke laut Dobrindt auf 300 Einsatzkräfte verdoppelt werden soll. Sie soll mit moderner Technik von mehr Standorten in Deutschland aus eingesetzt werden können. Hinzu kommt ein gemeinsames Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern, in dem Sicherheitsbehörden und Bundeswehr zusammenarbeiten.
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) verwies auf die Bedeutung des Themas für die kritische Infrastruktur im Land. Sachsen-Anhalt verfüge etwa über mehrere große Chemieparks; allein der größte umfasse rund 13 Quadratkilometer chemischer Industrie. Auch dort müsse man sich auf mögliche Angriffe mit Drohnen einstellen.
Für Schulze steht Cochstedt zudem für den Wandel eines traditionsreichen Standorts. Nach seinen Angaben war das Gelände zu DDR-Zeiten noch militärisches Sperrgebiet. Nach verschiedenen Anläufen für eine zivile Nutzung sei dort nun ein Forschungsstandort entstanden, mit dem Sachsen-Anhalt bei der Drohnentechnologie „in der Champions League“ spiele.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber