Nordrhein-Westfalen

«Heimat in Flammen» – Kampf gegen die Feuerhölle

Mitten in der Nacht klingelt die Polizei: Raus, sofort! Die Feuerwand steht vor Gey – wer sie sah, diskutierte keine Sekunde.

14.08.2026, 10:48 Uhr

Patrick Koch wird diese Nacht wohl nie vergessen. Der 31-Jährige brachte stundenlang mit einem Traktor Wasser an die Feuerfront, um die Einsatzkräfte beim Waldbrand im Hürtgenwald zu unterstützen. Das Wasser holte er mit einem Fass aus einer Talsperre und fuhr dann immer wieder auf die Flammenwand zu. Für den Mitarbeiter eines Tiefbauunternehmens war das eine Ausnahmesituation. So etwas habe er noch nie erlebt – und schon gar nicht damit gerechnet, dass es direkt vor der eigenen Haustür passieren würde.

Überall habe er Glutnester und zahlreiche Flammen gesehen. Wegen des dichten Rauchs sei die Sicht stark eingeschränkt gewesen. Wahrnehmbar seien vor allem Rauchschwaden, brennende Bäume und dazwischen die Lichter von Traktoren und Feuerwehrfahrzeugen gewesen. Seine Freundin habe zu Hause vom Fenster aus verfolgt, wie sich der Brand ausbreitete, und sich entsprechend Sorgen gemacht. Er selbst habe in diesem Moment einfach nur gearbeitet und geholfen – auch, um die eigene Heimat zu schützen.

Dramatische Lage auch am Morgen

Die Situation im Hürtgenwald blieb in der Nacht äußerst angespannt – und auch am Morgen war keine Entwarnung in Sicht. Gegen 7.30 Uhr machte ein Radfahrer im Ortsteil Großhau eine ungewöhnliche Beobachtung: Als er um eine Ecke bog, rollte plötzlich ein Panzer durch die ruhige Straße. Der Mann bremste scharf ab und zückte sofort sein Handy, um die Szene festzuhalten.

Verminter Wald erschwert die Löscharbeiten

Nach Angaben von Dürens Landrat Ralf Nolten (CDU) werden die Panzer benötigt, um Schneisen in den Wald zu schlagen. Der Hürtgenwald ist groß, alt und schwer zugänglich. Hinzu kommt eine besondere Gefahr: In dem Gebiet liegen noch immer Kriegsreste aus dem Zweiten Weltkrieg.

Im Herbst 1944 fand dort eine der verlustreichsten Schlachten für die US-Armee statt. Der damals mitreisende Reporter und spätere Schriftsteller Ernest Hemingway beschrieb die raue Landschaft einst als märchenhaft – allerdings deutlich düsterer.

Zwar sind viele Spuren des Krieges heute überwuchert, auf Bunkerresten wachsen Farne und Bäume, doch im Boden befinden sich weiterhin Granaten und Munition. Helfer berichteten in der Nacht wiederholt von Explosionen aus dem Brandgebiet. Auch Nolten bestätigte, dass Munition detoniert sei. Gleichzeitig hätten kräftige und ständig wechselnde Winde die Lage weiter verschärft. Teilweise hätten sich Einsatzkräfte sogar zurückziehen müssen, damit Einheiten nicht vom Feuer eingeschlossen werden.

Besonders kritisch sei gewesen, dass das Feuer mehrfach die Richtung wechselte: zunächst nach Westen, dann nach Norden, danach nach Osten – und schließlich einen Hang hinab auf eine Ortschaft zu. Als sich die Flammen bis auf etwa 250 Meter dem Ortsteil Gey mit rund 2300 Einwohnern näherten, blieb laut Nolten keine andere Wahl mehr als die Evakuierung.

Polizei weckt Anwohner in der Nacht

Mitten in der Nacht klingelte die Polizei die Menschen aus dem Schlaf. Nach Angaben des Landrats habe niemand die Anweisungen infrage gestellt. Anders als bei manch anderen Evakuierungen seien alle Betroffenen sofort gefolgt. Wer die Feuerwand gesehen habe – mit Flammen, die teils noch rund 18 Meter über die Baumkronen hinausreichten –, beginne nicht zu diskutieren, so Nolten.

Die Evakuierten kamen zunächst in einer Schule unter. Später wandten sich einige noch einmal an Polizei und Feuerwehr, etwa weil Haustiere im Haus waren oder wichtige Medikamente fehlten.

Auch Hürtgenwalds Bürgermeister Stephan Cranen berichtete von großem Verständnis in der Bevölkerung. Während hinter ihm Rauchwolken aufstiegen und ein Löschhubschrauber zur nächsten Runde abhob, schilderte er die Entwicklung der vergangenen Tage. Das Feuer habe sich immer weiter ausgedehnt. Der Anblick des Löschhubschraubers sei für ihn ein Zeichen der Erleichterung und Hoffnung. Entscheidend sei nun, die Ortschaften zu schützen. Der Verlust von Wald sei schlimm genug – würden aber Wohnorte betroffen, hätte das eine ganz andere Tragweite.

Hohe Temperaturen und Wind verschärfen die Gefahr

Wie es weitergeht, ist ungewiss. Nolten rechnet im Laufe des Nachmittags mit zunehmender Thermik durch die steigenden Temperaturen. Dadurch könnten einzelne Brandherde erneut angefacht werden und wieder aufflammen.

Feuerwehrsprecher Peter Berndgen sprach von einem besonders ungünstigen Einsatztag – einem sogenannten „Red Flag Day“. Solche Tage sind geprägt von großer Hitze, Temperaturen von mehr als 30 Grad und starkem, wechselhaftem Wind. Genau diese Bedingungen erschweren die Brandbekämpfung erheblich. Deshalb seien Vorhersagen schwierig, man müsse sich auf sämtliche Szenarien einstellen.

Am Vormittag musste sogar die ärztliche Betreuungsstelle für Einwohner aus Gey geräumt werden, weil der Ascheregen zu stark geworden war. Zu diesem Zeitpunkt deutete weiterhin wenig darauf hin, dass der Brand im Hürtgenwald bereits unter Kontrolle ist.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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