WHO bestätigt fünf Hantavirus-Fälle auf der „Hondius“
Der Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ beschäftigt inzwischen Gesundheitsbehörden in immer mehr Ländern. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Lage ernst, das Risiko für die öffentliche Gesundheit insgesamt aber gering.
WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte in Genf, wegen der langen Inkubationszeit von bis zu sechs Wochen seien weitere Fälle nicht ausgeschlossen. Zugleich betonte die WHO, dass es sich nicht um den Beginn einer Pandemie handle. Die amtierende Nothilfekoordinatorin Maria van Kerkhove stellte klar, ein Vergleich mit dem Start der Corona-Pandemie sei unangebracht: Das Virus verbreite sich anders, zudem gehe es um einen Ausbruch in dem begrenzten Umfeld eines Schiffes.
Fünf Infektionen bestätigt, drei Todesfälle
Nach Angaben der WHO wurden inzwischen fünf Hantavirus-Infektionen nachgewiesen. Hinzu kommen drei Verdachtsfälle. Drei Menschen sind gestorben: ein älteres Ehepaar aus den Niederlanden sowie eine Frau aus Deutschland.
Dem Patienten auf der Intensivstation in Südafrika geht es laut WHO inzwischen besser. Auch die beiden Crew-Mitglieder, die nach der Evakuierung in Amsterdam behandelt werden, seien stabil. Es handelt sich um einen 41-jährigen Niederländer und einen 56-jährigen Briten.
Deutsche Kontaktperson vorsorglich in Düsseldorf
Eine Person aus Deutschland, die an Bord Kontakt zu einem bestätigten Hantavirus-Fall hatte, wurde am späten Mittwochabend vorsorglich ins Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) gebracht. Die Feuerwehr Düsseldorf übernahm den Transport zuvor vom Flughafen Amsterdam Schiphol.
Bei der Frau handelt es sich um eine 65-jährige Deutsche, die gemeinsam mit den beiden Crew-Mitgliedern vom Schiff geholt worden war. Nach Angaben der Behörden zeigt sie keine Symptome. Das UKD hatte bereits vor ihrer Ankunft erklärt, dass es sich um eine Kontaktperson ohne bestätigten Hantavirus-Nachweis handele. Die Aufnahme erfolge rein vorsorglich für eine erste klinische Beurteilung und weitere infektiologische Tests.
Nach Klinikangaben hatte die Frau engen Kontakt zu einer Deutschen, die an dem Virus gestorben war.
Stewardess in Amsterdam bleibt Verdachtsfall
In den Niederlanden wird außerdem eine Stewardess in einem Krankenhaus in Amsterdam behandelt. Sie hatte direkten Kontakt zu einer infizierten Frau, die kurz darauf starb. Nach WHO-Angaben ist das Virus bei der Flugbegleiterin bislang nicht nachgewiesen worden.
Die Stewardess hatte sich um eine 69-jährige Niederländerin gekümmert, die am 25. April mit einem KLM-Flug von Johannesburg nach Amsterdam reisen wollte. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustands ließ die Crew sie jedoch nicht mitfliegen. Die Frau musste das Flugzeug verlassen und starb einen Tag später in einem Krankenhaus. Ihr Mann war zuvor bereits an Bord der „Hondius“ gestorben.
Die niederländischen Behörden haben nach eigenen Angaben Kontakt zu allen Personen an Bord des KLM-Flugs aufgenommen.
29 Passagiere verließen das Schiff bereits auf St. Helena
Neu bekannt ist, dass bei einem Zwischenstopp auf der britischen Atlantikinsel St. Helena am 24. April noch 29 Passagiere von Bord gingen. Nach Angaben des Veranstalters Oceanwide Expeditions stammten sie aus etwa zwölf Ländern, darunter auch Deutschland.
Das geschah zwar nach dem ersten Todesfall an Bord, aber noch gut zehn Tage vor der Bestätigung des ersten Hantavirus-Falls. Zum Zeitpunkt des Stopps war also noch unklar, dass Hantaviren möglicherweise die Ursache waren. Die Reederei erklärte, alle betroffenen Passagiere über den Ausbruch informiert zu haben; nun sollen sie von den zuständigen Gesundheitsbehörden überwacht werden.
Fälle in der Schweiz und Vorsichtsmaßnahmen in Großbritannien
Auch die niederländische Frau, die später in Johannesburg starb, hatte das Schiff bereits auf St. Helena verlassen. Ebenfalls betroffen ist ein Schweizer Passagier, der dort von Bord ging. Er wurde inzwischen infiziert in eine Klinik in Zürich gebracht. Sein Zustand gilt als stabil.
In Großbritannien befinden sich zudem zwei Passagiere in Selbstisolation. Auch sie hatten die „Hondius“ auf St. Helena verlassen. Nach Angaben der Behörden zeigen sie bislang keine Symptome. Das Risiko für die Allgemeinheit bleibe sehr gering.
WHO: Risiko gering, nicht mit Corona vergleichbar
Die WHO betont weiter, dass die Ansteckungsgefahr insgesamt gering sei. Anders als beim Coronavirus sei eine Übertragung nur bei direktem und längerem Kontakt mit infizierten Menschen zu erwarten. Für die Bewohner der Kanarischen Inseln bestehe deshalb ebenfalls nur ein geringes Risiko, erklärte WHO-Chef Tedros. Gleichzeitig würden alle denkbaren Maßnahmen getroffen, um weitere Ansteckungen zu verhindern.
Viele Verläufe bleiben unbemerkt
Nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) verlaufen viele Hantavirus-Infektionen in Deutschland ohne Beschwerden oder nur mit unspezifischen Symptomen. In schweren Fällen können die Erreger jedoch Fieber mit Blutungen sowie Nierenschäden verursachen.
Bestimmte Hantavirus-Typen können zudem Übelkeit, Erbrechen, Husten und schwere Lungenerkrankungen auslösen. Dazu zählt auch das in Südamerika vorkommende Andesvirus, von dem die WHO auch bei den Fällen auf der „Hondius“ ausgeht.
Schiff auf dem Weg nach Teneriffa
Für die knapp 150 Menschen an Bord gibt es nach Tagen der Unsicherheit inzwischen eine konkrete Perspektive. Das unter niederländischer Flagge fahrende Schiff hat Kurs auf Teneriffa genommen und soll am Wochenende den Süden der Insel erreichen.
Zuvor hatte die „Hondius“ tagelang vor Kap Verde vor Anker gelegen, durfte dort aber nicht anlegen, nachdem der Verdacht auf Hantavirus-Infektionen an Bord aufgekommen war.
An Bord befinden sich derzeit zwei niederländische Ärzte mit Spezialisierung auf Infektionskrankheiten sowie zwei Epidemiologen. Nach Angaben von WHO und Veranstalter zeigt aktuell niemand an Bord Symptome. Die Stimmung sei dennoch gut, sagte eine Sprecherin der Reederei. Die Menschen fühlten sich eng miteinander verbunden.
Auf Teneriffa wohl kein Anlegen im Hafen
Auf Teneriffa sollen alle Menschen an Bord untersucht und getestet werden. Wenn keine Symptome vorliegen, könnten Passagiere und Crew anschließend in ihre Heimatländer zurückkehren. Unter den Menschen an Bord sind auch sechs Deutsche.
Nach Angaben der kanarischen Regionalregierung und des spanischen Gesundheitsministeriums soll die „Hondius“ allerdings nicht im Hafen von Granadilla festmachen, sondern vor der Küste ankern. Passagiere und Crew sollen so lange an Bord bleiben, bis am rund elf Kilometer entfernten Flughafen Teneriffa Süd ein Flugzeug für sie bereitsteht. Erst dann sollen sie mit kleinen Booten vom Schiff geholt werden.
Der kanarische Regierungschef Fernando Clavijo, der die Genehmigung der Zentralregierung für die Fahrt zu den Kanaren kritisiert hatte, sprach von einer „guten Nachricht“.
Heimreise weiter nicht vollständig geklärt
Wie die Heimreise im Einzelnen organisiert wird, ist dennoch weiter offen. Das britische Außenministerium organisiert Berichten zufolge einen Charterflug, um symptomfreie Briten zurückzubringen.
Spanier sollen in Madrid in Quarantäne
Für die 14 Spanier an Bord gibt es bereits konkretere Pläne: Sie sollen von Teneriffa aus mit einer Militärmaschine nach Madrid geflogen und dort im Krankenhaus Gómez Ulla mit seiner Isolationsabteilung in Quarantäne gebracht werden.
Spaniens Gesundheitsministerin Mónica García erklärte, sie setze auf die Freiwilligkeit der Betroffenen. Falls nötig, gebe es aber auch eine rechtliche Grundlage für eine verpflichtende Quarantäne. Wie lange diese dauern müsste, hängt davon ab, wann die Menschen zuletzt Kontakt zu Infizierten hatten. Hintergrund ist die vergleichsweise lange Inkubationszeit von bis zu 45 Tagen.
Tests nicht vollkommen sicher
Ein Nachweis des Hantavirus ist zwar per PCR-Test oder Antikörpertest möglich. Nach Behördenangaben gelten diese Verfahren jedoch nicht als absolut sicher. Deshalb werden Quarantäne und die genaue Beobachtung von Symptomen derzeit als die verlässlichsten Maßnahmen angesehen, um eine mögliche Weitergabe zu verhindern oder Infektionen früh zu erkennen.
Eine Impfung oder ein gezielt wirksames Medikament gegen Hantaviren gibt es derzeit nicht.
Argentinien sucht nach dem Ursprung der Infektionen
Forscher in Argentinien sollen nun klären, woher die Infektionen stammen könnten. In Ushuaia im äußersten Süden des Landes, wo die „Hondius“ am 1. April in See gestochen war, sollen Nagetiere eingefangen und auf das Virus untersucht werden.
Hantaviren werden meist durch infizierte Ratten oder Mäuse übertragen. Nach Angaben der argentinischen Regierung war das niederländische Paar, das zuerst Symptome zeigte und später an der Infektion starb, bereits seit dem vergangenen Jahr in der Region unterwegs.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion