Niedersachsen

Per Anhalter nach Rumänien – die Bahn abgehängt

Kaum noch jemand trampt – jetzt soll ein verrücktes Rennen von Lüneburg und Weiden bis Rumänien das ändern.

22.08.2026, 07:30 Uhr

Per Anhalter nach Rumänien: „Tramprennen“ startet in Weiden und Lüneburg

Mit ausgestrecktem Daumen Richtung Abenteuer: Rund 67 Menschen machen sich von Weiden in der Oberpfalz und von Lüneburg aus auf den Weg zum sogenannten „Tramprennen“ nach Rumänien. Gereist wird in Zweier- oder Dreierteams über mehrere Etappen. Wer zuerst ankommt, kümmert sich um eine Schlafmöglichkeit.

„Wir sind in Teams unterwegs, allein in ein Auto zu steigen führt zur Disqualifikation. So sind unsere Regeln“, sagt Mitorganisatorin Tessa Brancalion. Sie geht gemeinsam mit 36 weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Lüneburg an den Start.

Kaum Planung, viel Ausrüstung

Viel vorbereitet ist abgesehen vom reservierten Campingplatz im rumänischen Pui nicht. Die Teilnehmenden haben Zelte und weitere Outdoor-Ausrüstung dabei. Laut Brancalion ist die Gruppe zwischen 19 und 56 Jahre alt. Ihr Ziel: Das Trampen soll wieder beliebter werden.

Deutschland sei dafür ein einfaches Land, meint die 33-Jährige. Per Anhalter sei sie oft deutlich schneller unterwegs als mit der Deutschen Bahn.

Das jährliche Event gibt es seit 2018. Frühere Ziele waren unter anderem Spanien, Estland und Griechenland. Nur während der Corona-Pandemie fiel die Aktion zwei Jahre lang aus. Neu ist in diesem Jahr der Hinweis der Organisatoren, dass die Strecke in mehrere Etappen aufgeteilt ist, die jeweils einzeln gewertet werden.

Erfahrung auf der Straße

Auch Philipp Weckesser ist dabei. Er startet mit seiner Freundin in der Oberpfalz. Seit elf Jahren reist der 35-Jährige per Anhalter. Innerhalb Deutschlands habe er nach eigener Aussage noch nie länger als eine Stunde auf eine Mitfahrgelegenheit warten müssen.

Für ihn ist das Trampen mehr als Fortbewegung: „Es ist ein Hobby. Man kommt immer mit Menschen in Kontakt, die sich vor Ort auskennen“, sagt der Student.

Trampen so gefährlich wie ein Disco-Besuch?

Ganz ohne schlechte Erlebnisse ging es bei Weckesser allerdings nicht. Einmal habe ein Fahrer sich sexuell übergriffig verhalten wollen. Trotzdem hält er Autostopp insgesamt nicht für besonders gefährlich.

Im Rahmen seines Studiums der Sozialen Arbeit beschäftigte er sich in seiner Bachelorarbeit mit dem Thema Sicherheit beim Trampen. Sein Fazit: Das Risiko sei in etwa damit vergleichbar, abends in eine Disco zu gehen. Entscheidend sei, dass jede und jeder selbst entscheide, ob man einsteigt.

Gerade viele Frauen würden nicht bei allein fahrenden Männern mitfahren. Umgekehrt werde auch er gelegentlich nicht von Autofahrerinnen mitgenommen. Insgesamt beschreibt Weckesser das Sicherheitsgefühl beim Trampen dennoch als „tiefenentspannt“.

Nach dem Eintreffen in Pui plant er bereits das nächste große Abenteuer: eine dreijährige Weltreise, die abschnittsweise ebenfalls per Anhalter erfolgen soll.

Neue Länder entdecken mit Tipps aus erster Hand

Mitorganisatorin Brancalion sieht den besonderen Reiz des Trampens auch darin, von Ortskundigen Hinweise zu Sehenswürdigkeiten, Kulinarik und den bereisten Regionen zu bekommen. Längere Wartezeiten könnten allerdings auch anstrengend sein. „Wichtig ist, dass man freundlich bleibt“, sagt sie. Ein bisschen Können gehöre dazu, entscheidend sei aber oft auch Glück.

Teilnehmerin Antonina Eliseeva ist bereits zum vierten Mal dabei. Mit großem Rucksack, Isomatten und Campingkocher startet sie in das Rennen. Sie freue sich sehr darauf, aus dem Alltag herauszukommen und neue Länder zu entdecken.

Zukunftsforscher: Sicherheitsbedürfnis wächst

Nach Einschätzung des Hamburger Zukunftsforschers Horst Opaschowski ist Autostopp heute deutlich seltener geworden. Eindeutig belegen lasse sich das zwar nicht, doch aus Sicht der Zukunftsforschung wachse bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Sicherheit stärker als der Wunsch nach Freiheit.

Man könne fast sagen, Sicherheit sei für manche zur neuen Freiheit geworden, so der 85-Jährige. Die Herausforderung bestehe darin, sicher zu sein, ohne persönliche Freiheit aufzugeben. Trampen bleibe dabei ein privates Sicherheitsrisiko.

Seit der Corona-Krise beobachtet Opaschowski eine pessimistischere Grundstimmung in Deutschland. Viele Menschen empfänden die Gegenwart als unsicher, ein Ende dieser Entwicklung sei derzeit nicht abzusehen.

Junge Menschen reisen anders

Die jüngere Generation wachse mit diesem Unsicherheitsgefühl auf und richte sich danach aus, sagt Opaschowski. Große spontane Fernreisen würden seltener. „Die wilden Touren nach Sri Lanka werden weniger“ – die Sehnsucht bleibe zwar, vielen sei so etwas aber zu unsicher. Angebote wie Work and Travel in vergleichsweise sicheren Ländern wie Australien wirkten kalkulierbarer.

Zugleich beobachtet der Forscher besondere, oft teure Auszeiten junger Menschen in Städten wie Palma de Mallorca oder Mailand. Dafür prägte er den Begriff „Luxese“ – eine Mischung aus Luxus und anschließender oder vorheriger Askese, um solche Reisen finanzieren zu können.

Auch auf kürzeren Strecken habe Autostopp an Bedeutung verloren, weil viele Menschen heute mobiler seien. Hinzu kämen attraktivere Bahntarife für junge Reisende. Manche nähmen dann sogar in Kauf, notfalls ein paar Stunden auf dem Bahnsteig zu warten oder dort zu schlafen. Weckesser verweist außerdem darauf, dass der öffentliche Nah- und Fernverkehr inzwischen deutlich besser ausgebaut sei als früher.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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