Im Verfahren um den Tod einer vierköpfigen Familie aus Hamburg, die während eines Türkeiurlaubs durch ein Insektizid vergiftet wurde, hat das Istanbuler Gericht Caglayan vier der sechs Angeklagten schuldig gesprochen.
Der Betreiber des Hotels wurde zu 13 Jahren und 4 Monaten Haft verurteilt. Auch gegen die Verantwortlichen der Schädlingsbekämpfungsfirma wurden hohe Strafen verhängt: Der Firmeninhaber und sein Sohn erhielten jeweils 18 Jahre Gefängnis, ein Mitarbeiter, der den Chemikalieneinsatz durchgeführt hatte, wurde zu 12 Jahren und 2 Monaten Haft verurteilt.
Als Grundlage für das Urteil nannte das Gericht „bewusste fahrlässige Tötung“. Die beiden ebenfalls angeklagten Rezeptionisten wurden freigesprochen.
Der Anwalt der Familie, Yasar Balci, begrüßte zwar das hohe Strafmaß, kündigte aber Berufung an. Er fordert weiterhin eine Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung. Auch die Verteidigung der Angeklagten plädierte auf Freispruch. Der Bruder des verstorbenen Vaters bezeichnete insbesondere die Strafen von 18 Jahren als gerecht. Vor Beginn der Sitzung hatte der Vater des Verstorbenen gesagt, er erwarte eine gerechte Strafe und endlich Ruhe.
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Gegen die Entscheidung kann Rechtsmittel eingelegt werden.
Familie starb nach Vergiftung im Hotel
Die Familie war im vergangenen November nach Istanbul gereist. Kurz nach der Ankunft erkrankten der 38 Jahre alte Vater, die 27-jährige Mutter sowie die beiden Kinder im Alter von drei und fünf Jahren schwer.
Zunächst bestand der Verdacht auf eine Lebensmittelvergiftung. Nach einem Krankenhausaufenthalt wurde die Familie zunächst wieder entlassen. Kurz darauf starben die Mutter und die beiden Kinder. Der Vater erlag nach mehreren Tagen auf der Intensivstation ebenfalls den Folgen der Vergiftung.
Ein späteres Gutachten kam zu dem Schluss, dass die Familie durch Aluminiumphosphid vergiftet worden war – ein Mittel, das im Hotel bei der Schädlingsbekämpfung eingesetzt worden sein soll.
Angeklagte bestritten ihre Verantwortung
Im Gerichtssaal wiesen alle Angeklagten die Vorwürfe zurück. Der Hotelbetreiber zog die festgestellte Todesursache in Zweifel und brachte erneut eine mögliche Lebensmittelvergiftung ins Spiel. Zudem erklärte er, es sei nicht seine Aufgabe, die Echtheit von Zertifikaten einer beauftragten Schädlingsbekämpfungsfirma zu überprüfen. Sein Anwalt sagte, die Firma habe den Hotelbesitzer getäuscht.
Auch der Sohn des Firmeninhabers stellte das rechtsmedizinische Gutachten infrage. Seine Verteidigung verwies ebenfalls auf das Essen als mögliche Ursache. Weitere Sachverständige zog das Gericht nicht hinzu.
Die Anwältin des verurteilten Mitarbeiters machte vor allem den Arbeitgeber verantwortlich. Ihr Mandant habe von den Gefahren des eingesetzten Mittels nichts gewusst und selbst sterben können.
Der Anwalt eines freigesprochenen Rezeptionisten forderte zudem, auch das Krankenhaus in die Verantwortung zu nehmen. Der Mitarbeiter soll die Hoteltür von außen verschlossen und damit die Ankunft des Rettungswagens verzögert haben.
Prozess belastete Angehörige schwer
Für die angereisten Angehörigen war der Verhandlungstag emotional äußerst belastend. Die Großmutter der Verstorbenen wandte sich im Gerichtssaal direkt an die Angeklagten und schilderte ihren anhaltenden Schmerz. Vom Richter verlangte sie eine Bestrafung der Täter.
Auch der Großvater der beiden Kinder und Vater der verstorbenen Mutter sagte, er vertraue auf die türkische Justiz und wolle, dass die Verantwortlichen bestraft werden.
Aus dem Zuschauerraum meldete sich zudem ein Mann, dessen Kind mutmaßlich ebenfalls nach einem Chemikalieneinsatz derselben Firma gestorben war. Nachdem er den Angeklagten zugerufen hatte, sie hätten von allem gewusst, wurde er vom Richter aus dem Saal verwiesen.
Problem reicht über den Einzelfall hinaus
Nach Einschätzung der Beteiligten zeigt der Fall auch ein branchenweites Problem: unerlaubter Chemikalieneinsatz, unzureichende Kontrollen und mangelnde Ausbildung in der Schädlingsbekämpfung. Laut dem Anwalt der Familie sollte das Verfahren deshalb auch ein Signal an staatliche Stellen senden, strengere Kontrollen solcher Firmen durchzusetzen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber