Hamburg

Block-Entführer packt aus: «Wir waren aufgeregt»

Vom Model zum mutmaßlichen Retter der Block-Kinder: Vor Gericht enthüllt ein Zeuge, warum die Aktion völlig entgleiste.

08.07.2026, 11:51 Uhr

Aussage eines mutmaßlichen Entführers im Block-Prozess

Im Verfahren um die gewaltsame Rückholung der Block-Kinder aus Dänemark hat ein mutmaßlich beteiligter 35-Jähriger seine Sicht auf die Silvesternacht 2023/24 geschildert. Kurz vor der Aktion seien die Männer aufgeregt und auch etwas ängstlich gewesen, sagte der Zeuge. Zugleich habe die Gruppe geglaubt, die Kinder vor einem „schrecklichen Vater“ retten zu müssen.

Nach seiner Darstellung habe ihm der Chef der beteiligten israelischen Sicherheitsfirma, David Barkay, versichert, es handle sich um eine rechtmäßige Operation. Der Zeuge sei unter anderem deshalb für das Team ausgewählt worden, weil er Deutsch spreche. Er habe elf Jahre in Hamburg gelebt und sollte mit den beiden Kindern kommunizieren. Nach eigenen Angaben erhielt er für seine Teilnahme 10.000 Euro.

Früher Model und Fitnesstrainer

Der Mann war bereits im Frühjahr aus Israel in deutschen Medien aufgetreten. Damals wurde er als Jonathan C. vorgestellt. Vor Gericht sagte er nun, er habe seinen Nachnamen geändert und heiße inzwischen Jonathan G. Früher habe er als Model und Fitnesstrainer gearbeitet, derzeit sei er jedoch ohne Beschäftigung. Wegen der Berichterstattung könne er nicht arbeiten, sagte er.

Der große, schlanke Mann mit Bart trat nach Gerichtsangaben eher zurückhaltend auf. Er sprach schnell und schilderte die Ereignisse in hohem Tempo, sodass später zahlreiche Nachfragen gestellt wurden.

Der 35-Jährige erklärte zudem, er habe Wurzeln in Schweden und Israel und zuvor unter anderem bei Wohltätigkeitsveranstaltungen mit Kindern gearbeitet. Im Dezember 2023 sei über einen Bekannten der Kontakt zu Barkay zustande gekommen. Er habe sich geehrt gefühlt, dass ihm ein angeblicher „Mossad-Agent“ eine solche Aufgabe antrage. Er habe helfen und „etwas Gutes tun“ wollen.

Auch wenn nicht alle seine Fragen beantwortet worden seien, habe er zugesagt. Sinngemäß sagte er, man kenne so etwas sonst nur aus James-Bond-Filmen und wolle dann Teil davon sein. Alle Beteiligten hätten Tarnnamen getragen; die echten Namen habe er teils erst später erfahren. Er selbst habe den Spitznamen „Nils Holgersson“ getragen, die kampferfahrenen Männer seien als „Ninjas“ bezeichnet worden.

Für seine Aussage erhielt der Zeuge sicheres Geleit. Zuvor war diese Zusage bereits drei Männern und einer Frau aus Israel gewährt worden, darunter auch Barkay. Sie müssen nach jetzigem Stand später ebenfalls mit einer Anklage und einem eigenen Verfahren rechnen.

Treffen mit Christina Block vor der Tat

Angeklagt ist die Hamburger Unternehmerin Christina Block. Der Vorwurf lautet, sie habe im Zuge des langjährigen Sorgerechtsstreits mit ihrem Ex-Mann Stephan Hensel eine israelische Sicherheitsfirma beauftragt, ihre beiden jüngsten Kinder aus dem Haushalt des Vaters in Dänemark zu holen.

Block, Tochter des „Block House“-Gründers Eugen Block, weist die Vorwürfe zurück. Nach ihrer Darstellung habe die Sicherheitsfirma eigenmächtig gehandelt. Barkay bestreitet das. Ihm sei immer wieder versichert worden, dass die Rückholung der Kinder nach Deutschland rechtmäßig sei. Neben Block gibt es in dem Verfahren sechs weitere Angeklagte. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Wie andere israelische Zeugen berichtete auch Jonathan G. von einem Treffen mit der Mutter kurz vor der Tat. Er habe eine am Boden zerstörte Frau gesehen, die den maskierten Männern für ihre Hilfe gedankt habe. Das habe die Gruppe zusätzlich motiviert. Block bestreitet, dass ein solches Treffen stattgefunden hat.

Kinder in Gråsten ins Auto gezwungen

Laut Anklage wurden der damals 10 Jahre alte Junge und das 13-jährige Mädchen in der Silvesternacht im dänischen Gråsten beim Anschauen des Feuerwerks von maskierten Männern in einen Wagen gezerrt und anschließend nach Deutschland gebracht. Später mussten sie demnach auch durch einen Wald gehen und sollten auf deutscher Seite in ein Wohnmobil steigen, das sie nach Süddeutschland brachte.

Einer der drei Hauptangeklagten, ein 36-jähriger Israeli, hatte seine Beteiligung bereits im August 2025 in dem Prozess eingeräumt. Er erklärte, auch er sei von einer Rettungsaktion ausgegangen. Wegen seiner Kampfsport-Erfahrung habe er den Auftrag erhalten, Stephan Hensel zu überwältigen, aber nicht zu verletzen. Nach seiner Aussage sprang er auf den Vater und wollte ihn mit Klebeband fesseln.

Streitpunkt um Gewalt gegen den Vater

Nach Aussage dieses Angeklagten soll ein junger Deutscher, der fließend Hebräisch sprach, ungeplant zur Gruppe gestoßen sein und den Vater stärker attackiert haben als nötig. Er habe Hensel mit Fäusten geschlagen und auch getreten. Hensel ist Nebenkläger in dem Verfahren, war an diesem Verhandlungstag aber nicht anwesend.

Auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin bestritt Jonathan G., dieser Mann gewesen zu sein. Er wisse nicht, wer in der unübersichtlichen Situation was getan habe, sagte er. Alle Beteiligten seien maskiert gewesen. Auch ein Weinen der Kinder habe er nicht wahrgenommen. Alles sei sehr schnell gegangen. Die gesamte Situation habe ihn überwältigt.

Zeuge berichtet von Flucht durch den Wald

Ausführlicher schilderte der 35-Jährige die Ereignisse nach der Entführung. In einem Wald habe er versucht, einen Polizeihund von den Kindern wegzulocken. Das Tier sei ihm gefolgt und habe ihn gebissen. Später habe er den Hund beruhigen können; beide hätten schließlich aus derselben Pfütze getrunken. Danach habe er die Grenze überquert und einen eiskalten Fluss durchwatet.

Mit dem Zug sei er anschließend nach Hamburg zurückgefahren und habe nach den Erlebnissen 18 Stunden am Stück geschlafen. Erst als er später die Nachrichten gesehen habe, sei ihm klar geworden, dass etwas schiefgelaufen war. Er habe absolute Panik bekommen, sagte der Zeuge. Zugleich habe er lange so tun müssen, als ob alles in Ordnung sei. Nachdem sein Name in der Presse aufgetaucht sei, habe er sich schließlich selbst bei den Ermittlern gemeldet.

Auf die Frage nach seinem heutigen Zustand sagte der 35-Jährige, es gehe ihm nicht gut, er habe große Ängste. Die Befragung des Zeugen soll am Donnerstag fortgesetzt werden.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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