Niedersachsen

Schüsse in Stade: Fünf Menschen tot

Bluttat in Stade: Fünf Tote nach Schüssen bei Hamburg – ein Verdächtiger ist gefasst. Was bisher bekannt ist.

29.06.2026, 13:51 Uhr

Laute Schreie, dann Schüsse: Nach dem Gewaltverbrechen in einer Jugendhilfeeinrichtung im niedersächsischen Stade ist die Zahl der Todesopfer auf sechs gestiegen. Fünf Erwachsene starben noch am Tatort, eine weitere schwer verletzte Person später im Krankenhaus.

Nach aktuellen Angaben der Ermittler waren alle sechs Todesopfer Mitarbeitende der Einrichtung. Unter ihnen sind vier Frauen und zwei Männer. Weitere Menschen wurden verletzt, einige davon schwer. Die Schüsse fielen gegen 12.00 Uhr in einer Einrichtung mit Mutter-Kind-Wohngruppen westlich von Hamburg.

Hintergrund wohl Sorgerechtsstreit

Zum Motiv gibt es inzwischen konkretere Hinweise. Nach Einschätzung der Ermittler lag der Hintergrund der Tat vermutlich in einem Sorgerechtsstreit. Das sagte die Lüneburger Polizeipräsidentin Kathrin Schuol auf einer Pressekonferenz.

Demnach hatte der mutmaßliche Täter in der Einrichtung einen Termin wegen des Sorgerechts für seine drei Monate alte Tochter. Mehrere seiner späteren Opfer sollen bei diesem Termin anwesend gewesen sein. Das Kind und seine Mutter gehören nach Angaben der Polizei nicht zu den Todesopfern.

Verdächtiger 45 Jahre alt – noch kein Haftbefehl

Bei dem Hauptverdächtigen handelt es sich laut Polizei um einen 45 Jahre alten, in Deutschland geborenen Mann mit türkischen Wurzeln aus dem Raum Hannover. Er wurde bereits am Nachmittag festgenommen.

Gegen den Mann lagen nach Angaben von Schuol bereits polizeiliche Erkenntnisse vor, unter anderem aus dem Bereich Bedrohung. Im polizeilichen System sei er bislang aber nicht als besonders beziehungsweise „absolut gewalttätig“ eingestuft worden.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist bislang noch kein Haftbefehl gegen den Mann erlassen worden. Ob und wann ein solcher am Dienstag beantragt wird, hängt demnach von den weiteren Ermittlungsergebnissen ab.

Mutmaßlicher Täter floh zunächst

Nach den Schüssen soll der Verdächtige zunächst geflüchtet sein – offiziellen Angaben zufolge als Beifahrer in einem Auto, das von einer Frau gesteuert wurde. Polizeikräfte verfolgten den Wagen und gaben dabei auch Schüsse ab. Diese könnten nach Angaben der Polizei zu platten Reifen am Fluchtfahrzeug geführt haben.

Schließlich wurden sowohl der mutmaßliche Täter als auch die Fahrerin festgenommen. Die Frau habe eine enge Verbindung zur Familie des Verdächtigen, sagte Polizeipräsidentin Schuol.

Die Ermittlungen laufen mit Hochdruck. Nach Angaben des Polizeivizepräsidenten Jörg Wesemann wird voraussichtlich eine Mordkommission eingerichtet.

Tatwaffe sichergestellt

Die Tatwaffe wurde nach Angaben der Polizei sichergestellt. Unklar ist weiter, wie der mutmaßliche Täter an die Waffe gelangte. Sicher ist laut Ermittlern jedoch, dass er keine waffenrechtliche Erlaubnis hatte, sie zu führen.

Innenministerin spricht von „kaltblütiger“ Tat

Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) bezeichnete das Verbrechen als „kaltblütige“ Tat. Zugleich sprach sie von einem singulären Fall. Nach ihren Worten gibt es keine Verbindungen zu anderen Bereichen.

Damit stehe die Gewalttat auch nicht im Zusammenhang mit früheren Fällen in Stade. In der Stadt westlich von Hamburg hatten zuletzt Auseinandersetzungen zwischen zwei Großfamilien im Umfeld eines Mordprozesses für Schlagzeilen gesorgt. Behrens sagte, die schreckliche Tat werde Stade noch lange beschäftigen und Spuren hinterlassen.

Polizei richtet Hinweisportal ein

Die Polizei hat inzwischen ein Hinweisportal eingerichtet. Über eine Internetseite können Zeuginnen und Zeugen Hinweise, Fotos oder Videos direkt an die Ermittler übermitteln. Nach Polizeiangaben kann jeder Hinweis für die laufenden Ermittlungen wichtig sein.

Großaufgebot von Polizei und Rettungskräften

Am Tatort waren Polizei, Rettungsdienst und Kriminaltechnik mit einem Großaufgebot im Einsatz. Nach Behördenangaben waren Helfer in dreistelliger Zahl vor Ort. Straßen wurden abgesperrt, Einsatzfahrzeuge blockierten Zufahrten, Anwohner sollten den Bereich weiträumig meiden.

Kita und Grundschule nicht gefährdet

In der Nähe des Tatorts liegen eine Kindertagesstätte und eine Grundschule. Nach Angaben der Stadt wurden beide Einrichtungen unmittelbar nach Bekanntwerden der Schüsse informiert. Kinder und Mitarbeitende waren zu keinem Zeitpunkt in Gefahr.

Stades Stadtrat Carsten Brokelmann zeigte sich erschüttert und sprach den Opfern und Angehörigen sein tiefes Mitgefühl aus. Zugleich dankte er den Einsatzkräften für ihr Vorgehen in der unübersichtlichen Lage.

Angehörige und Einsatzkräfte werden betreut

Im Laufe des Tages trafen am Tatort nach und nach Angehörige ein. Viele wirkten aufgewühlt und hofften auf Informationen über Familienmitglieder. Ein Team der Krisenintervention sowie Notfallseelsorger betreute Angehörige, Zeugen und Einsatzkräfte.

Polizeipräsidentin Schuol betonte zudem die Bedeutung der Unterstützung für alle mittelbar Betroffenen. Neben den Getöteten gebe es weitere Menschen, die durch das Geschehen traumatisiert seien – etwa andere Beteiligte vor Ort, Kräfte in der Leitstelle, Rettungsdienst sowie Ärzte und Pflegepersonal. Auch Polizeivizepräsident Wesemann kündigte eine zeitnahe Betreuung der eingesetzten Beamten an. Was sie gesehen hätten, hinterlasse Spuren – auch bei erfahrenen Kräften.

Stade hat knapp 48.700 Einwohner, gehört zur Metropolregion Hamburg und liegt rund 40 Kilometer von Hamburg entfernt. Die Tat ereignete sich in einer ruhigen Wohngegend – für viele Menschen in der Stadt ist das Verbrechen kaum zu begreifen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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