Brandenburg

Florian Illies findet den echten Elon Musk des Barock

Ein Alchimist steigt am Potsdamer Hof steil auf – und stürzt brutal ab. Warum Florian Illies dabei ans Weiße Haus denkt.

01.06.2026, 07:00 Uhr

Florian Illies und sein neues Buch: Eine barocke Erfolgsgeschichte mit heutiger Resonanz

Florian Illies zählt seit Jahren zu den prägenden Figuren des deutschsprachigen Kulturlebens. Der 55-Jährige war nicht nur als Journalist, Herausgeber der „Zeit“, Auktionator und zeitweise auch als Leiter des Rowohlt Verlags tätig, sondern vor allem als Autor außerordentlich erfolgreich.

Mit Büchern wie „Generation Golf“, das seine Jugend in Hessen der siebziger und achtziger Jahre einfing, und „1913“, einer literarischen Momentaufnahme Europas vor dem Ersten Weltkrieg, wurde Illies zum Bestsellerautor. Später schlug er mit „Zauber der Stille“ über Caspar David Friedrich einen Ton an, der Biografie, Essay und erzählerische Geschichtsschreibung verbindet. Gerade dieses kluge und zugleich zugängliche Erzählen kommt beim Publikum bestens an.

Ein neues Buch als Auftakt für einen neuen Verlag

Wenn Illies ein neues Werk veröffentlicht, sorgt das in der Literaturszene regelmäßig für Aufmerksamkeit. So auch jetzt mit „Träume aus Feuer“. Das Buch ist zugleich der Starttitel des neu gegründeten Pfaueninsel Verlags, mit dem Bastei Lübbe im hochwertigen Buchsegment neue Akzente setzen will.

Präsentiert wurde das Werk passend auf der Pfaueninsel in der Berliner Havel. Heute ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel, erreichbar per Fähre. Früher diente sie über lange Zeit als Rückzugsort preußischer Herrscher. Dort entstanden Lustschlösser, dort traf man Geliebte, hielt exotische Tiere und siedelte Ende des 18. Jahrhunderts auch Pfauen an. Doch wie so vieles in der Geschichte geriet auch dieser Ort irgendwann aus dem Blick der Mächtigen und wurde vergessen.

Alchimist Johannes Kunckel
Der Alchimist Johannes Kunckel von Löwenstern wirkte am Potsdamer Hof. Quelle: Ullstein Bild/dpa

Johannes Kunckel: Aufstieg und Sturz eines frühen Unternehmers

Genau an diesem Ort setzt Illies mit seiner neuen Erzählung an. Im Mittelpunkt steht Johannes Kunckel (1635–1703), Naturphilosoph, Chemiker und Alchimist. Auf knapp 120 Seiten schildert Illies dessen Lebensweg als ebenso schillernde wie tragische Geschichte.

Kunckel wird vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm nach Potsdam geholt und soll eigentlich Gold herstellen. Dieses Vorhaben misslingt. Stattdessen gelingt ihm etwas anderes: Er entwickelt kostbares Glas in spektakulären Farben wie Rubinrot und Kobaltblau. Damit begründet er eine Luxusproduktion, die großen wirtschaftlichen Erfolg bringt. Der Verkauf des Glases hilft dem Kurfürsten, seine angeschlagenen Finanzen zu stabilisieren und seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren.

Als Belohnung erhält Kunckel wertvolle Privilegien, darunter auch Pfauenwerder, die spätere Pfaueninsel. Damals ist das noch eine eher verwilderte Insel. Kunckel lässt dort ein Labor, eine Mühle und Werkstätten errichten. Schon bald wird produziert, experimentiert und geforscht – fast wie in einem barocken Innovationszentrum.

Ruhm, Neid und politischer Absturz

Illies zeigt jedoch nicht nur die glänzende Seite des Erfolgs. Am Hof herrscht ein Klima aus Eifersucht, Machtkämpfen und Intrigen. Sowohl Angehörige des Fürsten als auch Höflinge arbeiten gegen Kunckel. Nach dem Tod des Großen Kurfürsten im Jahr 1688 verliert er schlagartig seinen Schutz.

Sein Fall ist brutal: Die Werkstätten werden zerstört, Vergünstigungen zurückgefordert, seine Stellung geht verloren. Illies endet mit dieser Katastrophe und verzichtet bewusst auf eine versöhnliche Abrundung, obwohl Kunckel später am schwedischen Hof noch einmal Anerkennung findet.

Eine historische Geschichte mit erstaunlich aktueller Pointe

Gerade diese Konstellation macht das Buch so gegenwärtig. Illies selbst zieht Parallelen zur heutigen Welt: Lange vor modernen Industriegiganten aus Brandenburg sei von dort schon einmal ein Luxusprodukt in die Welt gegangen – Kunckels rotes Glas. Der Autor erkennt darin eine überraschend zeitgemäße Geschichte über Innovation, Macht und Abhängigkeit von politischen Gunstbezeugungen.

Die Figur Kunckels erscheint dabei fast wie ein Unternehmer unserer Zeit: visionär, risikofreudig und erfolgreich, aber zugleich verletzlich gegenüber wechselnden Machtverhältnissen. Illies deutet an, dass sich barocke Hofgesellschaft und heutige Machtzentren in Politik und Tech-Welt manchmal näher sind, als man zunächst denkt.

Vom Traum vom Gold zum Erfolg mit Glas

Für Illies steckt in der Geschichte noch mehr: eine Parabel über das Träumen und darüber, dass aus gescheiterten Erwartungen oft etwas anderes, manchmal sogar Wertvolleres entsteht. Der Kurfürst will Gold – und erhält Glas. Doch dieses Glas erweist sich als so kostbar, dass es ihm ebenfalls Reichtum verschafft.

Zugleich verweist die Geschichte auf einen größeren historischen Zusammenhang. Zusammen mit der Entscheidung, verfolgte Hugenotten aus Frankreich nach Preußen zu holen, legte Friedrich Wilhelm wichtige Grundlagen für den wirtschaftlichen Aufstieg Brandenburgs. Innovative Produktion und neue Fachkräfte halfen dem Land, sich nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges schneller zu erholen als viele Nachbarn in Europa.

Geschichte erzählen, als wäre sie Gegenwart

Illies sieht auch „Träume aus Feuer“ als Teil seiner bisherigen Arbeit. Ihn reize es, in vergangene Zeiten einzutauchen und sie so zu erzählen, dass Leserinnen und Leser ihre Aktualität unmittelbar spüren. Gerade Umbruchsphasen würden von den Menschen, die in ihnen leben, oft nicht als solche erkannt.

Vielleicht liegt darin die besondere Stärke dieses Buches: Es erzählt von einer fernen Epoche und wirkt doch bemerkenswert nah an der Gegenwart.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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