Berlin

Nach CSD-Anschlag: Trauer, Blumen – und ein dringender Appell

Todesfahrt im Tiergarten: Eine Frau stirbt, viele werden schwer verletzt – galt der Angriff gezielt den CSD-Besuchern?

26.07.2026, 21:08 Uhr

Polizeieinsatz in Spandau endet tödlich

In einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau hat die Polizei den mutmaßlichen Täter des Angriffs am Rande des Christopher Street Days aufgespürt. Nach Angaben der Beamten lief der Verdächtige mit einer Stichwaffe auf Einsatzkräfte zu. Daraufhin schoss das SEK. Anwohner berichteten von mehreren Schüssen.

Trotz sofortiger Wiederbelebungsversuche durch die Feuerwehr starb der Mann noch am Einsatzort. Damit war auch der Tatverdächtige weniger als einen Tag nach dem Angriff tot, bei dem eine Frau getötet und 29 Menschen verletzt worden waren.

Schock nach Angriff auf den CSD

Der Anschlag vom Samstagabend erschüttert Berlin weiterhin. Zuvor hatten Hunderttausende Menschen ausgelassen den Christopher Street Day gefeiert. Mehr als 80 Musik-Trucks waren unterwegs zur Abschlussveranstaltung am Brandenburger Tor.

Am Abend waren die Straßen noch voller Feiernder, als gegen 22 Uhr immer mehr Rettungswagen und Polizeifahrzeuge mit Sirenen und Blaulicht in Richtung Tiergarten eilten. Dort, am südlichen Rand des Parks, hatte sich die Tat ereignet.

Nach bisherigen Erkenntnissen fuhr ein Mann mit einem weißen Kleintransporter auf einem dunklen Weg im Park in eine Menschengruppe, die vom CSD kam. Anschließend prallte das Fahrzeug gegen einen Baum. Der Fahrer stieg aus und flüchtete. Ermittler gehen zudem davon aus, dass er mit einer Machete auf Passanten losging. Insgesamt wurden 29 Menschen verletzt, einige schwer. Eine Frau starb.

Verdächtiger soll sich islamistisch radikalisiert haben

Noch in der Nacht versorgten zahlreiche Rettungskräfte Verletzte direkt am Park. Menschen wurden in Krankenhäuser gebracht, während Seelsorger sich in einem provisorischen Zelt um schockierte Zeugen kümmerten. Die Polizei sperrte das Gebiet weiträumig ab und suchte auch mit Wärmebildtechnik aus der Luft nach dem Täter – zunächst ohne Erfolg.

Nach dem Angriff auf CSD in Berlin
Am frühen Abend wollte die Polizei den Tatverdächtigen in einer Kleingartenanlage stellen – dabei starb der Mann. Quelle: Michael Kappeler/dpa

Das Landeskriminalamt identifizierte bald einen Verdächtigen: den 21-jährigen Abdul B. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums war er in der Vergangenheit durch zahlreiche Straftaten aufgefallen. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft teilte mit, er habe 2025 versucht, sich im Ausland der Terrororganisation "Islamischer Staat" anzuschließen. Im selben Jahr sei er im Libanon zu einer Haftstrafe verurteilt worden, im Mai in Deutschland zu einer Bewährungsstrafe.

Offenbar hielt sich der Mann nach der Tat zeitweise in einer Kleingartenkolonie in Spandau versteckt. Pächterinnen berichteten, schon am Nachmittag seien ungewöhnlich viele Polizisten vor Ort gewesen. Eine Anwohnerin sagte, ein Beamter habe sie gebeten, im Haus zu bleiben, als sie gerade den Müll wegbringen wollte.

Ihren Angaben zufolge begann der Zugriff gegen 18 Uhr. Zunächst habe niemand geahnt, dass der Einsatz mit dem Attentat vom Vorabend zusammenhänge. In der Gartenanlage gehe es sonst friedlich zu, sagte sie.

Appell zum Zusammenhalt

Am Sonntag stand in Berlin neben der Fahndung vor allem die Reaktion der Stadtgesellschaft im Mittelpunkt. Bei Gedenkveranstaltungen, etwa am Brandenburger Tor und in der Marienkirche, war die Botschaft eindeutig: Die Menschen wollen sich nicht einschüchtern lassen.

Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte vor einem Gedenkgottesdienst, solche Taten zielten darauf ab, die Gesellschaft zu spalten und Offenheit sowie Freiheit anzugreifen. Er rief den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des CSD in Berlin und im ganzen Land zu, sich nicht einschüchtern zu lassen. Anschließend besuchte Merz zusammen mit weiteren Spitzenpolitikern den Tatort und legte weiße Blumen nieder.

Trauer und Wut am Brandenburger Tor

Bei einer Gedenkveranstaltung am Brandenburger Tor war von einem Angriff auf Gemeinschaft, Demokratie und queeres Leben die Rede. Viele Menschen legten Blumen ab, entzündeten Kerzen oder hielten sich gegenseitig fest. Andere trugen Regenbogenflaggen sowie Plakate mit Aufschriften wie "Hass ist tödlich" oder "Ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf uns alle".

Auch am Tatort selbst kamen am Sonntag immer wieder Menschen zusammen. Hinter den Absperrbändern standen viele sichtlich erschüttert, einige mit Tränen in den Augen. Auf einem großen Plakat auf dem Boden schrieben Besucher ihre Gedanken und Gefühle nieder.

Erinnerungen an frühere Anschläge

Einige Berliner fühlten sich an den Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz erinnert. Ein Radfahrer, der vor dem abgesperrten Bereich stehen blieb, reagierte sichtbar bewegt. Ein anderer Passant sagte, die Erinnerung an den islamistischen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt vor fast zehn Jahren sei plötzlich wieder sehr präsent.

Zugleich äußerten manche Sorge vor politischen Folgen. Ein Mann sagte, besonders schlimm sei, dass die AfD nun wieder Zuspruch gewinnen könnte. Eine Anwohnerin sprach vor allem von Wut und befürchtete weitere ähnliche Taten.

Trotz allem überwog bei vielen der Wille, sich nicht einschüchtern zu lassen. Der Leiter eines queeren Chores sagte, gerade jetzt müsse man Haltung zeigen. Wenn Angst die Oberhand gewinne, hätten die Täter ihr Ziel erreicht. Vor den Bäumen am Tatort wurden immer mehr Blumen niedergelegt. Auf einem kleinen Schild stand: "Liebe siegt."

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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