Debatte um Teufelsrad-Figuren auf dem Oktoberfest weitet sich aus
Auf dem Münchner Oktoberfest sorgen die Frauenfiguren am traditionsreichen Teufelsrad weiter für Diskussionen. Nach Hinweisen der städtischen Gleichstellungsstelle wurden die Figuren über dem Eingang überarbeitet und deutlich bedeckter gestaltet.
Inzwischen wird selbst innerhalb der Stadt gefragt, ob dieser Schritt wirklich nötig war. Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef Christian Scharpf erklärte, bei Traditionsgeschäften müsse mit Augenmaß vorgegangen werden. Nach dem Oktoberfest wolle er deshalb das Gespräch mit der Münchner Gleichstellungsstelle für Frauen suchen.
Auch Münchens zweite Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne) hält die Maßnahme für überzogen. Beim Teufelsrad gehe es um Figuren eines historischen Schaustellergeschäfts. Dass diese nun weniger Haut zeigen sollen, bewertet sie kritisch. In einer offenen und freien Gesellschaft sollten Frauen selbst entscheiden dürfen, ob und wie freizügig sie sich zeigen. Ein Verhüllungsgebot für weibliche Darstellungen schaffe aus ihrer Sicht keine Gleichstellung.
Gegenwind von der Linksfraktion
Für diese Haltung bekommt Fuchs nun deutlichen Widerspruch aus der Linksfraktion im Münchner Stadtrat. Deren Fraktionsvorsitzender Stefan Jagel warf ihr vor, die Gleichstellungsstelle öffentlich bloßzustellen, statt sie zu unterstützen. Gleichstellungsarbeit dürfe nicht für Beifall von rechts geopfert werden, kritisierte er.
CSU fordert Einbindung des Stadtrats
Neu in der Debatte ist zudem die Reaktion der CSU-Fraktion im Münchner Stadtrat. Sie verlangt, dass künftige Entscheidungen dieser Art nicht allein verwaltungsintern getroffen werden. Nach dem Willen der Christsozialen soll der Interfraktionelle Arbeitskreis (IFAK) Oktoberfest künftig bei allen Fragen mitentscheiden, die Gestaltung, Erscheinungsbild und öffentliche Darstellung des Volksfests betreffen. Der entsprechende Antrag trägt den Titel „Bildersturm am Teufelsrad“.
Auch daran übt die Linksfraktion scharfe Kritik. Nach ihren Angaben habe es in der Gleichstellungskommission bereits einen fraktionsübergreifenden Konsens zum Umgang mit Sexismus auf der Wiesn gegeben. Dass nun mehrere Fraktionen die Entscheidung öffentlich infrage stellten, sei befremdlich. Die Forderung nach einer zusätzlichen Einbindung des Stadtrats per Antrag sei daher „purer Populismus“, zumal der Stadtrat bereits einbezogen gewesen sei.
Kritik an einer „übertriebenen“ Debatte
Die Wiesn-Stadträtin Anja Berger (Grüne) nannte die Diskussion ebenfalls überzogen. Aus ihrer Sicht lenkt sie von den eigentlichen Problemen ab. „Wir brauchen keine übertriebene Prüderie“, machte sie deutlich. Statt lange über historische Pappmaché-Figuren zu streiten, müsse es darum gehen, die Wiesn zu einem Ort zu machen, an dem Frauen und Mädchen sicher unterwegs sein können und sich wohlfühlen – unabhängig davon, wie freizügig sie sich kleiden.
Wie zuerst die Zeitungsgruppe „Münchner Merkur/tz“ berichtete, wurden drei der vier großen Figuren am Eingang umgestaltet. Hintergrund war ein Schreiben der Stadt an die Betreiberin im Rahmen ihrer Bewerbung für die diesjährige Wiesn. Darin wurden unter Verweis auf Empfehlungen der Gleichstellungsstelle Änderungen angeregt, die anschließend auch umgesetzt wurden.
Historische Figuren bekamen mehr Kleidung
Die rund 80 Jahre alten Figuren sitzen in kurzen Kleidern auf einem stilisierten Rad. Durch farbliche Überarbeitung erhielten sie Blusen und längere Unterhosen. Eine Figur, die zuvor am Oberkörper nur mit einem Blumenkranz dargestellt war, bekam zusätzlich ein Oberteil. Auch ihre zuvor nackten Füße wurden mit Schuhen versehen.
Die Gleichstellungsstelle erklärte dazu, bei dieser sogenannten „Hawaiianerin“ sei ein rassistisches Stereotyp bedient worden. Bei den übrigen Figuren habe das Problem mit unangemessenen Bild- und Videoaufnahmen zu tun, die gegen den Willen von Besucherinnen auf dem Teufelsrad gemacht worden seien – also mit Upskirting. Die kurzen Kleider der Figuren hätten das Hochfliegen von Röcken und den Blick auf den Intimbereich angedeutet. Deshalb sei eine Überarbeitung vorgeschlagen worden.
Scharpf warnt vor vorschnellen Umbauten
Scharpf betonte, es sei Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts, dass historische Dekorationen heute anders bewertet würden. Daraus dürfe aber nicht automatisch der Anspruch folgen, traditionelle Geschäfte sofort umzugestalten, wenn sie nach heutigen Maßstäben auch nur den Hauch einer Diskriminierung erkennen ließen.
Solche Debatten könnten schnell den Eindruck erzeugen, Politik und Verwaltung beschäftigten sich mit Themen, die viele Menschen kaum nachvollziehen könnten. Das trage eher zur Polarisierung bei, als den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Ein Sprecher bestätigte, dass sich das Referat für Arbeit und Wirtschaft von der Gleichstellungsstelle für Frauen sowie von der Fachstelle für Demokratie beraten lässt. Ob das Teufelsrad ohne die Änderungen überhaupt zur diesjährigen Wiesn zugelassen worden wäre, blieb offen.
Betreiberin wollte vor allem Frieden
Betreiberin Elisabeth Polaczy sagte dem „Münchner Merkur“, sie befürchte, ohne die Änderungen womöglich nicht mehr auf die Wiesn zu dürfen. Gegen Upskirting gehe das Teufelsrad bereits mit Schildern und Kameraüberwachung vor. Sie wolle nach eigenen Angaben vor allem „einfach nur Frieden“ und ihr Geschäft ordentlich betreiben.
Das Teufelsrad gehört seit fast 120 Jahren zum Oktoberfest. Bei dem Fahrgeschäft sitzen Besucher auf einer drehenden Scheibe und werden durch die zunehmende Geschwindigkeit nach und nach hinuntergeschleudert. Bereits 2023 hatten andere Wiesn-Betriebe Motive übermalt, die als sexistisch oder rassistisch wahrgenommen worden waren.
„Man kann es eben auch übertreiben“
Mona Fuchs betonte abschließend, Gleichstellungspolitik sei besonders dort notwendig, wo Frauen tatsächlich diskriminiert, herabgewürdigt oder sexistisch dargestellt würden. Gerade deshalb müsse man solche Fälle mit Augenmaß bewerten. Wenn zu kleinteilig und prüde darüber gestritten werde, wie viel Haut eine Pappmaché-Figur zeigen dürfe, schade das womöglich sogar der wichtigen Debatte über Upskirting. Außerdem bestehe die Gefahr, dass notwendige Auseinandersetzungen mit echtem Sexismus und Rassismus an Überzeugungskraft verlören.
Ihr Fazit: „Man kann es eben auch übertreiben.“
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber