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Letzte Hoffnung in Kolumbien – jede Minute zählt

30 Stunden unter Trümmern – dann die Rettung in Cali. Doch wie viele leben noch? Erst jetzt zeigt sich das ganze Beben-Ausmaß.

12.08.2026, 01:47 Uhr

Die Suche nach Überlebenden nach dem schweren Erdbeben im Westen Kolumbiens bleibt ein Wettlauf gegen die Zeit. Erfolgreiche Bergungen in mehreren Städten machen den Einsatzkräften jedoch weiter Hoffnung. In Cali konnten Helfer erneut Menschen lebend aus den Trümmern holen. Nach Regierungsangaben starben bislang mindestens 181 Menschen. Offiziell werden noch 195 Personen vermisst, während auf einer inoffiziellen Suchplattform bereits rund 4.000 Meldungen eingegangen sind.

Besonders bewegend ist der Fall von Diana Troncoso. Die 31-jährige Biomedizinerin wurde in Cali nach rund 30 Stunden aus den Trümmern gerettet. Angehörige berichteten der Zeitung El Colombiano, sie hätten das Gebäude einstürzen sehen und bereits das Schlimmste befürchtet. Als die Nachricht von ihrer Rettung kam, sei die Erleichterung überwältigend gewesen.

Fachleute weisen darauf hin, dass die Chancen, nach 72 Stunden noch Überlebende zu finden, stark sinken. Umso wichtiger ist für die Retter jede erfolgreiche Bergung.

Dramatische Rettung von Baby und Vater

Hinzu kommt eine weitere spektakuläre Rettung aus Cali: Ein etwa zwei Monate altes Baby und sein Vater wurden lebend aus einem eingestürzten Haus geborgen. Wie inzwischen bekannt wurde, spielte sich die Rettung unter dramatischen Umständen ab.

Zwei Polizisten, die sich zufällig in der Nähe befanden, kletterten laut dem Sender Caracol auf den Trümmerberg. Einer der Beamten, Ronald García, berichtete, sie hätten Weinen und Stöhnen gehört, zugleich habe es stark nach Gas gerochen. Gemeinsam mit Anwohnern begannen sie sofort zu graben.

García schilderte, der noch teilweise verschüttete Vater habe das Kind eng an sich gedrückt, um es mit dem eigenen Körper zu schützen. Der Mann habe die Helfer nur angefleht, sein Kind nicht sterben zu lassen. Schließlich konnten beide in ein Krankenhaus gebracht werden; ihr Zustand soll stabil sein. Die Mutter des Babys und ihr Bruder werden unterdessen weiter unter den Trümmern vermutet.

Medienberichten zufolge wohnte Diana Troncoso im selben Wohnkomplex wie das gerettete Baby Salomón und dessen Vater.

Weitere Rettung in Pereira

Auch aus der ebenfalls schwer getroffenen Stadt Pereira wurde eine erfolgreiche Bergung gemeldet. Dort konnte die 32-jährige Daniela Largos Sánchez nach einem 36-stündigen Einsatz aus den Trümmern gerettet werden. Als sie zu einem Krankenwagen gebracht wurde, brach unter den Umstehenden Jubel aus.

Präsident Abelardo de la Espriella sprach von einem Zeichen der Hoffnung und lobte die aus seiner Sicht heldenhafte Arbeit der Feuerwehr. Zugleich rief er die Bevölkerung dazu auf, den kolumbianischen Rettungskräften zu vertrauen. Der konservative Politiker, der sich selbst „El Tigre“ nennt, ist erst seit vergangener Woche im Amt.

Tausende Menschen werden gesucht

Präsident de la Espriella erklärte bei einem Besuch in Pereira, die Suche nach Vermissten habe derzeit höchste Priorität. Offiziell werden 195 Menschen vermisst. In einer nicht offiziellen Datenbank gingen allerdings bereits mehr als 4.000 Suchanfragen ein.

Allein in Cali, der Hauptstadt des Departments Valle del Cauca, kamen nach Regierungsangaben 95 Menschen ums Leben. Dort gelten zudem mehr als 180 Menschen als vermisst. Die Millionenstadt zählt rund 2,3 Millionen Einwohner.

Vor den Trümmern warten Angehörige auf Hinweise zu ihren Familienmitgliedern. Viele nutzen dafür die Plattform „Colombia te busca“ („Kolumbien sucht Dich“). Dort sind Namen, Fotos und Angaben zu Menschen veröffentlicht, die noch nicht gefunden wurden.

Rettungskräfte und Freiwillige räumen Schutt aus eingestürzten Gebäuden, tragen ihn in Eimern fort und verladen ihn auf Lastwagen. Nach Polizeiangaben suchen spezialisierte Teams mit Spürhunden in mehr als 1.100 zerstörten Wohnhäusern und anderen Gebäuden nach Verschütteten.

Schwerstes Beben seit Jahrzehnten

Vom Erdbeben der Stärke 7,4 am Montagmorgen Ortszeit wurden vor allem Städte im Westen Kolumbiens schwer getroffen, darunter Pereira, Cali, Manizales, Quibdó und Armenia. Es handelte sich nach Behördenangaben um das stärkste Beben in dem südamerikanischen Land seit Jahrzehnten. Seitdem wurde die Region immer wieder von Nachbeben erschüttert.

„Man möchte einfach nur weinen“

Eine Bewohnerin aus Pereira schilderte im Gespräch mit Caracol Radio ihre Eindrücke. Sie sei gerade auf dem Rückweg von einer Yoga-Stunde gewesen, als die Gebäude zu schwanken begonnen hätten. In ihrer Wohnung bot sich ihr anschließend ein Bild der Zerstörung: zerbrochene Weinflaschen, Scherben, Risse in den Wänden und Chaos auf dem Boden. Es habe ausgesehen, „als hätte es einen Krieg gegeben“.

Auch in Roldanillo, rund 150 Kilometer nördlich von Cali, sind die Folgen verheerend. Bäcker Hugo Gómez berichtete, sein Geschäft sei innerhalb weniger Sekunden zerstört worden. Von seinem Betrieb sei nichts geblieben. Für ihn gleiche die Stadt inzwischen einer Geisterstadt mit Trümmern an jeder Ecke.

Kritik am Krisenmanagement

In kolumbianischen Medien wächst inzwischen auch die Kritik am Krisenmanagement der Regierung. Die Zeitung El Colombiano berichtete, der Präsident sei auf Angebote mehrerer Staaten wie Mexiko, El Salvador oder China, Rettungsteams zu entsenden, bislang nicht eingegangen. Stattdessen habe die Regierung zunächst vor allem um humanitäre Hilfe in Form von Hilfsgütern gebeten.

Anders verhalte es sich nach den Berichten im Fall der USA: Von dort wird ein Krisenhilfeteam erwartet. US-Präsident Donald Trump hatte de la Espriella im Wahlkampf unterstützt.

El Salvadors Präsident Nayib Bukele erklärte auf X, die kolumbianische Regierung habe zunächst ausschließlich humanitäre Hilfe angefordert. Man habe ihm mitgeteilt, dass die eigenen Rettungskräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie weitere Einsatzteams bereits im Einsatz seien.

Mehrere Länder boten Kolumbien Unterstützung an, darunter auch Deutschland und die Europäische Union. Das US-Außenministerium kündigte die Entsendung eines Krisenhilfeteams an, das die Behörden in Bogotá bei Einsätzen, Planung und Koordinierung unterstützen soll.

Flughäfen teilweise wieder in Betrieb

Nach technischen Überprüfungen nahmen fünf Flughäfen in den betroffenen Regionen ihren Betrieb wieder ganz oder teilweise auf, darunter auch der Flughafen von Cali. Das teilbeschädigte Drehkreuz in Pereira sowie der Airport in Cartago arbeiten dagegen weiterhin nur eingeschränkt. Dort sind vorerst lediglich offizielle Flüge und Hilfsflüge zugelassen.

Auswärtiges Amt: Keine Hinweise auf betroffene Deutsche

Das Auswärtige Amt erklärte, das volle Ausmaß der Katastrophe sei weiterhin nicht abzusehen. Es müsse mit weiteren Todesopfern gerechnet werden. Bislang lägen keine Erkenntnisse darüber vor, dass deutsche Staatsangehörige unter den Betroffenen seien. Die deutsche Botschaft in Bogotá stehe in engem Austausch mit den kolumbianischen Behörden.

Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul sprachen den Opfern ihr Mitgefühl aus. Die EU stellte zunächst 100.000 Euro für die besonders betroffene Region Chocó bereit. Außerdem wurde das Erdbeobachtungsprogramm Copernicus aktiviert, um das Schadensausmaß besser zu erfassen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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