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Sommer-Schock: Italien macht dicht

Ferragosto verwandelt Rom in eine Geisterstadt – doch genau dann taucht etwas auf, das tagsüber fast niemand sieht.

12.08.2026, 07:31 Uhr

Der Kiosk hat zu, die Bar an der Ecke ebenfalls, und auch der Fischstand auf dem Markt bleibt geschlossen. Was derzeit in Rom zu sehen ist, wiederholt sich von Bozen bis Palermo in fast allen italienischen Städten. Viele Menschen sind ans Meer oder in die Berge gefahren – gerade in diesem besonders heißen Sommer. An unzähligen Türen hängt derselbe Hinweis: „Chiuso per ferie“ – wegen Urlaub geschlossen.

Ferragosto bleibt Italiens wichtigster Ferientermin

Der August ist in Italien weiterhin der zentrale Urlaubsmonat, und sein Höhepunkt liegt genau in der Mitte: am 15. August. In dem nach wie vor stark katholisch geprägten Land ist dieser Tag sowohl kirchlicher als auch staatlicher Feiertag. Gefeiert wird Mariä Himmelfahrt, in Italien bekannt als Ferragosto. Dann machen besonders viele Läden komplett dicht – im wörtlichen Sinn.

Verriegelte Innenstädte mit geschlossenen Metallläden

Während deutsche Innenstädte vor allem von Schaufenstern geprägt sind, verfügen Geschäfte in Italien fast überall noch über schwere Metallrollläden, die bis auf den Gehweg hinuntergelassen werden. Nach Geschäftsschluss werden sie oft zusätzlich mit mehreren Schlössern gesichert. Im August bleiben sie vielerorts Tag und Nacht unten. Die Straßen wirken dann leer, ganze Häuserreihen gleichen verschlossenen Festungen.

Für diese Rolläden gibt es im Italienischen die Bezeichnung Serranda, abgeleitet vom lateinischen Wort für verriegeln. Daneben existiert auch der Ausdruck Saracinesca. Dieser verweist auf die Geschichte des Landes: Im Mittelalter schützten sich viele Küstenorte mit schweren Fallgittern aus Holz oder Eisen gegen Angriffe der Sarazenen.

Geschlossene Rollläden in Italien
In Italien gibt es nach Schätzungen noch zwischen vier und acht Millionen Rollläden. Quelle: Christoph Sator/dpa

Millionen Rollläden prägen das Bild vieler Städte

Was in Deutschland fast verschwunden ist, gehört in Italien weiterhin zum Alltag. Schätzungen zufolge gibt es dort noch immer zwischen vier und acht Millionen solcher Rollläden – viele älter, grau und wenig ansprechend. Damit Straßen nicht trostlos wirken, lassen viele Städte und Ladenbesitzer die Flächen inzwischen bemalen oder besprühen.

Oft orientieren sich die Motive am jeweiligen Geschäft: Auf den Läden von Fischhändlern erscheinen Fische oder Neptun, Autohäuser zeigen Oldtimer oder Werkstattszenen, Feinkostläden setzen auf Obstkörbe, Restaurants auf gedeckte Tische und Waschsalons auf Waschmaschinen. Manche Besitzer greifen selbst zur Farbe, meist übernehmen jedoch beauftragte Künstler die Gestaltung.

Wenn geschlossene Läden zu Leinwänden werden

Einige Kommunen fördern diese Form der Straßenkunst gezielt. Bürgermeister haben Wettbewerbe gestartet, um das Stadtbild aufzuwerten. Im römischen Viertel Garbatella sind auf einer Straßenseite Artikel aus der italienischen Verfassung zu lesen, gegenüber finden sich die passenden Bilder dazu. Im toskanischen San Miniato entschied man sich für Porträts historischer Persönlichkeiten. Im sardischen Nurallao durften Schulkinder die Rollläden gestalten und Szenen aus dem Alltagsleben darstellen.

Die Kunsthistorikerin Anna Patrizia Mongiardo widmete Italiens Rollläden sogar ein Buch mit dem Titel „Arte avvolgibile“ – auf Deutsch etwa verschwindende Kunst. Ihr zufolge sind diese Werke zugleich sichtbar und verborgen: Erst wenn die Läden heruntergelassen werden und die Stadt zur Ruhe kommt, tritt die Kunst richtig hervor. Besonders im Urlaub wird das deutlich – sofern überhaupt noch jemand vor Ort ist.

Eine Tradition, die über 2.000 Jahre zurückreicht

Ferragosto ist weit mehr als nur ein Sommertag. Der Begriff hat eine mehr als zweitausendjährige Geschichte. Die Feriae Augusti, also die „Ruhe des Augustus“, wurden im Jahr 18 vor Christus von Kaiser Augustus eingeführt. Gedacht war das Fest als Zeit der Erholung nach den Arbeiten auf den Feldern – gewissermaßen als antikes Erntedankfest. Auch der Monatsname August geht auf ihn zurück.

Ursprünglich fiel das Fest auf den Monatsanfang. Erst im 7. Jahrhundert verlegte die katholische Kirche die Feier auf den 15. August, den Tag von Mariä Himmelfahrt. Mit dem Aufkommen des Massentourismus im 20. Jahrhundert wurde Ferragosto schließlich zum großen Urlaubstag schlechthin.

Anfang September kehrt das Leben zurück

Noch vor einigen Jahrzehnten waren Italiens Innenstädte an Ferragosto nahezu menschenleer. 1988 berichtete das Fernsehen, dass in Rom mit damals 2,8 Millionen Einwohnern gerade einmal sieben Geschäfte geöffnet gewesen seien. Inzwischen ist die Versorgung deutlich einfacher geworden. Globalisierung und veränderte Gewohnheiten haben auch Italien verändert.

Trotzdem bleiben in vielen Läden die Rollläden weiterhin unten – meist bis zum 31. August. Erst am Morgen danach schließen die Besitzer die Schlösser auf und ziehen die Serrande mit lautem Scheppern wieder hoch. Dieses Geräusch fehlt in vielen Straßen den ganzen Monat über – und wird am Ende fast schon vermisst.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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