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Gratisprobe und Sticker: So dreist ist Drogen-Werbung

Dealer werden immer dreister: Mit Koks-Taxis, QR-Aufklebern und bunten Karten locken sie neue Kunden – mitten im Alltag.

30.08.2026, 07:00 Uhr

Ein junger Mann bewegt sich zügig zwischen den dicht besetzten Tischen einer beliebten Bar in Berlin-Neukölln. Auf jedem Tisch legt er zwei oder drei auffällige Kärtchen im Visitenkartenformat ab. Nach kurzer Zeit ist er wieder im Abendbetrieb verschwunden. Einige Gäste schenken den Karten keine Beachtung, andere werfen einen flüchtigen Blick darauf.

Die Vorderseite zeigt eine grelle Illustration mit drei jungen Menschen, Sonnenbrillen, Geldscheinen sowie Tabletten und kleinen Päckchen auf einem Tisch. Daneben werden verschiedene Drogen aufgelistet, darunter Kokain, Cannabis, Haschisch, Speed, Ketamin, XTC und MDMA. Auf der Rückseite wird mit diskreter und schneller Lieferung geworben, ergänzt durch einen QR-Code und eine WhatsApp-Nummer.

Lieferung an Straßenecken per Auto

Solche Offerten sind in Berlin und anderen Städten seit Längerem im Umlauf. Dealer verteilen ihre Werbung in Kneipen, Clubs, auf Straßenfesten oder Festivals. Der Kontakt läuft meist über Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Telegram. Wer ein solches Profil anschreibt, erhält oft sofort eine Antwort. Geliefert wird anschließend per Auto, häufig an verabredete Straßenecken.

Dabei werden die Methoden der Händler zunehmend offensiver. Neben Visitenkarten und Flyern im Lifestyle-Design, die in Briefkästen landen, tauchen auch Aufkleber mit QR-Codes an Laternen oder anderen öffentlichen Orten auf. In Berlin und Hamburg wurden zudem Werbepäckchen mit kostenlosen Drogenproben entdeckt. Die Berliner Polizei warnte deshalb im Juli öffentlich vor solchen Sendungen im Briefkasten.

Polizei warnt vor Werbung für Drogen im Briefkasten
Drogenhändler suchen mit neuen Methoden wie Probenpäckchen nach Kunden. (Handout) Quelle: -/Polizei Berlin/dpa

Nach Angaben der Polizei können diese Päckchen unter anderem Kokain, Ecstasy, Ketamin, Haschisch, Marihuana oder 3-MMC enthalten. Problematisch sei vor allem, dass die bunt gestalteten Verpackungen besonders auf Kinder anziehend wirken könnten. Eltern sollten daher besonders aufmerksam sein. Die Polizei rät dringend davon ab, solche Sendungen zu öffnen, und betont, dass sowohl die Werbung für Drogen als auch das Reagieren auf solche Angebote verboten ist.

Kein reines Großstadtproblem

Der digital organisierte Drogenhandel ist längst nicht mehr nur ein Thema in Metropolen. Auch in Regionen zwischen Darmstadt, dem Rhein-Neckar-Gebiet und in Richtung Stuttgart wurden entsprechende Flyer verteilt. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg bestätigt, dass ähnliche Fälle auch dort bekannt sind.

So sei etwa ein verdächtiger QR-Code an einem Lichtmast entdeckt worden, der direkt zu einem Shop in einem Messenger-Dienst führte. In einem anderen Fall landeten polnischsprachige Flyer in den Briefkästen einer Arbeiterunterkunft.

Auf Plattformen wie Telegram setzen Händler außerdem auf professionell wirkende Werbevideos, in denen Pulver und Tabletten bewusst attraktiv inszeniert werden. Auf manchen Karten finden sich sogar konkrete Preislisten. Beworben werden etwa Mindestbestellwerte von 60 Euro sowie Preise für Marihuana oder hochprozentiges Kokain.

Das Internet ersetzt Straße und Kneipe

Die Berliner Polizei weist darauf hin, dass sich der illegale Drogenhandel stark an der vorhandenen Nachfrage orientiert. Die Täter nutzten genau die Kommunikationskanäle, die ihre Zielgruppen ohnehin im Alltag verwenden. Damit wird das Internet zunehmend zum zentralen Ort für Anbahnung und Vertrieb, während klassische Treffpunkte wie Straße oder Kneipe an Bedeutung verlieren.

Die Berliner Landessuchtbeauftragte Heide Mutter bewertet diese Entwicklung als äußerst bedenklich. Die niedrige Hemmschwelle könne dazu beitragen, Drogenkonsum als normal erscheinen zu lassen, was besonders für Kinder und Jugendliche gefährlich sei. Auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter in Hamburg sieht die Lage kritisch und warnt davor, dass die organisierte Drogenkriminalität sich offenbar immer weniger vor Strafverfolgung fürchte.

Immer wieder wird gefragt, warum die Polizei nicht einfach selbst Drogen bestellt, um die Lieferanten festzunehmen. Die Berliner Polizei erklärt dazu, dass sogenannte Scheinkäufe unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen möglich seien. Zu konkreten Vorgehensweisen äußert sie sich jedoch aus ermittlungstaktischen Gründen nicht näher.

Fokus auf die Hintermänner

Rechtlich darf die Polizei bei solchen verdeckten Käufen insbesondere nicht darauf hinwirken, dass größere Mengen oder neue Substanzen bestellt werden. Nach Einschätzung der Ermittler sind jedoch ohnehin nicht die Fahrer der sogenannten Koks-Taxis das eigentliche Hauptziel, sondern die Personen im Hintergrund, die den Handel organisieren.

Zwar nimmt die Berliner Polizei jede Woche einzelne Dealer fest, die mit Marihuana, Kokain oder Ecstasy durch die Stadt fahren. Doch häufig werden sie rasch durch andere junge Männer ersetzt, die das schnelle Geld suchen. Deshalb halten die Behörden neben konsequenter Strafverfolgung auch Prävention für entscheidend, um junge Menschen vom Drogenkonsum fernzuhalten.

Zusätze und Verunreinigungen als großes Risiko

Ein zusätzliches Problem ist die Zusammensetzung der angebotenen Drogen. Gesundheitsgefährdend sind sie nicht nur wegen der eigentlichen Wirkstoffe, sondern auch wegen unbekannter Beimischungen. Händler strecken ihre Ware damit häufig, um Mengen und Gewinne zu erhöhen.

In Berlin gibt es deshalb seit drei Jahren das Projekt Drugchecking. Dort können Konsumenten Proben anonym und kostenlos untersuchen lassen. Die bisherigen Ergebnisse fallen alarmierend aus: Von 5.310 getesteten Proben, vor allem Partydrogen wie Amphetamine, Ecstasy, Kokain und LSD, war fast jede zweite auffällig.

In vielen Fällen fanden die Experten gefährliche Zusätze, überhöhte Dosierungen, unbekannte Verunreinigungen oder falsch deklarierte Inhalte. Teilweise seien Risiken durch Wechselwirkungen mit anderen Stoffen nicht absehbar. Bei einzelnen Proben wird ausdrücklich vom Konsum abgeraten. Für eine kürzlich untersuchte Kokainprobe lautete die Warnung sogar: Verunreinigung, Lebensgefahr.

Die Fachleute ziehen daraus ein eindeutiges Fazit: Der Konsum psychoaktiver Substanzen ist grundsätzlich immer mit gesundheitlichen Risiken verbunden.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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