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«Alles verloren»: So kämpfen Flutopfer jetzt ums Leben

Nach der Flut in Devighat suchen Überlebende im Schlamm nach dem letzten Rest. Fast alles zerstört – doch dann keimt Hoffnung.

30.08.2026, 05:00 Uhr

Nach verheerender Sturzflut in Nepal: Dörfer im Schlamm versunken, Hunderte Tote und Vermisste

Bhagawati Khatiwada aus Nepal und ihr Mann sind erschöpft – nach eigenen Worten "sehr erschöpft". Seit dem frühen Morgen durchwühlen sie die Reste ihres Hauses in Devighat, um noch irgendetwas von ihrem Besitz zu retten, den sie auf der Flucht vor den Wassermassen zurücklassen mussten. Doch die Suche ist fast aussichtslos. "Es ist kaum möglich, etwas herauszuholen. Alles steckt unter Schlamm", sagt die 50-Jährige. Ihr kleines Schreibwarengeschäft im Ort ist zerstört, und sie glaubt kaum an einen Neubeginn: "Es ist alles verloren."

Das Paar lebt vorerst bei Verwandten in der Nähe. Devighat liegt in der nepalesischen Provinz Bagmati an der Grenze zu Tibet und zählt zu den Orten, die besonders schwer von der gewaltigen Flut getroffen wurden. Rund 60 Kilometer nördlich von Kathmandu verwandelte die aus den Gletscherregionen des Himalaya kommende Sturzflut den Fluss Trishuli in einen reißenden Strom. Bis Samstag galten in Nepal und China zusammen etwa 2.500 Menschen als vermisst. Allein in Nepal stieg die Zahl der Toten auf mehr als 600.

Ausmaß der Zerstörung noch immer unklar

Wie groß die Katastrophe tatsächlich ist, lässt sich noch immer nur schwer erfassen. In Devighat wird jedoch sichtbar, wie verheerend die Flut gewütet hat. Weite Teile des Ortes liegen unter grauem Schlamm und Trümmern, in der Luft liegt Fäulnisgeruch. Fast alle Häuser, in denen früher 1.200 bis 1.500 Menschen lebten, sind inzwischen kaum noch bewohnbar.

Sturzflut im Himalaya - Nepal
«Alles ist von Schlamm begraben», sagt die 50-jährige Bhagawati Khatiwada, die früher ein Schreibwarengeschäft im Ort betrieb. Quelle: Dirk Godder/dpa

Raj Kumar Gajurel, 30 Jahre alt und für den Wohltätigkeitsclub Lions Club im Einsatz, unterstützt derzeit die Überlebenden. "Hier standen ungefähr 300 Häuser, Hotels und kleine Geschäfte", sagt er. "Jetzt ist das ganze Dorf verlassen." Etwa 25 Menschen seien von den Fluten fortgerissen worden, 14 oder 15 davon würden weiterhin vermisst.

Nach seinen Angaben hätten Regierungsvertreter, darunter auch der Innenminister, das Gebiet besucht, um sich ein Bild von den Schäden zu machen. Zusagen für konkrete Hilfe habe es jedoch nicht gegeben. Die meisten Bewohner seien in Schulen und anderen Notunterkünften untergebracht, manche hätten die Region verlassen und seien nach Kathmandu oder in andere Städte gezogen.

Familien kehren zu ihren zerstörten Häusern zurück

Wie Khatiwada kommen viele Menschen immer wieder zurück, um noch Brauchbares aus ihren Häusern zu bergen. In den meisten Gebäuden sind die unteren Stockwerke vollständig von Schlamm gefüllt.

"Wir mussten das Essen stehen lassen und um unser Leben laufen. Nicht einmal Kleidung konnten wir mitnehmen", berichtet Anita Adhikari, 35 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Sie steht vor ihrem schwer beschädigten Haus und erinnert sich an den Tag der Flut. Ihre Familie habe etwa zehn bis 15 Minuten vor dem Eintreffen der Wassermassen eine Warnung erhalten.

Verwandte klettern nun mit Leitern durch die beschädigten Stockwerke, um Gegenstände zu retten. Das Haus liegt direkt am Flussufer. Auf der gegenüberliegenden Seite ist eine zerstörte Brücke zu sehen. Der Fluss kann derzeit praktisch nicht überquert werden, weil auch andere Brücken von Wasser und Schlamm mitgerissen wurden.

Einsatzkräfte suchen inzwischen vor allem nach Toten

Währenddessen arbeiten Polizei und Armee weiter im Katastrophengebiet. Suchtrupps waten mit Spürhunden durch den Schlamm, andere folgen mit Schaufeln und Tragen. "Anfangs stand die Rettung von Überlebenden im Mittelpunkt. Jetzt konzentrieren wir uns vor allem auf die Bergung von Leichen", sagte ein Einsatzleiter, der anonym bleiben wollte.

Am Morgen habe das Team etwa einen Kilometer entfernt eine Leiche aus dem Schlamm gezogen. Zugleich bleibe die Sorge groß, dass es erneut zu einer Flutwelle kommen könnte.

Hilfe in Notunterkünften – und kleine Zeichen der Hoffnung

Trotz der dramatischen Lage gibt es einzelne Lichtblicke. In einer Mittelschule rund zwei Kilometer von Devighat entfernt sind derzeit etwa 600 Überlebende untergebracht. Gemeinde und Hilfsorganisationen versorgen sie dort mit Essen. Auf dem Schulhof spielen Kinder, während vor dem Verwaltungsbüro per Mikrofon die Namen jener Familien aufgerufen werden, die Hilfsgüter erhalten sollen. Verteilt werden unter anderem Reis, Instant-Nudeln, Trinkwasser und Hygieneartikel. An einem Tag stand allerdings nur Männerkleidung zur Ausgabe bereit, wofür die Frauen um Geduld gebeten wurden.

"Ich bringe meiner Tochter Milch", sagt die 30-jährige Samjhana Pokharel. In der Hand hält sie außerdem verpackte Kleidung, ohne zu wissen, wem sie passen könnte. Die Flut habe ihrer Familie alles genommen, erzählt sie. Selbst vom Fundament ihres Hauses sei nichts übrig. Weil es weiter flussabwärts gestanden habe, sei es vollständig weggespült worden.

Viele Betroffene versuchen nun, sich gegenseitig beizustehen. "Hier leiden alle auf dieselbe Weise", sagt Pokharel. Manche Häuser seien zwar weniger stark beschädigt, doch die Not sei im Kern bei allen gleich.

Eltern und Kinder durch den Fluss getrennt

Besonders schmerzhaft ist die Lage für Sapna Sahani, 28 Jahre alt. Sie und ihr Mann sind seit der Flut von ihren beiden Kindern abgeschnitten. Die drei- und neunjährigen Kinder befanden sich in Schule und Kindergarten auf der anderen Seite des Flusses, als die Flut kam. "Die Kinder sitzen dort fest, und wir sind hier", sagt sie.

Im Moment kümmern sich die Lehrer um die Kinder. Der einzige Kontakt läuft über das Telefon. "Sie sagen immer nur: Mama, hol uns."

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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