Politik

Geteilte Geschichte: Warum die Mauer uns bis heute trennt

Am 13. August 1961 begann der Mauerbau. Heute ist sie fast weg – doch was von ihr blieb, wirkt bis heute nach.

12.08.2026, 05:00 Uhr

65 Jahre nach dem Mauerbau: Erinnerung an Flucht, Repression und die Folgen der Teilung

Kurz vor dem 65. Jahrestag des Mauerbaus hat Bundestagspräsidentin Julia Klöckner die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen besucht. Dort berichtete Mario Röllig von seiner Verfolgung in der DDR. Der heute 58-Jährige verliebte sich als Jugendlicher in einen Mann aus Westberlin. Die Staatssicherheit überwachte die Beziehung und versuchte, ihn als Informanten gegen seinen Partner einzusetzen. Als der Druck immer größer wurde, floh Röllig 1987 über Bulgarien. Er wurde gefasst und kam in Stasi-Haft.

Während von der Berliner Mauer im Stadtbild heute nur noch wenige Reste geblieben sind, wird die Realität des SED-Staates in Hohenschönhausen besonders deutlich. Für Klöckner war die Mauer vor allem eines: ein Gefängnis aus Beton für die Menschen in der DDR.

Warum die Mauer gebaut wurde

Die DDR-Führung unter Walter Ulbricht ließ die Mauer errichten, um die Massenflucht in den Westen zu stoppen. Nach Angaben der Stiftung Berliner Mauer verließen zwischen 1949 und August 1961 bis zu vier Millionen Menschen die DDR. Zwar war die Grenze zur Bundesrepublik bereits 1952 stark gesichert worden, doch innerhalb des geteilten Berlins blieb lange ein Ausweg offen.

Allein in den ersten Augusttagen 1961 flohen noch einmal Zehntausende über Berlin. Dass die SED diese Entwicklung nicht länger hinnehmen wollte, zeichnete sich ab. Dennoch bestritt Ulbricht im Juni 1961 noch öffentlich entsprechende Pläne und sagte den später berühmt gewordenen Satz, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Präsidiumssitzung Bundestag in Hohenschönhausen
Klöckner besuchte die Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen. (Archivbild) Quelle: Jens Kalaene/dpa

Abriegelung am 13. August 1961

In den frühen Morgenstunden des 13. August begannen Soldaten und Bauarbeiter dann doch, die Grenze um Westberlin abzuriegeln. Mit Pflastersteinen, Betonpfählen und provisorischen Barrieren wurde der Anfang einer Grenzanlage geschaffen, die später 155 Kilometer lang sein sollte.

Im Westen wurde die Sperrung Berlins als dramatischer Einschnitt empfunden. Der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt verglich die Grenzanlagen mit der Sperrwand eines Konzentrationslagers. Die SED nannte die Mauer dagegen propagandistisch einen „antifaschistischen Schutzwall“. Später räumten frühere DDR-Funktionäre selbst ein, dass es in Wahrheit darum ging, die eigene Bevölkerung am Weggehen zu hindern.

Tote an der Grenze und bleibende Unterschiede

Auch Jahrzehnte nach dem Ende der DDR wirkt die Teilung nach. Die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser erinnert daran, wie unvorstellbar es für viele Jüngere heute sei, das eigene Leben zu riskieren, nur um das Land verlassen zu können. Wachtürme, Stacheldraht, Hunde und Schüsse gehörten zum Grenzregime. Für Berlin zählt die Stiftung Berliner Mauer 140 Todesopfer. Insgesamt sollen 915 Menschen bei Fluchtversuchen aus der DDR ums Leben gekommen sein.

Kaiser verweist zudem auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen, die bis heute sichtbar seien. In Ostdeutschland seien Einkommen, Tarifbindung und Renten im Schnitt weiter niedriger, die Arbeitslosigkeit dagegen höher. Hinzu kämen schwächere zivilgesellschaftliche Strukturen sowie weniger starke Organisationen in Bereichen wie Wohlfahrt, Kirche oder Wirtschaft. Für Kaiser sind auch das Langzeitfolgen der Teilung, die durch die Mauer zementiert wurde.

Unterschiedliche Sicht auf die DDR

Beim Rückblick auf die DDR zeigen sich weiterhin deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Eine Forsa-Umfrage unter Berlinerinnen und Berlinern aus dem Jahr 2025 deutet darauf hin, dass Menschen mit DDR-Erfahrung den früheren Staat oft weniger eindeutig bewerten. Während unter ehemaligen Westberlinern mehr als die Hälfte die DDR als Diktatur bezeichnete, fiel dieser Anteil bei ehemaligen Ostberlinern geringer aus. Zugleich sah fast ein Drittel der Befragten aus dem Osten die DDR auch als menschenorientiert oder fürsorglich an – im Westen war diese Sichtweise kaum verbreitet.

Diese gegensätzlichen Erinnerungen spiegeln sich auch in aktuellen politischen Debatten wider. Immer wieder wird die DDR verharmlost oder symbolisch verklärt – sei es in Reden, Liedern oder nostalgischen Bezügen im politischen Raum.

Warnung vor Verklärung

Die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke hält solche Tendenzen für gefährlich. Private Nostalgie könne nachvollziehbar sein, sagte sie, doch die politische Beschönigung einer Diktatur sei problematisch. Ähnlich äußert sich Anna Kaminsky von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Der 13. August erinnere nicht nur an die Abriegelung Berlins, sondern auch an die tiefen Schäden, die die Diktatur in Wirtschaft, Gesellschaft und politischer Kultur hinterlassen habe.

Die Erinnerung bleibt persönlich

Für Mario Röllig ist das keine abstrakte Debatte. Nach seinem gescheiterten Fluchtversuch saß er vier Monate in Hohenschönhausen in Einzelhaft. Noch heute erinnert er sich an die rigiden Haftbedingungen: Nachts kontrollierten die Wachleute durch den Türspion, ob die Gefangenen regungslos auf dem Rücken lagen. Selbst das Drehen im Schlaf war verboten.

Diese Erfahrungen wirken bis in die Gegenwart nach. Manchmal schrecke er noch heute auf, wenn er nachts zu Hause im Bett auf der Seite liege, erzählt Röllig. Besonders empört ihn, wenn heutige Zustände mit einer „DDR 2.0“ verglichen werden. Für ihn ist das eine Verhöhnung jener, die damals verfolgt wurden – und eine gefährliche Relativierung des erlittenen Unrechts.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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