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Gustav Weisskopf: Hob er vor 125 Jahren wirklich ab?

Nicht die Wrights? Wer wirklich den ersten Motorflug schaffte, könnte ein Franke gewesen sein – und das stellt alles infrage.

12.08.2026, 04:00 Uhr

Streit um den ersten Motorflug: War Gustav Weisskopf 125 Jahre vor den Wright-Brüdern in der Luft?

Viele Kinder aus Mittelfranken kennen auf diese Frage eine andere Antwort als viele Erwachsene weltweit: Wer brachte das erste motorisierte Flugzeug zum Abheben? Aus ihrer Sicht waren es womöglich nicht die Wright-Brüder, sondern der aus Leutershausen bei Ansbach stammende Gustav Weisskopf.

Überliefert ist, dass Weisskopfs Flugapparat am 14. August 1901 im US-Ort Bridgeport im Bundesstaat Connecticut abhob – vor genau 125 Jahren. Der allgemein anerkannte erste Motorflug der Wright-Brüder fand dagegen erst im Dezember 1903 in Kitty Hawk statt. Selbst das Luftfahrt-Standardwerk „Jane’s“ urteilte bereits 2013 sinngemäß: Die Wrights hätten recht behalten, Weisskopf sei aber früher gewesen.

Gustav-Weisskopf-Museum in Leutershausen

Nicht alle Fachleute teilen diese Sicht. Das renommierte Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington erkennt Weisskopfs Leistung ebenso wenig an wie das Deutsche Museum in München. Kritiker verweisen darauf, dass ein Reporter nur wenige Monate nach dem angeblichen Pionierflug bei Weisskopf kein solches Flugzeug mehr vorfand. Stattdessen soll er erneut an einem Dreidecker gearbeitet haben. Auch ein Jahrzehnt später sei kein weiterer Flug nachweisbar gewesen.

Weisskopf hatte Deutschland um 1890 verlassen. Nach Jahren als Seemann und einem Aufenthalt in Brasilien kam er 1897 in die USA, wo ihn die Boston Aeronautical Society beschäftigte. Später entwickelte er Flugmotoren, wirtschaftlich erfolgreich wurde er damit jedoch nie. Am Ende arbeitete er wieder als Fabrikarbeiter. Er starb 1927. Nach Angaben von Museumsleiterin Laura Gebauer stehen seine Nachfahren bis heute mit Leutershausen in Kontakt.

Angeblich 800 Meter durch die Luft

Der Flug der aus Bambus und Seide gebauten „Nr. 21“ soll rund eine halbe Meile – also etwa 800 Meter – weit geführt haben, bei ungefähr 45 Kilometern pro Stunde. Zeitungen berichteten wenige Tage später darüber. Aus heutiger Sicht wirkt das Unternehmen hochriskant: Der Pilot soll das Fluggerät im Stehen gesteuert haben.

„Die Motoren seines Apparats liefen mit Acetylen“, erklärt Laura Gebauer, die das 2023 in neuer Pracht eröffnete Gustav-Weisskopf-Museum in Leutershausen leitet. Der Kohlenwasserstoff gilt als extrem explosionsanfällig. Schon ein kleiner Funke hätte wohl genügt.

Museumsleiterin Laura Gebauer vor dem Nachbau der Nr. 21

Genau das gehört zu den Gründen, warum Weisskopfs Flüge bis heute umstritten sind. Skeptiker argumentieren, die Maschine sei nicht dauerhaft kontrollierbar gewesen. Die Bewegungen in Bridgeport seien daher eher als kurze Sprünge denn als echter Motorflug zu werten.

Wissenschaftler überzeugt: Die Maschine war flugfähig

Eindeutige Beweise wie Filmaufnahmen oder belastbare Fotos existieren nicht. Dennoch sind Luftfahrtfreunde und ein Teil der Fachwelt überzeugt, dass Weisskopf tatsächlich flog. Für Professor Klemens Rother von der Hochschule München steht fest: An der Flugfähigkeit der Condor Nr. 21 gebe es für ihn keinen Zweifel.

Enthusiasten bauten die Maschine sogar originalgetreu nach. 1997 gelang in Manching ein Flugversuch, 1998 ein weiterer. In Leutershausen ist die „21B“ heute das Prunkstück der Ausstellung.

Nachbau der Flugmaschine „Nr. 21b“ im Museum

Ob Gustav Weisskopf – der sich in den USA Gustave Whitehead nannte – wirklich vor den Wright-Brüdern motorisiert geflogen ist, spaltet Experten bis heute. In früheren Jahren führte der Streit teils sogar zu heftigen gegenseitigen Vorwürfen.

Ein wissenschaftlicher Krimi

Das Deutsche Patent- und Markenamt bezeichnet die Debatte als einen regelrechten „Wissenschafts-Krimi“ mit Helden und Schurken, ohne dass eindeutig feststehe, wer welche Rolle spiele. Klar sei einerseits, dass der letzte Beweis für Weisskopfs Pioniertat fehle. Andererseits hätten auch die Wright-Brüder ihren Anspruch auf den Ruhm des ersten Motorflugs sehr zielstrebig vertreten – teils, so der Vorwurf, mit fragwürdigen Mitteln.

Denn auch der Erstflug der Wrights und die dazugehörigen Belege werfen Fragen auf. Der Luftfahrthistoriker John Brown zieht den Flug der Brüder in Zweifel. Schattenwurf und weitere Details auf einem bekannten Bild deuteten aus seiner Sicht auf eine mögliche Manipulation hin.

Hinweis auf Weisskopfs Nachfahren

Weisskopf selbst, der sich schon früh als „Aeronaut“ bezeichnete, war mit seinen ersten Flugversuchen offenbar unzufrieden. Überliefert ist ein Satz von ihm, wonach diese Flüge wenig taugten, weil sie nicht lange genug dauerten. Später entwickelte er noch zahlreiche weitere Fluggeräte und lieferte Motoren sowie Antriebstechnik.

Trotzdem wurden die Wright-Brüder in der öffentlichen Wahrnehmung weit berühmter. Immerhin hat der Bundesstaat Connecticut Weisskopfs Flug von 1901 offiziell als Pionierleistung anerkannt. Einige Erinnerungsstücke werden heute im Connecticut Air & Space Center gezeigt. Begraben liegt Weisskopf auf einem Friedhof in Bridgeport. Sein früheres Wohnhaus in Fairfield wurde 2014 für einen Neubau abgerissen.

In den USA bleiben die Wrights die Ikonen

In den Vereinigten Staaten gelten Orville und Wilbur Wright weiterhin als die unangefochtenen Helden der Luftfahrt. Zum 100. Jahrestag ihres anerkannten Motorflugs kamen 2003 Tausende Menschen nach Kitty Hawk in North Carolina. Dort wurden auch Flüge mit einem originalgetreuen Nachbau ihres Flugzeugs versucht. Selbst der damalige US-Präsident George W. Bush ehrte die Brüder.

Das Originalflugzeug der Wrights hängt heute in einem Museum in Washington. Der historische Startplatz ist inzwischen das Wright Brothers National Memorial, das jährlich rund eine halbe Million Besucherinnen und Besucher anzieht.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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