Rheinland-Pfalz

Ahrtal-Jahrestag: «Diese Nacht lässt Deutschland nicht los»

Fünf Jahre nach der Ahrtal-Flut macht Lammert ein bewegendes Versprechen – und deutet an, was jetzt folgen muss.

14.07.2026, 12:11 Uhr

Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben Trauer, Schmerz, Zuversicht und politische Versprechen das Gedenken geprägt. Im Ahrtal erinnerten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) an die Opfer der Flutnacht vom Juli 2021 und betonten die Lehren aus der Katastrophe.

Bei der zentralen Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz von Bad Neuenahr-Ahrweiler bat der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) die Menschen im Beisein von Merz für das Versagen des Staates um Entschuldigung. Dafür erhielt er Applaus. Schnieder sagte, der Staat habe damals sein Versprechen, die Bürgerinnen und Bürger zu schützen, nicht eingehalten. Das Ahrtal sei wegen menschlicher Fehlbarkeit nicht auf eine Katastrophe dieses Ausmaßes vorbereitet gewesen.

Merz verspricht Unterstützung

Vor rund 1.000 Menschen sicherte Kanzler Merz allen von Natur- und Klimakatastrophen bedrohten oder betroffenen Menschen Hilfe zu. Niemand, keine Stadt und keine Region dürften mit der Angst vor Katastrophen und den Folgen des Klimawandels allein gelassen werden, sagte er. Zugleich betonte Merz, es sei Pflicht staatlicher Organisationen, dort Vorsorge zu treffen, wo die Möglichkeiten des Einzelnen nicht ausreichten. In den betroffenen Flutgebieten erwarte man zu Recht, dass der Bund über die Aufbauhilfefonds hinaus seinen Teil zur Unterstützung beitrage.

Steinmeier, der zuvor in der Kapelle des Friedhofs in Ahrweiler einen Kranz niederlegte, nannte den Jahrestag einen Auftrag an alle, mit ihren Möglichkeiten dazu beizutragen, dass sich Hochwasserkatastrophen mit solch verheerenden Folgen möglichst nicht wiederholten.

Ausstellung zeigt Geschichten aus dem Ahrtal

Am Vormittag eröffneten Schnieder und Steinmeier in Altenahr die Fotoausstellung „We Ahr Strong. Fünf Jahre, ein neuer Blick“. Sie zeigt Porträts von Menschen aus der Region und erzählt, was ihnen in der schweren Zeit geholfen hat, worauf sie stolz sind und welche Zukunftsbilder sie mit dem Ahrtal verbinden.

Zu den Porträtierten gehört der 89-jährige Eberhard Schimanski aus Ahrweiler. Er berichtete, dass in der Flutnacht alles verloren gegangen sei, was er geliebt habe. Seine Frau sei ihm von einer Flutwelle aus den Armen gerissen worden. Trotzdem schaut er heute wieder mit Zuversicht nach vorne. Er sagt, ihm sei das Leben nach der Flut noch einmal geschenkt worden.

Auch Laura, die beim Hochwasser 13 Jahre alt war, erinnerte sich an die Nacht als besonders schlimm. Erst in den frühen Morgenstunden, als das Wasser zurückging, habe sie kurz schlafen können. Danach sei sofort klar gewesen: helfen, anpacken, unterstützen.

Steinmeier sagte, Schmerz und Leid seien auch fünf Jahre später nicht vergessen. Das Ahrtal stehe aber nicht nur für eine Katastrophe, sondern auch für ein beeindruckendes Maß an Solidarität.

„Manche Verluste sind unersetzlich“

Die parteilose Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand, hat die Flut selbst miterlebt. Damals war sie Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr. Sie sagte, die Ausstellung mache deutlich, dass von der Flut mehr geblieben sei als Zerstörung. Zugleich gelte: Manche Verluste seien unersetzlich.

Weigand fordert vom Bund, die Aufbauhilfefonds auch für Hochwasserrückhaltebecken zu öffnen.

Mehr als 180 Menschen starben

Die Flut in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 zählt zu den schwersten Naturkatastrophen der jüngeren deutschen Geschichte. Nach tagelangem Starkregen verwandelte sich vor allem die Ahr in ihrem engen Tal in eine zerstörerische Sturzflut.

Mindestens 136 Menschen kamen in Rheinland-Pfalz ums Leben, 49 in Nordrhein-Westfalen. Mehrere Hundert weitere wurden verletzt. Eine Person aus der Ahr-Region gilt bis heute als vermisst. Viele Überlebende kämpfen noch immer mit psychischen Folgen.

Die Wassermassen rissen Autos, Häuser und Existenzen mit sich und zerstörten weite Teile der Infrastruktur. Fünf Jahre später ist der Wiederaufbau noch nicht abgeschlossen.

Schnieder besucht Lebenshilfe in Sinzig

Besonders eindringlich bleibt auch das Schicksal der Lebenshilfe in Sinzig: Dort kamen in der Flutnacht zwölf Menschen ums Leben, als das Wasser sie im Schlaf überraschte. Am späten Nachmittag besuchte Ministerpräsident Schnieder das neu renovierte Haus der Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung am Unterlauf der Ahr.

Bewohnerin Carola Körbel sprach von der schlimmsten Nacht ihres Lebens. Einer der Toten sei ihr bester Freund gewesen. Das Wasser habe damals höher als ihr Kopf gestanden, schilderte sie.

Katastrophenschutz inzwischen besser aufgestellt

Die Flutkatastrophe hat Reformen im Katastrophenschutz angestoßen. Dazu gehören ein Förderprogramm für Sirenen und die Einführung des Warnsystems Cell Broadcast, mit dem Warnmeldungen direkt an Mobiltelefone in einem betroffenen Gebiet gesendet werden können. In Rheinland-Pfalz wurde außerdem ein neues Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz geschaffen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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