Rheinland-Pfalz

Flut-Kinder: «Dann kamen Wasser und Schreie»

Die Flutnacht raubte ihnen alles: Kinder aus dem Ahrtal erzählen, warum die Katastrophe sie bis heute nicht loslässt.

10.07.2026, 12:17 Uhr

Fünf Jahre nach der Ahr-Flut: Viele Kinder tragen die Erlebnisse noch immer in sich

Auch fünf Jahre nach der verheerenden Flut im Ahrtal sind die Erinnerungen bei vielen Kindern und Jugendlichen präsent. Der heute 13-jährige Kiyan wohnte damals mit seiner Familie unmittelbar an der Ahr. Als ihn sein Vater in der Nacht weckte und durch das Wasser zum Auto brachte, hielt er alles zunächst für einen Traum.

„Ich konnte es damals gar nicht richtig glauben“, sagt er rückblickend. Erst später, als seine Mutter ihm Aufnahmen des zerstörten Hauses zeigte, begriff er das Ausmaß der Katastrophe. Spielsachen, Kuscheltiere und Konsolen waren verschwunden. „Am Ende war einfach alles weg.“

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 hatte extremer Starkregen eine schwere Sturzflut ausgelöst. In Rheinland-Pfalz kamen dabei 136 Menschen ums Leben. Die Wassermassen zerstörten Häuser, rissen Autos fort und veränderten das Leben vieler Familien dauerhaft. Auf die Katastrophe folgten Trauer, Verzweiflung und ein mühsamer Neuanfang.

Sorge um die Familie

Bei vielen Kindern haben sich nicht nur die Bilder der Flut eingebrannt, sondern auch die Angst um Eltern und Angehörige. Die zehnjährige Johanna erinnert sich, wie sie mit ihrer Schwester lange am Fenster saß und auf die Mutter wartete. Diese hatte zuvor geschrieben, dass ihr Auto beinahe von den Fluten erfasst worden wäre. „Ich hatte einfach große Angst“, erzählt Johanna.

Auch Max, heute 13 Jahre alt, blieb in jener Nacht wach. Während das Wasser in das Erdgeschoss des Hauses drang, verfolgte seine Familie per Nachrichten, wie dramatisch die Lage bei den Großeltern war. Sie saßen auf dem Dach ihres Hauses fest, während der Pegel immer weiter stieg. „Das Nachbarhaus ist schon eingestürzt“, erinnert sich Max. Besonders die Sorge, die Großeltern könnten nicht mehr gerettet werden, habe sich bei ihm eingebrannt.

Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe - Kinder im Ahrtal
Freizeitangebote für Kinder werden im Ahrtal nach und nach wieder aufgebaut. Quelle: Thomas Frey/dpa

Josephine, ebenfalls 13, wurde in der Nacht durch Lärm geweckt. Vor allem das Wasser und die Schreie seien ihr in Erinnerung geblieben. Sie fürchtete, dass die Flut auch ihr Zuhause erreichen könnte. Ihr gleichaltriger Freund Mattis denkt vor allem an den Morgen danach zurück: Wegen des Stromausfalls ließen sich die Rollläden nicht öffnen, draußen lag starker Ölgeruch in der Luft. Erst nach und nach wurde klar, was in der Region geschehen war.

Der Alltag der Kinder brach weg

Für viele junge Menschen zeigte sich das volle Ausmaß der Katastrophe vor allem in den Monaten danach. Spielplätze waren zerstört, Schulen beschädigt, Brücken unpassierbar. „Man konnte eigentlich gar nichts machen“, sagt Josephine. Auch Mattis beschreibt, wie belastend es war, dass in einem Alter, in dem man selbstständiger werden will, plötzlich fast nichts mehr möglich war.

Dass er und andere Kinder inzwischen wieder Tischtennis im Turn- und Sportverein Ahrweiler spielen können, ist auch der Organisation Help – Hilfe zur Selbsthilfe zu verdanken. Nach der Flut sammelte sie rund sechs Millionen Euro für das Ahrtal und unterstützte damit knapp 190 Projekte. Der Verein von Mattis erhielt unter anderem Tischtennisplatten, Medizinbälle sowie Zuschüsse für Miete und weitere Ausgaben in Höhe von rund 30.000 Euro.

Kinderpsychiaterin: Unterstützung reicht nicht aus

Regina Fredrich, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie -psychotherapie in Bad Neuenahr-Ahrweiler, berichtet, dass nach der Flut viele Angebote für Kinder schlagartig verschwanden. „Die soziale Infrastruktur ist damals praktisch zusammengebrochen“, sagt sie. Ersatzschulen, fehlende Sportplätze, geschlossene Freibäder und kaum Freizeitmöglichkeiten hätten viele Kinder massiv belastet – teilweise bis heute.

Unmittelbar nach der Katastrophe seien zwar ein Traumahilfenetzwerk und ein Traumahilfezentrum eingerichtet worden. Doch ein Teil dieser akuten Angebote existiere inzwischen nicht mehr. Gleichzeitig suchten viele Familien erst jetzt Hilfe. Für Fredrich steht deshalb fest: „Die Unterstützung war und ist nicht ausreichend.“

Deutlich mehr Angststörungen und Depressionen

Nach Einschätzung der Ärztin ist der Bedarf an therapeutischer Behandlung stark gestiegen. Praxen seien überlastet, die Wartezeiten teils sehr lang. Beobachtet werde ein klarer Anstieg von Angststörungen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Ursachen seien vielfältig, stünden aber oft im Zusammenhang mit den Belastungen durch Corona und die Flut.

Viele Kinder und Jugendliche entwickelten Verlustängste, fürchteten sich bei Dunkelheit oder starkem Regen. Auch Angst vor dem Schwimmen komme nicht selten vor. Hinzu komme die anhaltende Belastung vieler Eltern, die teilweise noch immer mit finanziellen Sorgen und dem Verlust ihrer Existenz kämpfen. Wenn Eltern selbst stark belastet seien, könnten sie Kindern weniger Sicherheit geben. Diese wiederum neigten dazu, ihre eigenen Gefühle zurückzustellen.

Mehr Freizeitangebote gefordert

Aus Sicht von Fredrich braucht es mehr Freizeitmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche sowie schnellere und unbürokratischere Hilfe beim Wiederaufbau. Positiv hebt sie etwa die im Winter aufgebaute Eisbahn hervor, die von vielen gut angenommen worden sei. Beim Schwimmenlernen gebe es jedoch weiterhin große Defizite: Kinder könnten dies bislang nur in einem kleinen, veralteten Bad mit begrenzten Kursplätzen.

Trotz aller Verluste bleiben viele Familien im Ahrtal oder kehren zurück. Laut Fredrich spielt dabei die starke Verbundenheit mit der Heimat eine wichtige Rolle. Auch Kiyan sagt heute trotz allem: „Ich bin sehr dankbar, dass ich hier aufgewachsen bin. Ich finde es hier eigentlich sehr schön.“

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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