Seit Jahrzehnten in der Backstube zuhause
Wäre Gert Ebenrecht ein gewöhnlicher Arbeitnehmer, hätte er seinen Ruhestand schon vor rund 20 Jahren antreten können. Für den 85-Jährigen kommt ein Leben ohne das Bäckerhandwerk jedoch nicht infrage. Schon als kleines Kind stand er in der Backstube seines Großvaters. Noch vor dem Kindergarten habe er dort mitgeholfen, erzählt er. Die Bäckerei im kleinen Ort Teicha nahe Halle existierte damals bereits seit Jahrzehnten. Gegründet wurde der Familienbetrieb 1911 von seinem Großvater Karl.
Heute arbeiten in der Bäckerei drei Generationen gemeinsam Seite an Seite – alle mit Meistertitel. Gert Ebenrecht ist seit 65 Jahren Bäckermeister und wird dafür am Freitag von der Handwerkskammer Halle mit dem Eisernen Meisterbrief geehrt. Für ihn ist klar: Er macht weiter aus Überzeugung und nicht aus Pflichtgefühl.
Arbeitsbeginn mitten in der Nacht
Nur das frühe Aufstehen überlässt der Senior inzwischen seinem Sohn Thomas. In der Backstube beginnt der Arbeitstag bereits um 2 Uhr morgens. Thomas Ebenrecht, Konditormeister, führt den Betrieb inzwischen zusammen mit seinem Sohn Max. Für alle drei war ein anderer Beruf offenbar nie wirklich eine Option. Gert Ebenrecht beschreibt das Verhältnis der drei Meistergenerationen als etwas sehr Besonderes – weit mehr als nur ein gewöhnliches Arbeitsverhältnis.
Max, der als künftiger Chef gilt, kümmert sich vor allem um Vertrieb und neue Rezeptideen. Er richtet den Betrieb auf die Zukunft aus. Für mehrere Produkte wurde die Bäckerei bereits ausgezeichnet: Insgesamt fünf „Kulinarische Sterne“ des Landes gingen unter anderem an das Dinkelbrot, den Stollen und das sogenannte Bierbrot. Außerdem hat Max erreicht, dass die Produkte inzwischen auch in regionalen Supermärkten verkauft werden. Bis dahin sei jedoch viel Geduld nötig gewesen – ganze sechs Jahre Überzeugungsarbeit.
Traditionelles Handwerk unter Druck
In mehr als 60 Berufsjahren habe sich im Bäckerberuf vieles verändert, sagt Gert Ebenrecht. Nicht nur Technik und Arbeitsweise hätten sich gewandelt, auch die Anerkennung für das Handwerk sei gesunken. Billige Backwaren aus dem Supermarkt machten es traditionellen Betrieben schwer. Während der Dorfbäcker früher zum festen Alltag gehörte und die Menschen vor Ort versorgte, sind familiengeführte Handwerksbäckereien mit eigenem Laden heute selten geworden – auch in Teicha.
Nachwuchs bleibt ein großes Problem
Neben der Familie arbeiten vier weitere Beschäftigte im Betrieb. Mehr Personal wäre dringend nötig. Zwar haben die Ebenrechts wiederholt Auszubildende betreut, doch viele hätten die Lehre abgebrochen oder sich nach erfolgreichem Abschluss für weniger anstrengende Tätigkeiten entschieden. Max Ebenrecht berichtet, dass selbst eine reguläre 40-Stunden-Woche oder ein Führerschein für manche junge Leute keine Selbstverständlichkeit mehr seien.
Auch bundesweit zeigt sich dieser Trend deutlich: Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks hat sich die Zahl der Auszubildenden zwischen 2014 und 2024 etwa halbiert – von rund 20.500 auf ungefähr 10.000. Eine echte Erholung der Lage erkennen die Ebenrechts bislang nicht.
Familienbetrieb mit viel Einsatz
Ohne den Einsatz der gesamten Familie hätte der Betrieb wohl kaum mehr als ein Jahrhundert überstanden. Neben dem Verkauf über Supermärkte gibt es eine Filiale in der Hallenser Innenstadt. Zusätzlich sind an Werktagen zwei Verkaufswagen in der Region unterwegs. Debatten über Teilzeit oder Work-Life-Balance spielen in der Backstube eher eine untergeordnete Rolle. Thomas Ebenrecht bringt es knapp auf den Punkt: Wer selbstständig sei, dürfe nicht ständig auf die Arbeitszeit schauen.
Trotz aller Belastungen sind die drei Generationen stolz auf das, was sie aufgebaut haben – und darauf, den Betrieb trotz steigender Kosten und der Konkurrenz großer Industriebäckereien am Leben zu halten. Ganz ohne Meinungsverschiedenheiten geht es dabei allerdings nicht. Gert Ebenrecht besteht auch heute noch darauf, den Teig für Mohnzöpfe per Hand zu flechten, anstatt ihn mit Formen auszustechen. Sohn und Enkel sehen den zusätzlichen Aufwand eher kritisch.
Der Senior will weitermachen
Gleichzeitig wissen Thomas und Max die Hilfe des Seniors sehr zu schätzen. Nach zwei schweren Krebserkrankungen sei es beinahe ein Wunder, dass Gert Ebenrecht noch immer so tatkräftig mitarbeite, sagt sein Sohn. Der Altmeister selbst sieht das gelassen: Er fühle sich körperlich fit und wolle weitermachen, solange es möglich sei. Reisen oder ein ruhigerer Lebensabend reizen ihn offenbar wenig. Er habe schon viel gesehen, meint er achselzuckend.
Hoffnung für die nächste Generation
Inzwischen wächst bereits die sechste Generation der Familie heran. Der Urenkel von Gert Ebenrecht ist zwei Jahre alt. Ob auch er später einmal in der Bäckerei stehen wird, ist offen. Max Ebenrecht bleibt jedoch optimistisch und glaubt, dass das Handwerk wieder mehr Zuspruch bekommt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber