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Wie Angst und Tradition Ebola anheizen

Tödliches Virus, unglaubliche Reaktionen: Warum im Ostkongo viele Schutz ablehnen – und manche Ebola für erfunden halten.

29.05.2026, 04:00 Uhr

Angst, Zweifel und Misstrauen: Ebola-Ausbruch in Ituri trifft auf Widerstand

Bunia/Mainz/Tübingen – In der kongolesischen Provinz Ituri breitet sich nicht nur die Furcht vor Ebola aus, sondern auch die Verharmlosung der Krankheit. Obwohl es bereits mehr als 1.000 Verdachtsfälle gibt, wollen viele Menschen nicht akzeptieren, dass die gefährliche Infektion ihren Alltag erreicht hat.

Ein Bewohner aus Lita, Ngone Ngobba Jean Claude, berichtete gegenüber der Hilfsorganisation Actionaid, dass zahlreiche Menschen nicht an Ebola glauben wollten. Einige hielten die Krankheit für eine Erfindung, mit der Geld verdient werden solle. Andere unterstellten Ärzten Lügen oder meinten, hochprozentiger Alkohol könne vor einer Ansteckung schützen.

Actionaid-Landesdirektor Saani Yakubu sagte, der Kampf richte sich nicht nur gegen das Virus selbst, sondern ebenso gegen Falschinformationen, Angst und tief verwurzeltes Misstrauen. Nach Einschätzung der Organisation hält ungefähr ein Drittel der Menschen in der betroffenen Region Ebola für einen Mythos.

Aufklärung von Haus zu Haus

Um dem entgegenzuwirken, informieren Helfer des Roten Kreuzes, Pfadfinder und weitere Freiwillige die Bevölkerung direkt vor Ort. Sie gehen von Tür zu Tür und erklären, wie Ebola übertragen wird und wie man sich schützen kann.

Doch die notwendigen Schutzmaßnahmen stehen in starkem Gegensatz zu sozialen und kulturellen Gewohnheiten in der Region. Vor allem Isolation, die Trennung von Familienmitgliedern und strenge Regeln bei Beerdigungen stoßen auf Unverständnis.

Ebola-Ausbruch im Kongo
Viele Menschen haben Angst vor Ebola – andere verleugnen die Existenz der hochgefährlichen Krankheit. (Archivbild) Quelle: Moses Sawasawa/AP/dpa

Angst vor Isolation hält Kranke fern

Für viele Menschen ist es unvorstellbar, Kranke oder Sterbende allein zu lassen. In vielen afrikanischen Krankenhäusern wachen Angehörige traditionell am Krankenbett, bringen Essen mit und leisten Beistand. Gemeinschaft spielt gerade in Notsituationen eine zentrale Rolle.

Die Tropenmedizinerin Gisela Schneider aus Tübingen, die Ituri gut kennt, erklärt, viele Menschen fürchteten Krankenhäuser vor allem wegen der Isolation. Wer Symptome habe, versuche deshalb oft schnell an einen anderen Ort zu gelangen, um nicht entdeckt und in Quarantäne gebracht zu werden.

Beerdigungsregeln verstärken Ablehnung

Besonders konfliktreich sind Beisetzungen unter Ebola-Bedingungen. Angehörige können sich häufig nicht in der gewohnten Weise am offenen Sarg verabschieden. Für viele Familien bedeutet das einen schweren Bruch mit ihren Traditionen.

Jean Marie Ezadri, Vertreter einer zivilgesellschaftlichen Organisation in Ituri, betonte, dass die Kultur einen würdevollen Abschied mit sichtbarer Verabschiedung des Verstorbenen verlange. Gerade deshalb sorgten die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen für Angst und Wut.

Mehrfach kam es bereits zu Angriffen auf Behandlungszentren, nachdem Familien die Herausgabe verstorbener Ebola-Patienten verlangt hatten. Serge Lemy, Leiter des Roten Kreuzes in Ituri, sagte, manche Gemeinschaften warfen den Helfern sogar vor, Leichen bei sicheren Bestattungen zu verstümmeln.

Mythen entstehen auch aus Verdrängung

Verschwörungserzählungen und Legenden im Zusammenhang mit Epidemien seien kein rein afrikanisches Phänomen, sagt der Mainzer Psychologe Roland Imhoff. Ähnliche Muster habe es auch bei HIV in den 1980er Jahren und später während der Corona-Pandemie gegeben.

Oft stecke dahinter ein psychologischer Schutzmechanismus: Menschen verarbeiteten Informationen nicht nur anhand überprüfbarer Fakten, sondern auch nach dem, was ihnen emotional Sicherheit gebe. Wer eine Bedrohung kleinrede oder leugne, versuche sich dadurch selbst zu beruhigen.

Imhoff erklärt außerdem, dass Menschen Informationen eher glaubten, wenn diese zu ihren bestehenden Überzeugungen passten. Quellen, die das eigene Weltbild bestätigten, erschienen deshalb häufig glaubwürdiger als wissenschaftlich belegte Erkenntnisse.

Historische Erfahrungen nähren Skepsis

Der Tübinger Wissenschaftler Michael Butter, ein Experte für Verschwörungstheorien, sieht im Kongo zusätzlich besondere historische Ursachen. Er verweist auf die koloniale Vergangenheit des Landes. Der Kongo war Teil des berüchtigten Kongo-Freistaats unter dem belgischen König Leopold II., dessen Herrschaft mit dem Tod von Millionen Menschen in Verbindung gebracht wird.

Diese lange Geschichte von Gewalt und Unterdrückung habe, so Butter, ein tiefes Misstrauen gegenüber Autoritäten hinterlassen. Deshalb griffen Menschen teilweise lieber auf alternative Erklärungen zurück – vor allem dann, wenn diese weniger bedrohlich wirkten.

Auch Gisela Schneider erinnert daran, dass der Ebola-Ausbruch eine Bevölkerung treffe, die durch jahrzehntelange bewaffnete Konflikte im Osten des Kongo und durch Millionen Binnenvertriebene ohnehin schwer traumatisiert sei.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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