Wissen

Warum Ebola jetzt außer Kontrolle gerät

Ebola außer Kontrolle: Schon 1.500 Tote in drei Monaten – Experten warnen jetzt vor einer historischen Katastrophe.

30.07.2026, 11:42 Uhr

Ebola-Ausbruch im Ostkongo spitzt sich dramatisch zu

Die Ebola-Epidemie im Osten der Demokratischen Republik Kongo zählt schon nach kurzer Zeit zu den schwersten jemals registrierten Ausbrüchen. Innerhalb von nur drei Monaten starben mehr als 1.500 Menschen. Besonders alarmierend ist, dass sich das Virus schneller auszubreiten scheint als bei früheren Epidemien. Bei vielen neuen Fällen lässt sich trotz Kontaktverfolgung nicht mehr nachvollziehen, wo die Ansteckung erfolgte.

Der Berliner Epidemiologe Maximilian Gertler, der für Ärzte ohne Grenzen mehrfach bei Ebola-Einsätzen tätig war, bezeichnet die Lage als deutlich besorgniserregender als zu Beginn der großen Westafrika-Epidemie 2014. Damals kamen innerhalb von zwei Jahren mehr als 11.000 Menschen ums Leben. Aus seiner Sicht gibt es derzeit kaum Hinweise darauf, dass der aktuelle Ausbruch früher oder wirksamer gestoppt werden kann als damals.

Wie hat sich die Epidemie entwickelt?

Mitte Mai rief die Weltgesundheitsorganisation den Gesundheitsnotstand aus. Der erste bestätigte Ebola-Fall wurde Ende April in der Grenzprovinz Ituri gemeldet, wo rund acht Millionen Menschen leben. Fachleute vermuten allerdings, dass das Virus bereits seit Februar in der Region zirkulierte.

Ebola wird durch direkten Kontakt mit infizierten Personen oder deren Körperflüssigkeiten übertragen. Die Krankheit verursacht hohes Fieber und kann mit Durchfall sowie Blutungen einhergehen.

Bislang wurden im Labor mehr als 3.400 Fälle bestätigt. Nach Einschätzung der WHO könnte die tatsächliche Zahl jedoch zwei- bis viermal höher liegen. Mehr als 80 Prozent der neu festgestellten Infektionen tauchen nicht auf den Kontaktlisten bekannter Patienten auf. Das deutet darauf hin, dass sich das Virus weiterhin weitgehend unkontrolliert verbreitet.

Ebola in der DR Kongo
Die tatsächliche Zahl der Infizierten dürfte nach Schätzungen der WHO zwei bis vier Mal so hoch liegen wie bislang bekannt. Quelle: -/XinHua/dpa

Zudem nimmt die Zahl der Neuinfektionen von Woche zu Woche zu. Auch geografisch breitet sich die Epidemie weiter aus: Inzwischen wurden Fälle in fünf Provinzen registriert, darunter auch an der stark frequentierten Grenze zum fragilen Südsudan.

Warum ist die Krankheit so gefährlich?

Nach Angaben der Behörden liegt die Sterblichkeitsrate aktuell bei etwa 44 Prozent. Fast jeder zweite bestätigte Patient ist demnach gestorben. Gegen die Bundibugyo-Variante des Ebolavirus, die für diesen Ausbruch verantwortlich ist, stehen bislang weder speziell entwickelte Impfstoffe noch gezielte Medikamente in breitem Einsatz zur Verfügung.

Bei früheren Ausbrüchen dieser Virusvariante lag die Todesrate laut WHO 2007 in Uganda bei 30 Prozent und 2012 im Kongo bei 50 Prozent.

Ärzte ohne Grenzen berichtet außerdem, dass viele Erkrankte erst sehr spät in Behandlungszentren gebracht werden – häufig erst dann, wenn ihr Zustand bereits kritisch ist. Die WHO geht davon aus, dass etwa zwei Drittel der Todesopfer in ihren Gemeinden sterben, ohne jemals in einer spezialisierten Ebola-Einrichtung behandelt worden zu sein. Gerade solche Todesfälle im familiären Umfeld erhöhen das Ansteckungsrisiko für Angehörige erheblich.

Weshalb gelingt die Eindämmung nur unzureichend?

Im Krisengebiet stehen laut WHO inzwischen knapp 950 Betten in Isolations- und Behandlungszentren bereit. Allerdings ist die Lage sehr unterschiedlich: In Nord-Kivu sind die Einrichtungen mit 136 Prozent überbelegt, und in Bunia berichten Helfer von Wartezeiten. Gleichzeitig bleibt in Ituri etwa ein Drittel der vorhandenen Betten ungenutzt.

Maximilian Gertler erklärt das mit der hohen Dynamik des Ausbruchs und der sehr unterschiedlichen Sicherheitslage. Dadurch sei es äußerst schwierig, die nötigen Kapazitäten rechtzeitig genau dort bereitzustellen, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Ein weiteres großes Hindernis sind mangelnde Aufklärung und tiefes Misstrauen in der Bevölkerung. Viele Menschen fürchten sich davor, Kranke in Behandlungszentren zu bringen, über die sie oft nur Gerüchte kennen. Hinzu kommen fehlendes Vertrauen in das Gesundheitssystem und unzureichendes Wissen über die Ansteckungswege. Immer wieder kommt es zudem zu Angriffen auf Helfer.

Schwierige Bedingungen im Osten des Landes

Die Sicherheitslage in der Region erschwert den Kampf gegen Ebola zusätzlich massiv. Hunderttausende Vertriebene leben teils seit Jahren in provisorischen Lagern mit schlechter Hygiene und kaum vorhandener medizinischer Versorgung. Krankheiten wie Malaria und Cholera, die ähnliche Symptome wie Ebola hervorrufen können, sind weit verbreitet. Viele Menschen leiden zudem unter Hunger und leben ständig in Angst vor Gewalt, Massakern oder sexuellen Übergriffen.

In Nord- und Süd-Kivu sind bewaffnete Gruppen aktiv, die gegen die Regierung und verbündete Milizen kämpfen. In Ituri verübt unter anderem die mit dem Islamischen Staat verbundene Rebellengruppe ADF Angriffe auf Dörfer. Laut der Konfliktdatenorganisation Acled wurden in den drei betroffenen Provinzen in diesem Jahr mindestens rund 1.100 Zivilisten getötet.

Welche Gegenmaßnahmen laufen derzeit?

Am 24. Juli startete die erste Testphase eines Impfstoffs der Universität Oxford gegen die Bundibugyo-Variante am Menschen. Nach Angaben der Entwickler sind bereits 620.000 Dosen verfügbar. Dennoch dürfte es selbst unter günstigen Bedingungen noch Monate dauern, bis ein breiterer Einsatz möglich ist.

Seit Anfang Juli werden außerdem zwei antivirale Behandlungen klinisch getestet: der monoklonale Antikörper MBP134 sowie das Medikament Remdesivir. Zusätzlich läuft eine Studie zur Postexpositionsprophylaxe mit Obeldesivir, das Infektionen bei engen Kontaktpersonen von Erkrankten verhindern soll.

Die Nachverfolgung von Kontaktpersonen erreicht laut WHO derzeit nur 78 Prozent. Von etwa 15.500 gemeldeten Kontakten konnten rund 12.100 überprüft werden. Um einen Ausbruch wirksam einzudämmen, wäre jedoch eine Quote von etwa 95 Prozent erforderlich.

Wie sind die Aussichten?

Beim bislang zweitschwersten Ebola-Ausbruch im Ostkongo zwischen 2018 und 2020 starben etwa 2.300 Menschen. Damals wurden mehr als 300.000 Kontaktpersonen mit einem bereits erprobten Impfstoff gegen die Zaire-Variante geimpft. Die WHO betont jedoch, dass neben medizinischen Maßnahmen vor allem das Vertrauen der Bevölkerung entscheidend ist. In der Vergangenheit spielten traditionelle und religiöse Autoritäten als Vermittler in den Gemeinden eine wichtige Rolle.

Nach Einschätzung von Gertler braucht es nun dringend mehr Isolationsplätze, eine deutlich intensivere Kontaktverfolgung und eine massive Ausweitung der Aufklärung. Geschieht das nicht in ausreichendem Umfang, müsse damit gerechnet werden, dass die Epidemie noch lange andauert – vermutlich auch im kommenden Jahr – und sich möglicherweise auf weitere Länder der Region ausweitet.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen