Menschen handeln weltweit mit mindestens 107.356 wildlebenden Tier-, Pflanzen- und Pilzarten – deutlich mehr als bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Fachjournal Science Advances veröffentlichte Studie unter Leitung der Universität Melbourne. Da in vielen Staaten verlässliche und systematische Daten fehlen, dürfte die tatsächliche Zahl nach Einschätzung der Forschenden sogar noch höher liegen.
Frühere Schätzungen, etwa vom Weltbiodiversitätsrat IPBES, gingen von rund 50.000 international gehandelten Arten aus. Die neue Analyse erfasste allein mehr als 47.000 Tierarten, dazu fast 50.000 Pflanzenarten sowie zahlreiche Pilze. Studienleiterin Alice Hughes betonte, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit oft auf den illegalen Handel mit Elefanten, Tigern oder Schuppentieren richte – das tatsächliche Ausmaß aber weit darüber hinausgehe.
Legaler Handel dominiert
Den Forschenden zufolge entfällt der größte Teil des Handels auf legale Geschäfte. Deren jährlicher Wert wird auf 220 bis 300 Milliarden US-Dollar geschätzt. Der illegale Handel erreicht demnach immer noch ein Volumen von 28,4 bis 39,5 Milliarden Dollar.
Wie stark sich die Nutzung auf die Natur auswirken kann, zeigt ein weiterer Befund der Studie: Dort, wo Vergleichsdaten vorliegen, sind die Bestände gehandelter Populationen im Schnitt 50 bis 60 Prozent kleiner als die von Populationen, die nicht genutzt werden.
Außerdem sehen die Forschenden Hinweise darauf, dass der Handel direkt oder indirekt zum weltweiten Aussterben von 294 Arten beigetragen hat. Weitere 25 Arten existieren in der Natur nicht mehr und überleben nur noch in menschlicher Obhut. In 192 Fällen seien Populationen zumindest regional vollständig verschwunden.

Große Lücken bei den Daten
Wie umfangreich der Handel mit wildlebenden Arten tatsächlich ist, lässt sich bislang nur unvollständig beziffern. Das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES dokumentiert vor allem den internationalen Handel mit bedrohten Arten. Andere Datenbanken konzentrieren sich dagegen auf einzelne Bereiche wie Fischerei oder Holzhandel.
Vergleichsweise gut erfasst ist die Lage in den USA: Dort registriert das Informationssystem Lemis seit dem Jahr 2000 den Handel mit mehr als 21.000 wildlebenden Tierarten. In vielen anderen Ländern fehlen solche Datensammlungen jedoch. Laut Studie waren 25 Prozent der erfassten gehandelten Vogelarten ausschließlich in der US-Datenbank verzeichnet, bei den Säugetieren lag dieser Anteil sogar bei 54 Prozent.
Auch für Europa könnte das Handelsvolumen ähnlich groß oder sogar größer sein als in den Vereinigten Staaten. Wegen fehlender öffentlicher Daten lasse sich das aber derzeit nicht belastbar prüfen. Hughes erklärte, das Kernproblem sei, dass viele Informationen nicht frei zugänglich seien und möglicherweise auch nicht in einer Form vorlägen, die eine realistische Einschätzung des Handels ermögliche.
Forschende fordern internationale Erfassung
Die Autorinnen und Autoren der Studie plädieren deshalb für eine systematischere und international abgestimmte Datenerhebung. Bestehende Kontrollen im Zoll- und Veterinärbereich könnten genutzt werden, um den Handel umfassender zu dokumentieren.
Hughes machte deutlich, dass ein wirksamer Schutz der biologischen Vielfalt nur mit deutlich mehr Transparenz möglich sei: Wer den Verlust von Artenvielfalt ernsthaft bremsen wolle, brauche eine weltweit koordinierte und deutlich umfassendere Erfassung des Handels mit wildlebenden Arten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber